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Herrenmode: Stil, maßgeschneidert

Luxusmode ist vielen zugänglich geworden - zu vielen, wenn es nach einer Gruppe Mailänder Manager geht. Sie gründeten mit dem Laboratorio Italiano ihren eigenen und sehr exklusiven Herrenausstatter.

Von Florian Eder, Mailand

Alle Welt spreche ja heutzutage vom Luxus, sagt Giustiniano Tomacelli Filomarino, seufzt ein wenig und schlägt die Beine übereinander. "Aber dieser Luxusbegriff hat etwas Vulgäres. Da gibt es ein großes Missverständnis." Luxus sei eben nicht Geld und Champagner im Überfluss, nicht Prassen und auch nicht ein Privatflugzeug, erst recht schon nicht, sich in Luxusmarken zu kleiden. Das verstünden die wenigsten. "Luxus ist, mit Stil zu leben", sagt er. "Und Stil muss ein Gentleman haben und darf ihn sich nicht von der Mode diktieren lassen." Der 69-jährige Tomacelli trägt den letzten Ärmelknopf am Anzug offen und zieht noch einmal die Kniestrümpfe hoch, dann wischt er nonchalant vermeintliche Brösel von der Krawatte. Er führt einen exklusiven Herrenschneider im Zentrum Mailands, das Laboratorio Italiano.

"Öffnungszeiten nach Vereinbarung", steht an der Tür. Kein simpler Laden, kein einfacher Maßschneider; ein Club stilbewusster Männer will das Laboratorio sein. Der Eintrittspreis: ab 3000 Euro für einen Anzug. 300 Euro kostet ein Maßhemd. "Aber auch da kommen wir bis auf 600, 700 Euro", sagt Tomacelli und ruckelt beiläufig an der Krawatte. Stil hat seinen Preis. Rund 200 Stammkunden zahlen ihn gerne, Manager und Unternehmer, Freiberufler, Ärzte, alter Adel und gesetztes Bürgertum aus Mailand und der ganzen Welt. Menschen wie Tomacelli selbst, denen das Angebot der Luxuslabels zu gewöhnlich ist, zu einheitlich und zu leicht zu haben - wenn nicht gar zu ordinär.

Der Luxusbegriff ist dehnbar geworden - zu dehnbar

Ob sie Armani heißen oder Gucci, Hermès, Versace oder Prada: Die Edelmarken der Welt verkaufen ihre Produkte an immer breitere Käuferschichten. Der Luxusbegriff ist dehnbar geworden - zu dehnbar, wenn ihn nahezu jeder haben kann. "Wie der Luxus seinen Glanz verlor", lautet der Titel eines kürzlich in England und den USA erschienenen Buchs der US-Autorin Dana Thomas. Was sie beschreibt, wissen auch die Konzerne: Pradas Schlüsselanhänger und Armanis Pralinen-Linie treiben den Umsatz, aber sie banalisieren den Luxus. Die Unternehmen steuern gegen, mit immer teureren Einzelstücken, mit Sonder- und Maßanfertigung.

Giorgio Armani, dessen Hauptquartier schräg gegenüber des Laboratorio Italiano liegt, bietet maßgeschneiderte Anzüge heute ebenso an wie Ralph Lauren ein paar Hundert Meter weiter. Der italienische Nobel-Herrenausstatter Ermenegildo Zegna sieht darin seine Wachstumschance für die Zukunft. Alles nicht exklusiv genug für Tomacelli: "Sicher, das machen jetzt alle", sagt er. Aber bei der Qualität gebe es doch große Unterschiede. "Bei uns wird jeder Stich von Hand genäht, 4500 Mal pro Anzug. Das sieht man. Der hält ein Leben lang, und auch ein zweites."

Entstanden ist das Laboratorio Italiano aus dieser Unzufriedenheit mit dem Angebot. Es war vor fünf Jahren an einem Winterwochenende unter Freunden. "Wir waren bei den Drinks", sagt Tomacelli. Er habe sich beklagt, erinnert er sich. Nirgends könne man mehr hingehen, um sich ordentlich einzukleiden. Wo finde man denn noch den guten Herrenschneider? Wo das Vergnügen, sich gut zu kleiden? So fragte er in die Runde und die Freunde wiegten ihre Köpfe überm Whiskeyglas. Sie murmelten Zustimmung.

Fünf Freunde mit viel Geld und einem exquisiten Geschmack

Die fünf Freunde sind eine Männerclique mit viel Geld und ausgesuchtem Geschmack - eigentlich die perfekte Kundschaft für Armani, für Gucci oder Prada, für Ralph Lauren oder Tom Fords neue Herrenlinie: Einer von ihnen ist der Chef des Mailänder Mischkonzerns Pirelli, Marco Tronchetti Provera. Einer ist der Besitzer und Präsident des italienischen Fußballmeisters Inter Mailand, Massimo Moratti. Einer ist Architekt, einer produziert edles Tuch, und Tomacelli selbst hat vor Jahren seine Werbeagentur teuer verkauft.

Der Adel habe immer seine eigenen Schneider gehabt, sagt der ehemalige Werber, selbst Spross neapolitanischen Hochadels. "'Warum machen wir das nicht auch', habe ich gesagt." Die fünf Unternehmer taten, was Unternehmer tun: Ein halbes Jahr nach der Klage am Winterwochenende eröffnete der Laden. Die Idee war als persönliches Label geboren, "aber wenn man damit Geld verdient, macht es ja doch gleich noch mehr Spaß", sagt Tomacelli.

Um die 300 Anzüge im Jahr verlassen das Laboratorio heute, dazu Hemden, Hosen, Jacken, Mäntel und Schuhe, alles Maßarbeit. Die Ansprüche an die Kundschaft sind allerdings hoch. "In einem englischen Anzug ist es nicht schwer, gut auszusehen", sagt Tomacelli. Die Briten zwängten einen regelrecht in aufrechte Haltung. Bei Tomacelli und Freunden muss der Kunde die richtige Statur schon mitbringen: "Wer nicht natürliche Eleganz ausstrahlt, der sieht schnell lächerlich aus in einem unserer Anzüge."

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