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Brillenmode: Klobige Klassiker

Vom Museum zurück ins Modeleben - Oliver Goldsmith-Sonnenbrillen erleben ein Comeback.

Man muss sich nur einmal an die erste Szene in "Frühstück bei Tiffany" erinnern: Audrey Hepburn, wie sie da im Morgengrauen über die Fifth Avenue spaziert, sehnsüchtig in die Auslagen des legendären Juwelierladens schaut. Die Kamera verharrt auf ihrem Gesicht, das von einer riesigen schwarzen Sonnenbrille verdeckt ist. Spätestens da will jede Frau ganz dringend Audrey Hepburn sein - oder wenigstens diese sagenhafte Brille besitzen. Sie heißt "Yu Hu" und stammt von Oliver Goldsmith. In den 50er und 60er Jahren waren die Gestelle aus der Londoner Manufaktur heiß begehrt: Grace Kelly, Michael Caine, Nancy Sinatra und Prinzessin Margaret trugen sie. Selbst Normalsterbliche sahen mit einer Goldsmith ein bisschen aus wie Stars.

Die Ära ging 1985 zu Ende: Goldsmith konnte sich nicht gegen den Massenmarkt durchsetzen und stellte die Produktion ein. Mehr als 200 seiner Gestelle lagern im Londoner Victoria & Albert-Museum, dessen Kuratoren Goldsmith als den "Schöpfer der Mode-Brille" bezeichnen.

Nun aber lebt die Legende wieder: In diesem Sommer sind die Klassiker neu aufgelegt worden - von Claire Goldsmith, der Urenkelin des Firmengründers. Wieder erhältlich ist etwa das Modell "Sophia Loren" mit schwarzem Rahmen und elfenbeinfarbenem Bügel, angefertigt für die italienische Schauspielerin.

Um zu verstehen, was die Brillen von Goldsmith so besonders macht, muss man zurückblicken. Als Philip Oliver Goldsmith 1926 seinen Vertreterjob bei einem Brillenhersteller aufgab, um sich selbstständig zu machen, sahen Brillen klobig aus und waren fast immer aus schwerem Metall. In der Nachbarschaft von Goldsmith hatte gerade ein Laden eröffnet, der Knöpfe aus einem völlig neuen Material herstellte: aus Kunststoff. "Mein Urgroßvater tauschte ein paar Gestelle gegen ein paar Platten Plastik", erzählt Claire, "dann bearbeitete er sie mit einem Juweliermesser und schuf so die ersten Brillenfassungen aus Kunststoff." Ein paar Jahre später, 1935, stellte sein Sohn Charles die ersten Sonnenbrillen her, die nicht allein dem Schutz vor der Sonne dienten. Sie waren schick, ein modisches Statement, damals visionär.

Claire Goldsmith tritt mit Zuversicht ein schweres Erbe an: "Die Leute haben keine Lust mehr auf Einheitslook. Sie wollen nicht, dass jeder andere mit den gleichen Sachen rumläuft wie sie selbst." Das kann mit ihren Brillen nicht passieren: Mehr als 1000 Gestelle im Jahr schaffen die fünf Brillenmacher in der kleinen Werkstatt in Clacton nicht. Allein für die Politur benötigen sie eine Woche, aber dafür, so behauptet Claire, "glänzt die Brille jahrzehntelang". Die Herren, alle älter als 60, haben schon für Claires Vater gearbeitet, sich in den vergangenen 20 Jahren mit Reparaturen über Wasser gehalten. In England sind sie die Letzten ihrer Zunft. Ihre Brillen kosten dementsprechend 230 Pfund und mehr (Infos unter www.olivergoldsmith.com).

Claire war 19, als ihr Vater 1996 starb. Die Markenrechte hatte er ihr vermacht. In der Marketingabteilung des britischen Privatsenders ITV und bei der Telefonauskunft lernte sie, wie man mit Kunden redet und Produkte loswird. Dabei verkaufen sich die neuen alten Brillen wie von selbst. Königin Rania von Jordanien oder Anna Wintour, Chefin der amerikanischen "Vogue", haben sie bereits. Und Liam Gallagher trägt eine im aktuellen "Oasis"-Video. Ob man jetzt allerdings ganz dringend wie der Rüpel-Rocker sein will, sei dahingestellt. Aber seine Brille, die will man ganz bestimmt.

Christine Mortag / print