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Furla: Die Demokratin des Luxus

Mit Top-Qualität zu günstigen Preisen drängt der italienische Taschenhersteller Furla ins Premium-Segment. Credo von Chefin Giovanna Furlanetto: "Nicht nur reiche Frauen haben das Recht auf schöne Dinge."

Giovanna Furlanetto gehört zu den Frauen, die man leicht unterschätzt. Sie ist leise und zurückhaltend, in ihrer Stimme, ihrer Kleidung, im Auftreten. Man kennt sie nur ungeschminkt, in unauffälligen, dunklen Hosenanzügen und hellen T-Shirts, die halblangen, dunklen Haare mädchenhaft geschnitten, das Gesicht ernst. Es sind die Augen, die über Giovanna Furlanetto, 62, Auskunft geben: melancholische Augen, die blitzschnell steinhart werden können, wenn die Dinge nicht so laufen, wie sie es wünscht. Die Signora ist der Boss eines der erfolgreichsten Lederwaren-Unternehmen Italiens im vergangenen Jahrzehnt - des feinen Handtaschen-Hauses Furla.

Das mit dem Haus ist bildlich zu verstehen: Die Firma Furla residiert in der eindrucksvollen Villa Bellaria, einem kanariengelben Palais aus dem 18. Jahrhundert vor den Toren Bolognas, einst Sommerresidenz einer Bologneser Adelsfamilie, heute wirtschaftliches Herz und Kreativzelle eines Labels, das Frauen in aller Welt lieben. Furla - der Name steht für Taschen aus bestem Leder, in solider Handarbeit klar und lebensnah gestaltet, ohne überflüssigen Firlefanz. Trotzdem sind Furla-Taschen nie langweilig. Sie haben den Charme edlen Understatements, so wie ihre Macherin. "Im Grunde ähneln sich unsere Kundinnen", sagt Giovanna Furlanetto, und es klingt, als beschreibe sie sich selbst: "Es sind weltoffene Frauen, fleißig und selbstbewusst.

Sie lassen sich eine Furla-Tasche nicht schenken. Sie schenken sie sich selbst." Ob die einer Schiffsschaukel ähnelnde "Movie" aus knallrotem Rindsleder, die spangenbewehrte "Working Girl" in zimtfarbenem Kalbsleder oder die kürbisgelbe "Brera" aus elegantem Straußenleder mit dem klassisch angehauchten Bügelverschluss: Furla-Taschen haben eine besondere Aura. Ihrer Trägerin sollen sie "so vertraut werden wie eine gute Freundin", sagt Signora Furlanetto. Liebevoll streicht sie dabei über ihre "Bright Greta" und demonstriert - ziemlich stolz und ein wenig belustigt - deren mehrfach prämierten High-Tech-Clou: Ein integrierter Elektrochip bringt beim Öffnen sekundenlang Licht ins chaotische Dunkel, das nur allzu oft im Innenleben von Frauentaschen herrscht. "Viele tragen unsere Taschen fünf, sechs Jahre lang, schleppen darin die wichtigsten Dinge ihres derzeitigen Lebens mit sich herum: Fotos, Briefe, den Lieblings-Lippenstift. Da entsteht so etwas wie eine temporäre Symbiose zwischen beiden." Und am Ende, sagt sie, nicht selten ein regelrechter "Trennungsschmerz".

Auf gutes Design setzen, eine überschaubare Modellpalette und einfache Produktionstechniken entwickeln, das gilt als Grundmaxime im Hause Furla - und ist wohl das Geheimnis seines Erfolgs. Ein Luxuslabel, das erschwinglich geblieben ist - und wiedererkennbar. "Gute Qualität und eine perfekte Balance zwischen Stil und modischem Trend - das lassen sich andere von ihrer privilegierten Kundschaft mit 3000 Euro pro Tasche bezahlen. Bei uns kostet sie 300."

Wir stehen im Showroom der Villa Bellaria, wo die Modelle für die kommende Saison dekoriert sind. Giovanna Furlanetto hebt die Stimme, ganz leicht: "Lusso democratico. Das ist es, wofür Furla steht: Luxus, der allen zugänglich ist. Denn nicht nur reiche Frauen haben das Recht auf schöne Dinge." Da klingt fast so etwas wie soziales Sendungsbewusstsein mit - und das, sagt sie, sei bei den Furlanettos eigentlich nichts Neues. Vater Aldo, der die Firma für den Vertrieb von Kleinlederwaren 1927 gründete, ließ in den Siebzigern eine Sporthalle für die Kinder berufstätiger Eltern aus dem Viertel bauen: In der "Palestra Furla" konnten sie kostenlos Basketball und Hockey trainieren, statt auf der Straße herumzuhängen.

Giovanna und ihre sechs Geschwister wurden in einer Familie groß, in der es keinerlei Wohlstandsgehabe gab. "Kleine Brötchen, kleine Autos", erinnert sich Giovanna mit leisem Lächeln. Ihre Brüder Paolo und Carlo stiegen in den 60er Jahren in die Firma ein, Giovanna, schon als 17-Jährige für die kreative Seite beim Wareneinkauf zuständig, stieß in den Siebzigern dazu. Zur ersten eigenen Produktion steuerte der Vater den Namen bei. Er empfahl: "Streicht doch einfach das ,netto" aus unserem Familiennamen!"

Heute ist die Marke

Furla in über 65 Ländern der Welt vertreten - mit neun Firmenstützpunkten und 185 Franchise-Boutiquen in den besten Lagen wichtiger Metropolen, darunter in Köln, Düsseldorf und München. Zugeschnitten und genäht werden die Furla-Taschen - rund 800.000 Stück in zwei Dutzend Modellen je Saison - von italienischen Subunternehmen. Mit besonderem Augenmerk auf die Spezialität der Marke, die gut sichtbaren Nähte. Der Umsatz stieg von zwölf Millionen Euro 1993 auf 108 Millionen im vergangenen Jahr. Mit 75 Prozent Umsatzanteil sind Handtaschen und Lederaccessoires weiterhin das Herzstück von Furla, 15 Prozent bringen Modeschmuck und Uhren, gut acht Prozent die seit 2001 lancierten Schuh- und Sonnenbrillenkollektionen. "Erstaunlich", sagt Giovanna Furlanetto, "dass die zehn Taschen-Bestseller jedes Jahr auf allen Kontinenten gleich sind. Es muss sie also geben, die typische Furla-Frau." Nach dem plötzlichen Tod ihrer beiden Brüder vor einigen Jahren übernahm Giovanna die alleinige Verantwortung für Furla. Als Vorstandsvorsitzende hat sie sich seither nur noch mit jungen Leuten umgeben. Ihre 450 Mitarbeiter weltweit sind im Schnitt zwischen 30 und 40 Jahre alt, so auch ihre "rechte Hand", die Finanzchefin Sara Ferrero, 33, Harvard-Absolventin mit Berufserfahrung beim Consulting-Konzern McKinsey. Die Rolle der Chefdesignerin hat Furlanetto sich selbst vorbehalten. Oft sitzt sie mit ihrem Kreativnachwuchs zusammen, diskutiert vor den Pinnwänden die "Tendenzen" der kommenden Saison und berät als Prima inter Pares mit klaren Prämissen: "Euer Spielraum reicht so weit, wie die Unverwechselbarkeit von Furla gesichert ist."

Auch das Überleben Furlas als Familienunternehmen liegt ihr am Herzen. Ihr Sohn Giuseppe, 31, ist inzwischen als Leiter des Logistiksektors fest im Unternehmen verankert. Auf eine Führungsfunktion im Haus bereiten sich zudem Furlanettos Neffen Michele, 35, Filippo, 31, und Marco, 33, vor. Wobei die Chefin nie einen Zweifel daran lässt, dass sie die Verantwortung zu gegebener Zeit dem qualifiziertesten Bewerber übertragen wird - im Zweifel auch gegen familiäre Interessen. "Wir sind schließlich nicht die Tanzis von Parmalat." Aus den gleichen Gründen hat sie sich bisher beharrlich gegen einen Börsengang von Furla gewehrt und die Avancen potenter Markenhersteller abgewehrt. "Bei uns werden die Gewinne ins eigene Haus investiert." Giovanna Furlanetto selbst nimmt sich jetzt mehr Zeit für Reisen, speziell Asien inspiriert sie: Mal tourt sie per Eisenbahn allein durch Indien, mal besucht sie ihre Teams in Hongkong oder Shanghai, "dem Zukunftslabor". Wenn sie nach Bologna zurückkommt, bemerkt sie oft, "wie viele Frauen meiner Generation völlig out sind. Ihnen entgehen nicht nur Details, sondern der fundamentale Wandel, der sich auf der Welt vollzieht".

Ihre wichtigste Rolle sieht die Furla-Chefin deshalb als Motor des Wandels im eigenen Haus. Sie hält engen Kontakt zu jungen italienischen Künstlern, hat für sie vor einigen Jahren einen mit 20.000 Euro dotierten Preis ausgelobt, den "Premio Furla per l'Arte", der jährlich vergeben wird. "Die Künstler helfen uns, in der Zukunft zu lesen", sagt Giovanna Furlanetto schlicht. "Ihrer geballten Gestaltungskraft verdankt auch Furla seinen Erfolg."

Daniela Horvath / print
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