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Agyness Deyn: Die neue Kate Moss

Die Britin Agyness Deyn zog nach Manhattan, wurde Supermodel - und möchte doch lieber ein Punkmädchen bleiben. Sie trägt einen Borsten-Haarschnitt und Doc Martens und trinkt gern einen, bevorzugt in abgerockten Bars. Nun widmet das Szene-Magazin "i-D" der Ikone eine ganze Ausgabe.

Von Ulrike von Bülow, New York

Man sieht sie hin und wieder in Manhattan, im East Village. Vormittags, wenn sie sich bei Starbucks auf der Second Avenue, Höhe 9. Straße, einen Cafe Latte mit Sojamilch holt; sie wohnt um die Ecke. Nachts, wenn sie auf der Houston Street einer Limousine entsteigt und ihr dabei das Handy aus der Hand flutscht, dass sie dann kichernd vom Gehweg aufsammelt, etwas wackelig auf den Beinen. Sie kommt dann, hicks, von irgendeiner cremigen Modeparty und zieht meist weiter, in eine reale Bar.

Agyness Deyn, 25, feiert gern. Vermutlich liegt das an ihren britischen Wurzeln, denn "wer aus dem Norden Englands kommt", sagt sie, "der trinkt halt ziemlich viel. Also bin ich hin und wieder mal ein wenig betrunken. Aber ich komme nie an den Punkt, an dem ich nicht mehr laufen kann." Sie lacht. "Na gut, manchmal doch", sagt sie dann.

Agyness Deyn, deren Name "Ägnäs Diehn" ausgesprochen wird, ist ein zartes Model mit kurzen, wasserstoffblonden Haaren, einem schmalen Gesicht und großen, blauen Augen. Deyn kommt aus Manchester, aber sie lebt seit mehr als einem Jahr in New York und mit ihrer Karriere geht es seit dem prächtig voran: Überall heißt es nun, Agyness Deyn sei die neue Kate Moss. Und Anna Wintour, bedeutungsschwere Chefredakteurin der amerikanischen Vogue, lobt den "kompromisslosen Stil" Deyns, die mit ihrem eigenwilligen Schopf immer und überall bestens zu erkennen ist: in Kampagnen von Giorgio Armani, Hugo Boss oder Burberry, für die sie posiert, bei Fashion-Shows von Oscar de la Renta, Missoni oder Anna Sui, deren Kollektionen sie vorführt. Und in der Menge ihrer Freunde, die Agyness Deyn im Februar im "Don Hill's", einem Club in Manhattan, auf Händen trugen - zu ihrem Geburtstag, bei einer Party, die Anna Sui dort für sie gab.

Wie Laura Hollins zu Agyness Deyn wurde

Jetzt widmet ihr das britische "i-D Magazin", Hochglanzbibel der Modejünger, eine ganze Ausgabe: Die Mai-Nummer beschäftigt sich von vorn bis hinten ausschließlich mit Agyness Deyn; es gibt sechs verschiedene Titelversionen mit ihrem Gesicht darauf, und immer steht darunter: "ICON", Ikone. "Manchmal", sagt Agyness Deyn, "frage ich mich: Wie zur Hölle bin ich soweit gekommen? Ich schätze, ich hatte Glück." Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sie sich stets treu geblieben ist. Nur ihren Namen hat sie verändert, denn geboren wurde Agyness Deyn als Laura Hollins.

Deyn wuchs mit einem älteren Bruder und einer jüngeren Schwester auf, ihre Eltern ließen sich scheiden, als sie noch ein kleines Mädchen war. Ihre Mutter, eine Krankenschwester, spezialisierte sich auf alternative Heilmethoden wie Reiki, Heilen durch Handauflegen. Es muss ziemlich esoterisch bei ihr zuhause zugegangen sein, aber Agyness' Ding war das nicht: Sie interessierte sich für Mode und für Punk, färbte mit 14 ihre kurzen Haare rot und tapezierte ihr Zimmer mit Postern von The Clash und Debbie Harry.

"Ich bin nicht konventionell"

Nach der Schulzeit zog es sie nach London, Schauspielerin wollte sie werden, aber dann lief ihr ein Fotograf über den Weg, dem sie gefiel, und schon saß Agyness Deyn bei einer Modelagentur. Man sagte ihr damals, sie solle sich doch bitte die Haare wachsen lassen, damit sie auch für konventionelle Werbung gebucht werden könne, aber Deyn sagte nur: "Ich bin nicht konventionell" - und ging. Sie versuchte anderswo ihr Glück, und im Herbst 2006 debütierte sie bei der "New York Fashion Week". Dann lief sie in Mailand und Paris über den Laufsteg und bald darauf fand sie sich auf dem Cover der italienischen Vogue wieder. Sie verbrachte drei Monate in Paris, und bei einer Geburtstagsparty von Hedi Slimane lernte sie Josh Hubbard kennen, Gitarrist der britischen Band "The Paddingtons", der bis heute ihr Boyfriend ist.

Nun lebt sie in New York, in einem kleinen Apartment im East Village, das sie mit Möbeln vom Flohmarkt eingerichtet hat. Agyness Deyn ist ein britisches Punkmädchen geblieben, das Doc Martens trägt und seine Klamotten bei "Trash and Vaudeville" kauft, einer Boutique, in der es immer noch so aussieht wie vor 30 Jahren, als die Ramones sich dort für ihre Auftritte im legendären "CBGB's" einkleideten. Deyn fährt lieber Fahrrad als Taxi, sie amüsiert sich lieber in so genannten "dive bars", Absturzpinten, als im "Beatrice Inn", dem Club, in den New Yorks Celebritys pilgern.

"Agyness ist unprätentiös und offen für alles", sagt ein Fotograf, der mit ihr gearbeitet hat. "Es gibt kein Mädchen, das aussieht wie Agyness", sagt Anna Sui, "sie verkörpert Lebensfreude." Anders als all die superdürren Russinnen, die zuletzt die Laufstege bevölkerten. Bei den "British Fashion Awards 2007" wurde sie zum "Model of the year" gekürt, aber Agyness Deyn sagt, sie findet das ganze Bohei um ihre Person ein bisschen seltsam. "Ich weiß, es klingt komisch, weil ich ja ein Model bin. Aber ich habe immer das Gefühl, ich spiele dieses Model nur." Und das macht ihr ziemlich viel Spaß.