Gucci 85 Jahre und immer noch knackig


Mode wird von Frauen getragen und von Männern gemacht. Seitdem Gucci gegen diese Regel verstoßen und Frida Giannini zur Design-Chefin gemacht hat, steht die Marke so gut da wie noch nie: Zum Jubiläum meldet das Label Rekordzahlen.

Frech! Da nennt man das schönste Atelier von Florenz sein Eigen, hat Aussicht auf die Piazza della Signoria, den Palazzo Vecchio, auch Michelangelos David ist nicht weit - und an jeder Ecke breiten illegale Händler billig kopierte Handtaschen auf den Bürgersteigen aus. Gucci-Taschen. Ihre Taschen. Aber Frida Giannini wäre nicht dort, wo sie ist, wenn sie das Fälscherelend vor der Haustür nicht auch als Chance begriffe. "Kopiert wird, was gefällt", sagt sie, "eine präzisere Marktforschung kann es nicht geben."

Frida Giannini ist die mächtigste Modedesignerin der Welt. Seit sie bei Gucci das Steuer übernommen hat, stieg der Umsatz spürbar, im ersten Halbjahr 2006 legten die Gewinne um 39 Prozent zu. Doch nicht die klingenden Gucci-Kassen allein machen sie so mächtig, sondern der Einfluss, den ihre Arbeit auf die vielen Töchter der Gucci Group hat: Denn wenn beim Mutterunternehmen der Bauch grummelt, dann plagen sich etwa Stella McCartney und Alexander McQueen mit Koliken.

Über solche Zusammenhänge möchte die 33-Jährige besser nicht nachdenken. Wer eine Maschinerie am Laufen halten wolle, die knapp 1,8 Milliarden Euro pro Jahr erwirtschaftet, sagt sie, der müsse über einen Schuss Wahnsinn und Verantwortungslosigkeit verfügen. "Man möge mich nicht mit Zahlen erschrecken", bittet sie, "denn wenn ich deren Druck erst spüre, werde ich verrückt." Da konzentriert sie sich lieber auf ihre Arbeit und bewegt sich in Begleitung kleiner schwarzer Notizbüchlein - "damit die guten Ideen nicht verloren gehen." Eines hat sie immer auf ihrem Nachttisch liegen, denn wer sich zurücklehnt, fürchtet sie, dem läuft die Mode davon. "Lieber werde ich von einer Idee und einem Schuss Adrenalin aus dem Schlaf gerissen." Dem gerühmten italienischen Hang zum dolce far- niente, dem süßen Nichtstun, kann sie nichts abgewinnen. Sie ist "in einer Kultur der Arbeit aufgewachsen, alle Frauen in meiner Verwandtschaft haben immer viel gearbeitet. Meine Oma hat ihre Modeboutique in Rom erst voriges Jahr geschlossen". Mit 84 Jahren.

Mode? Damit konnte die Familie Fridas nichts anfangen

Die Familie konnte dem Berufswunsch der 23-jährigen Frida anfangs gar nichts abgewinnen. Sowohl der Mutter, einer Lehrerin der Kunstgeschichte, als auch dem Vater, einem Architekten, war die Welt der Mode suspekt. Beide fürchteten, ihre Tochter könne als willfähriges Opfer wilder Drogenpartys enden. "Heute sitzen sie stolz in jeder Schau."

Zu Gucci kam Giannini 2002, weil die Frauen im Umkreis des damals allmächtigen Chefdesigners Tom Ford zwar alle gehorsam Gucci-Kleider trugen, bei der Wahl der Handtasche jedoch lieber zu den Modellen von Fendi griffen. Dort, in Rom, hatte Frida auch am Entwurf der legendären Baguette-Tasche mitgewirkt. Der schnieke Texaner Ford holte sie zum Florentiner Lederwarenspezialisten und setzte sie auf die Accessoires an. Zwei Jahre darauf nahm Ford seinen Abschied - er hatte seinen Einflussbereich auf die Tochterunternehmen Guccis ausdehnen wollen, aber sein selbstverliebtes Draufgängertum erregte Unmut bei den Bossen. Er wurde durch ein Design-Trio ersetzt.

Die vielen Köche verdarben den Brei

Alessandra Facchinetti, Kreativchefin für das Damen-Prêt-à-porter, fiel nach nur zwei Saisons im März 2005 in Ungnade; der Schotte John Ray warf nach seiner zweiten Herrenkollektion hin. Im März 2006 war Frida Giannini plötzlich Alleinherrscherin. Aber durch ihre Accessoires, Lederwaren- und Schuhkollektionen hatte sie den Löwenanteil, nämlich 85 Prozent, der Gucci-Umsätze erwirtschaftet. Was ihre früheren Kollegen heute machen? - "Keine Ahnung", antwortet sie. "Ich habe lange nichts von beiden gehört."

Ist in der Mode kein Raum mehr für Sentimentalitäten? "Auch ich habe meine romantischen Momente", verrät Frida, "und zwar in meinem Privatleben. Aber bei der Arbeit bin ich der nüchternste Mensch der Welt." Fridas Chefs wissen, was sie an ihr haben: Sie sei "weitsichtig und ehrgeizig", lobt ihr CEO Mark Lee, und sie verfüge über Teamgeist sowie Führungsqualitäten. "Sie vergeudet keine Zeit." Ist Frida Giannini eine Wonder Woman? "Nein", sagt sie, "ich spüre den Druck im Rücken, auf den Schultern, im Nacken. Und mein Magen streikt in stressigen Zeiten auch. Pommes frites und Bistecca Fiorentina kann ich mir dann nicht gönnen."

Es dürfte eine Weile her sein, dass sie schlemmen konnte. Denn als Ford Gucci verließ, da war bereits Sand in das Getriebe der Marke mit dem doppelten G geraten. Analysen brachten ans Licht, dass die Accessoires über ein starkes Image verfügten, nicht aber die Kleiderkollektionen. Die trugen nur 15 Prozent zum Umsatz bei - die zeigefreudige Gucci-Kundin hatte begonnen, sich anderen Marken zuzuwenden. Giannini: "Mein Auftrag war es, für die Prêt-à-porter-Linien einige Objekte der Begierde zu entwerfen."

Das tat sie besser und vor allem ganz anders als erwartet: Statt sich an Fords hedonistischem Erbe abzuarbeiten, tauchte sie ab in die Archive der Traditionsmarke. Heraus kam sie mit hellen Kleidchen, luftigen Tops, Sandalen und Blumenmustern - für Frauen, die das Tageslicht nicht scheuen. Auf einen Schlag hatte Giannini Fords aggressive Karrierefrauen mit ihren Stilettos in die Rente geschickt und das Label von seinem schwül-anrüchigen Image befreit. Mit dem hatte Gucci in den Neunzigern zwar neuen Glanz gewonnen, doch irgendwann umwaberte er die Marke wie ein abgestandener Hauch Patschuli.

Frida kam, der Sex ging?

Der Vorwurf, Gucci sei durch Frida der Faktor Sex abhandengekommen, ficht sie nicht an. "Meine Kollektionen sind sexy. Aber Sexbomben werden Sie bei mir nicht finden." Spaß darf man also immer noch haben mit Gucci - doch niemand muss dafür gleich willig ins Bett hüpfen. Eine Botschaft, die bei der weiblichen Kundschaft gut ankommt. Auch gelegentliche Attacken, ihre Kollektionen seien zu kommerziell, kontert sie mit Gleichmut: "Bei Gucci ging es nie um Experimente à la Martin Margiela oder Yamamoto. Ich habe mir alle Kollektionen Toms von 1995 bis 2000 angesehen, und da gab es auch nur Hosen, Pullover und Mäntel zu sehen - wenn auch ziemlich aufgedonnert."

Frida Giannini ist das, was Gucci nach der Ära Tom Ford verdient hat. Während der Superästhet aus Texas sich einen Look zulegte und ihm viel zu lange treu blieb - schwarzer Anzug, weißes Hemd, eingefrorene Mimik -, färbt die Römerin sich die Haare je nach Laune mal blond, mal braun, und das ohne Anspruch auf den perfekten Haaransatz. Sie erzählt belustigt davon, dass ihr Mann derlei Veränderungen nur deshalb bemerke, "weil er selber keine Haare hat und sich auf meine Frisur konzentrieren kann".

Während Ford als Mythos und mit cooler Attitüde durch die Modewelt geisterte, plaudert Frida freimütig über gelegentliche Malaisen des Berufslebens - wie etwa die frustrierende Arbeit an ihrem Hochzeitskleid, in dem sie vergangenes Jahr vor den Altar trat. "Hier will man etwas verbergen, dort etwas zeigen, und am Ende drückt es doch bloß an allen Ecken. Gucci-Kollektionen zu entwerfen ist ein Kinderspiel dagegen." Es sei eben doch "viel einfacher, für eine wunderschöne Frau mit einem perfekten Körper zu entwerfen". Auch wenn es die so gar nicht gebe.

Tom Ford bleibt draußen

Es ist kein Zufall, dass in jenem opulenten Bildband, mit dem Gucci ab November seinen 85. Geburtstag feiert, weder ein Bild von Tom Ford auftaucht - noch eines von Frida Giannini, obwohl die am Entstehen des Buches mitgewirkt hat. Aber genau darum geht es heute in der Welt der Luxuswaren: Die Marke zählt, nicht mehr der Designer. Kein Aufhebens von sich machen, sondern klaglos für das Label arbeiten - das ist es, was eine ganze Generation junger Modemacher in den Jahren der Krise gelernt hat. Ob das gut für die Zukunft einer Industrie ist, die von aufgeblasenen Egos immer bestens gelebt hat, sei zwar ein Thema, aber doch schon eines von gestern, wie Frida Giannini findet.

Interessanter ist es da schon, dass seit dem Schwinden selbstbesessener Couturiers immer mehr Frauen auf führenden Posten in der Modebranche auftauchen. Als sie Ende der Achtziger die Modeakademie in Rom besuchte, habe es in der von einer Gay-Lobby bestimmten Branche die Tendenz gegeben, junge Männer im Job zu bevorteilen. Das ist vorbei, "es wurde wohl bemerkt, dass auch Frauen erfolgreich Mode entwerfen können".

Ein Gutes immerhin brachte die männliche Dominanz vergangener Zeiten mit sich, und Frida Giannini wäre nicht dort, wo sie ist, wenn sie die Unbill ihrer Branche nicht immer auch als Chance für sich begriffen hätte: "Niemand wird mir je vorhalten können, ich hätte mich auf der Karriereleiter hochgeschlafen. Meine Chefs wie auch meine Assistenten sind immer schwul gewesen."

Dirk van Versendaal print

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