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Haeftlings-Mode: Made in Prison - erster "Haeftling"-Laden eröffnet

Ob Japaner oder Australier, ob Richter oder Rechtsanwälte: Alle wollen Hemden aus deutschen Gefängnissen. Der Vertrieb der "Haeftling - Jailwear since 1898" läuft sehr erfolgreich, auch übers Internet.

Mode aus deutschen Gefängnissen ist salonfähig geworden. Sogar in Japan und Australien haben Liebhaber Hemden oder Bettwäsche der Marke "Haeftling" geordert. Richter und Rechtsanwälte sollen schon in den Kreationen aus dem Knast gesehen worden sein. Hinter der Erfolgsgeschichte steckt Stephan Bohle, Geschäftsführer der Berliner Haeftling Jailwear Vermarktungs-KG, der auf die Idee kam, von Gefangenen hergestellte Waren über das Internet zu verkaufen. Nun öffnet am 6. Mai in Kreuzberg der erste deutsche "Haeftling"-Laden in der Schlesischen Straße 31.

"Für manche ist es vielleicht ein Kitzel, ein Hemd zu tragen, das ein Knacki hergestellt hat. Für viele steckt aber auch soziales Engagement dahinter. Auch mir ist das ganz wichtig", sagt der studierte Mediendesigner. Doch verherrlichen wolle er nichts: Wer im Gefängnis sitzt, sei da nicht ohne Grund. "Aber ich hab gesehen, wie motiviert viele Häftlinge sind, die für uns arbeiten. Die wollen zeigen, dass sie gut sind. Wir geben ihnen diese Chance." Und in der Welt der Freiheit werde das Gefängnis auch mal positiv wahrgenommen.

"Die Bestellungen haben uns umgehauen"

Im Vorjahr startete die Zusammenarbeit mit dem Berliner Gefängnis Tegel, der bundesweit größten Justizanstalt. Dort wird seit mehr als hundert Jahren vorwiegend für den eigenen Bedarf geschneidert. Eine Berliner Spezialität: das klassische, gestreife Arbeitshemd. Nach "draußen" wurde wie anderswo bis dato wenig verkauft. "Die Bestellungen haben uns umgehauen, die Internetseite musste nach kurzer Zeit geschlossen werden", schildert Bohle den etwas blauäugigen Beginn.

Folge war, dass der Chef einer Werbeagentur die Vermarktungs-KG gründete, die mittlerweile vier Mitarbeiter hat. Produkte aus zwölf Gefängnissen in Deutschland und der Schweiz hat die Firma derzeit unter Vertrag, monatlich werden rund 800 Stücke verkauft. "Es soll authentisch bleiben. Wir greifen auf die traditionellen Modelle und Schnitte der Anstalten zurück", so Bohle. Mit den zusätzlichen Bestellungen entstanden wie beispielsweise in Tegel auch neue der so raren Gefängnis-Arbeitsplätze.

Bohle ist nicht, wie er zunächst erwartet hatte, an Bürokratie oder "deutscher Regulierungswut" gescheitert. "Von dem Verkaufserlös fließt ein Teil an die jeweiligen Länder oder direkt in die Anstalten zurück", erklärt der Firmenchef die Verträge. Bohle will weitere Gefängnisse für eine Zusammenarbeit gewinnen.

Unterwäsche aus selbst gewebten Stoffen

Doch nicht nur Hemden und Bettwäsche aus den Knast-Werkstätten haben ihr Schattendasein hinter sich gelassen. Das bayerische Gefängnis Kaisheim webt selbst Stoffe und stellt Unterwäsche her, auch Honig wird von bayerischen Strafgefangenen abgefüllt. In der Anstalt Naumburg in Sachsen-Anhalt stehen Jeans auf der Bestellliste, die dort auch als Anstaltskleidung getragen werden. Daneben nähen die Naumburger grün-weiß-karierte Bettwäsche und Handtücher für Käufer in aller Welt. Schürzen und Geschirrtücher gehen in Brandenburg/Havel über die Nähtische.

Aus Mannheim in Baden-Württemberg kommen Hand gefertige Schuhe und Leberwurst. Und Bohle freut sich über Wein aus dem Gefängnis Heilbronn. Dornfelder und Riesling reiften auf den Anstalts- Weinbergen heran, sagt er. Aus Lenzburg in der Schweiz werden Marmelade und Gürtel vertrieben. "Die Qualität ist überall super, die Leute haben Erfahrung", lobt Bohle. Er muss es wissen: Auch zu seiner privaten Ausstattung gehören Schuhe und Hemden der Marke "Haeftling".

Jutta Schütz/DPA / DPA
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