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Karl Lagerfeld: "Mode lebt von Hysterie"

Am vorigen Freitag wurden 120 deutsche H&M-Filialen gestürmt. Kurz darauf war die neue Karl Lagerfeld-Kollektion weg. Rundum glücklich mit dem Erfolg ist der Designer trotzdem nicht, verriet er dem stern.

Selbst langjähriges H&M-Personal konnte kaum fassen, was da ab Freitag, 10 Uhr, ins Haus geflutet kam: Hunderte kaufwütiger Frauen und Männer, die sich regelrechte Gefechte um Blusen, Mäntel oder T-Shirts lieferten. In Hamburg kam es zu Tumulten zwischen den Kleiderständern, feine bis vornehme Kundinnen zögerten nicht, sich im Gedränge zum Zwecke der Anprobe zu entblößen, sogar bei den Männern wurde gerempelt - all das wegen KL für H&M.

Bereits um die Mittagszeit vermeldeten die ersten der insgesamt 120 Store-Manager ein ernüchterndes "Ausverkauft!": Einzelne Teile der limitierten Kollektion, wie die Smoking-Bluse, Handschuhe und Sonnenbrillen waren vergriffen. Der Kampf ging im Internet weiter. Etliche der Modeartikel wurden im Auktionshaus Ebay schon wenige Stunden nach ihrem Kauf wieder angeboten, um die T-Shirts mit dem Konterfei des Modemachers (14,90 Euro) entbrannte ein Bieterkampf, der sich in die 50-Euro-Zone hochschaukelte.

Im Vorfeld hatte H&M-Deutschland-Chef Hans Andersson mit einer Verkaufsdauer von zehn Tagen gerechnet. Doch dann geriet er schon zwei Tage vor dem offiziellen Verkaufsstart ins Staunen, als sich in Hamburg 500 geladene VIP-Gäste - gegen Bezahlung! - mit den Lagerfelds eindeckten. Besonders freut man sich beim schwedischen Mode-Discounter darüber, einen neuen Kundenkreis erschlossen zu haben: "Frauen, die sonst eher bei Prada oder Gucci shoppen." Einen Großteil zu dem Erfolg hat die Werbestrategie der Schweden beigetragen: Neben den Riesenplakaten, Kino- und Fernsehspots erschienen mehrere große Tageszeitungen in ein ganz- oder halbseitiges Werbefoto gehüllt; innerhalb der Redaktionen stieß so viel schnöde Werblichkeit nicht auf Gefallen.

Keine Neuauflage geplant

Eine Neuauflage der Lagerfeld-Kollektion ist trotzdem nicht geplant. Über eine erneute Zusammenarbeit mit dem Deutschen in Paris oder einem anderen Designer seines Kalibers wird angeblich nicht nachgedacht. Stattdessen ist man seit Montag europaweit damit beschäftigt, die restlichen Lagerbestände in die Läden zu schaffen. Bis zum Wochenende dürften dann auch die modisch gewagten Teile - etwa der Herren-Cardigan - ausverkauft sein. Wer bis dahin noch ein Stück finden will, vielleicht sogar einen der Bestseller, der muss schon regelmäßig, besser täglich, in den Läden vorbeischauen: Viele Kunden nämlich nahmen ihre Beute ohne Anprobe mit nach Hause - und haben jetzt 28 Tage Zeit zum Umtausch.

Karl Lagerfeld hat übrigens sein Wunschstück aus der Kollektion bekommen: den Cashmere/Wollmantel für 149 Euro. Ansonsten aber ist der Modemacher nicht so recht zufrieden.

Herr Lagerfeld, wenn erwachsene Frauen sich um Chiffonblusen prügeln - ist das Liebe zur Mode oder weibliche Hysterie?

Die Mode lebt von der Hysterie, oder zumindest träumt sie davon - die H&M-Geschichte ist also für mich, was man einen "Designer's dream" nennt.

Was halten Sie von Leuten, die Ihre Kleider wenige Stunden nach dem Kauf bereits im Internet mit Gewinn zu verkaufen suchen?

Alles ist erlaubt. Das ist doch typisch für unsere Zeit. Früher wäre so etwas unmöglich gewesen - darum amüsiert es mich.

Ist Ihnen so viel Erfolg gar nicht peinlich?

Peinlich ist mir nur, dass H&M so viele Leute verstimmt hat. Die haben nämlich nicht genug der Teile produziert und sie nicht einmal in der Hälfte aller Läden verkauft. Das finde ich nicht nett, besonders den Kunden in kleinen Städten und den Ländern im Osten gegenüber. Das ist Snobismus im Antisnobismus!

Macht der Erfolg trotzdem Lust auf eine zweite Kollektion?

Nein! Es war toll, mit den Leuten von H&M zu arbeiten, jeder hat jedem geholfen, damit es ein Erfolg wurde. Aber die unverständlichen Entscheidungen der Direktion in Stockholm nehmen mir jede Lust, so etwas noch einmal zu machen. Was mir zum Beispiel gar nicht gefällt: Gewisse kleine Konfektionsgrößen wurden größer gemacht. Was ich entworfen habe, ist eine Mode für schmale, schlanke Leute. Das war die ursprüngliche Idee. Viele in den 80ern erfolgreiche Modeunternehmer wussten damals immer alles besser - und heute sind sie fast alle verschwunden. Das wünsche ich H&M nicht. Aber wozu sich über Vergangenes aufregen, ich bin schon beim nächsten Schritt. Am Wochenende werde ich die neue Werbekampagne für Adidas fertig fotografieren.

Sind Sie jetzt zu einem Teil der Pop-Kultur geworden?

Die Idee gefällt mir - aber ich kann auf die Frage nicht mit ja antworten. Wie würde das klingen? Die französische Tageszeitung "Libération" sieht mich auf der gleichen Höhe wie Nicole Kidman - das ist dann ja wohl doch übertrieben.

Dirk van Versendaal / print