Berlin Fashion Week Gegen Gleichförmigkeit


Die wichtigste Alternative zu den Schauen der Mercedes-Benz Fashion Week bleibt der Catwalk der "Ideal-Show." Sie ist die beste Berliner Bühne für internationale Avantgarde-Mode - mit Strick, Latex und aufgenähten Hängebrüsten aus Stoff.
Von Viola Keeve

Alte Leinenstücke aus der Gründerzeit flattern auf Wäscheleinen in der Abendsonne zwischen den Ruinen der Bötzow-Brauerei am Prenzlauer Berg. An langen weißen Tischen vor einem maroden Glasdach sind eine Bar und ein Buffet aufgebaut. Vor dem mit Seilen abgesperrten Catwalk stärkt sich extravagantes Modevolk, darunter Japaner, Franzosen und Amerikaner. Einer trägt hohe, klobige, schwarze Schuhe, dunkle Chanelbrille und neongelbe Disketten um den Hals. Wer hierher kommt, ist natürlich selbst ein Teil der Show - wie Diane Pernet, die exzentrische Pariser Modejournalistin mit ihrem hochgesteckten Haar, dem schwarzen Schleier, blutroten Lippen und der dunklen Sonnenbrille.

Genau solch einen Ort der Selbstinszenierung schätzen Modegäste aus dem Ausland an Berlin: das ist abgerissen, abenteuerlich und irgendwie geschichtsträchtig. Hier kommt sie erst richtig zur Geltung, die internationale Avantgarde-Mode, die die Berliner "Best-Shop"-Besitzerin Sumi Ha zum vierten Mal nach Berlin einlud, im Januar noch in die Tschechische Botschaft, diesmal in den gelbroten Backsteinbau der stillgelegten, königlichen Hoflieferanten-Brauerei des Julius Bötzow, Baujahr 1864. Hier saß schon Karl Liebknecht 1919 im Biergarten und gründete den Revolutionsausschuss der KPD und USPD. Bevor die Brauerei nach der Wende in einen Dornröschenschlaf verfiel, war sie mal Spirituosenlager, mal VVB-Fischwirtschaftslager zu DDR-Zeiten. Mit ihren vielen Türmen, Erkern und Rundbögen erinnert sie ein an eine alte Burg. Das hat morbiden Charme. Kein Wunder, dass hier jeden Freitag und Samstag ein neuer Club öffnet, das "Mädcheninternat", mit einem DJ-Pult in Schulranzen-Form und Barfrauen, die wie Erstklässlerinnen aussehen. Wer als Frau eine Schuluniform trägt, kommt umsonst rein.

Mit Schuluniform in den Szene-Club

Ein idealer Ort also, alles außer Gleichförmigkeit zu zeigen. Die "Ideal Fashion Show" in Berlin ist und bleibt die beste Bühne für Avantgarde-Mode, die diesmal aus Schweden, Deutschland, England und Frankreich kam. Hochkarätiges hatte Sumi Ha eingeladen: Carola Euler aus Gießen hat nach ihrer Schneiderlehre am renommierten Central Saint Martin's College in London studiert, das auch Star-Designer wie John Galliano, Stella McCartney, Paul Smith oder Alexander McQueen besucht haben. Euler macht tragbare, raffinierte Männermode in Grau, Weiß und Schwarz und hat eine ihrer Kollektionen schon auf der Londoner Fashion Week gezeigt.

Ausgefallener wirkten die Entwürfe des britischen Illustrators und Designers Elliot Atkinson, der sich dem Grunge-Look verschrieben hat: Er zeigte am Samstagabend schwarze Latex-Oberteile, Karomuster, goldene Nieten, Miniröcke, knappe Shorts und aufgenähte Hängebrüste aus Stoff - ein wilder Farben-, Stoff- und Muster-Ritt durch die frühen Neunziger. Eric Lebon, der französische Autodidakt, der 2006 unter die letzten Zehn beim Festival d´Hyères gewählt worden war, beim wichtigsten Mode-Nachwuchspreis in Frankreich, kombinierte Wüsten-Ethno-Optik mit elegant-Sportlichem: Seine Männer trugen Turbane, graue Lackshorts zu weißen Kunststoff-Hemden, viel helles Blau, Grau und Weiß. Am Ende schickte er ein Model im Tuareg-Stil auf den Laufsteg, mit nacktem Oberkörper, leuchtend blauen Bermudas und einem blauen Fallschirm über der Schulter.

Latex, Nieten und Kunststoff

Höhepunkt der Schau war die Kollektion der zarten, dunkelhaarigen Schwedin Sandra Backlund, der Gewinnerin des diesjährigen Festival d'Hyères. Die frühere Kunststudentin macht so außergewöhnliche Strickmode, wahre Woll-Skulpturen, dass sie an der vergangenen Herbst/Winter-Kollektion der Luxusmarke Louis Vuitton mitgearbeitet hat. Selbst wer für Strick nicht viel übrig hat, nur an Zeitvertreib an langen, dunklen Winterabenden in Schweden denkt oder sich an hummelartige Oberkörper erinnert fühlt, muss anerkennen: Die Kollektion "The Ink Blot Test" der ehemaligen Absolventin der Beckmanns School of Design Stockholm ist anders als alles, was sonst aus Schweden kommt, eben smarte Businessmode wie Acne, Filippa K., Tiger of Sweden, Whyred, Fifth Avenue Shoe Repair oder Fast Fashion wie H&M samt ihrer Edellinie COS.

Eric Lebon, der französische Autodidakt, der 2006 unter die letzten Zehn beim Festival de Hyères gewählt worden war, immerhin dem wichtigsten Nachwuchspreises Frankreichs, kombinierte Wüsten-Look mit Elegant-Sportlichem: Seine Männer trugen Turbane, graue Lackshorts zu weißen Kunststoff-Hemden, viel helles Blau, Grau und Weiß. Am Ende schickte er ein Männermodel im Tuareg-Look auf den Laufsteg, mit nacktem Oberkörper, leuchtend blauer Bermudashorts und einem blauen Fallschirm über der Schulter.

Die Hohe Kunst der Handarbeit

"Die neue Generation der Designer hat diese Eintönigkeit satt, die Tatsache, dass nur elegante, tragbare Jeans der einzige Weg sein sollen, in Schweden Mode zu machen", sagt Sandra Backlund. Zum Strick kam die Stockholmerin eher zufällig, denn es ist das perfekte Material, findet sie, ihre Phantasien in dreidimensionale Formen zu verwandeln. Tragbarkeit steht für Backlund nicht an oberster Stelle, Originalität schon. Für ihre Kunstkreationen aus Mohair zum Beispiel hat sie sich am berühmten Rorschach-Test orientiert, den der Schweizer Psychiater Hermann Rorschach 1921 entwickelt hat, ein Verfahren, bei dem symmetrische Tintenkleckse Deutungsmuster für Aspekte der Persönlichkeit eines Patienten liefern. Auf dem Boden ausgebreitet, hat die schwedische Designerin die klassischen Klecksmuster in neue Körperformen verwandelt. Das könnte peinlich aussehen, nach ersten Klöppelversuchen, doch Backlunds Kleckse aus Strick gehören wie ihre aktuelle Linie "Don´t walk", rote Zopfmuster-Minikleid-Kokons aus Wolle, und ihre früheren Kollektionen "Diamond Cut Diamond", "Perfect hurts" oder "Blanc Page" wirklich zur Haute Couture, zur hohen Kunst der Handarbeit.


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