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Laufschuhtest Lunge: "Ein beeindruckendes Relikt"

Es ist ein Wagnis, dass viele große Sportartikler scheuen: Laufschuhe in Deutschland herstellen. Die Gebrüder Lunge haben das kostspielige Vorhanden umgesetzt und präsentieren nun ihren ersten Laufschuh "made in Germany". Urs Weber vom Fachmagazin "Runner's World" hat den Renner getestet.

Von Urs Weber

Laufschuhe lassen sich, anders als Waschmaschinen, nicht objektiv testen. Der Bewegungsvorgang beim Laufen ist so komplex und individuell, dass einzelne Parameter von Prüfständen wenig über die Praxistauglichkeit eines Laufschuhs aussagen. Das subjektive Urteil erfahrener Testläufer ist deshalb nach wie vor der zuverlässigste Bewertungsfaktor. Die weltweit größte Laufzeitschrift "Runner's Worl" testet daher nicht nur im Prüflabor, sondern auch konventionell mit Testläufern. Ein Team von fast 400 Läufern beurteilt die Schuhe nach eigenen Praxiserfahrungen. Und auch die großen Laufschuhhersteller verlassen sich bei der technischen Abstimmung letztlich auf das Urteil ihrer Testmannschaft.

Genau diesen Weg haben auch Lars und Ulf Lunge bei der Konzeption ihres Laufschuhs beschritten. Die nötige Erfahrung in Sachen Laufschuh bringen sie mit. Als aktive und erfolgreiche Langstreckenläufer kennen sie zahlreiche Modelle; mit ihrer langen Erfahrung als Laufshop-Besitzer haben sie einen weitreichenden Überblick über Modelle, Technologien und Marktpräsenz bei Laufschuhen. Dennoch (oder deshalb) sind die Lunge-Brüder schon seit Jahren von dem Gedanken fasziniert, einen eigenen Laufschuh zu bauen, nach eigenen Wünschen und Vorstellungen. Ihre ersten Laufschuhe ließen sie bereits vor Jahren nach eigenen Vorstellungen in Fernost herstellen - mit mäßigem Erfolg, vor allem aber wurden die konstruktiven Wünsche damals nie auch nur annähernd im Produkt umgesetzt.

Auf den ersten Blick wirkt der Schuh altbacken

Jetzt steht er da, der erste Laufschuh aus der Lunge-Manufaktur, der Lunge C-Dur. Der erste optische Eindruck ist unspektakulär, äußerlich lässt sich nichts erkennen, was es so oder so ähnlich nicht schon mal bei einem Laufschuh gegeben hätte. Ja, der Schuh wirkt sogar eher altbacken. Das Obermaterial ist konventionell. Die Mittelsohle, das Herzstück des Laufschuhs, macht sogar eher den Eindruck, als stamme sie aus einer anderen, früheren Laufschuhzeit: Die aus einem Vollstück geschnittene Mittelsohle aus Ethylen-Vinylacetat (EVA) erinnert konstruktionstechnisch an Laufschuhmodelle, die noch ohne Kunststoffelemente oder externe Verstärkungen gebaut wurden. Man sieht es der Sohle an, dass sie aus dem Vollen gefräst ist, am Übergang zum Obermaterial steht ein kleiner Grat vor. Die Mittelsohlen moderner Großserienlaufschuhe sind heute meist aus druckgeschäumten oder eingespritzten Kunststoffschäumen, die von hochkomplexen Maschinen gefertigt werden. Der entwicklungsgeschichtliche Unterschied ist vielleicht vergleichbar wie der zwischen Blattfederung und modern abgestimmtem, adaptiven Luftfederungskonzept beim Auto.

Die Erfahrung als Testläufer lehrt jedoch, dass die optische Beurteilung nachrangige Bedeutung hat. Entscheidend ist, was am Fuß passiert. Und da beeindruckt der C-Dur bei der ersten Anprobe, die bei Läufern oft über den Kauf entscheidet. Der Sitz ist perfekt. Das (beim getesteten Modell schmutzempfindliche) Innenmaterial des Schuhs ist weich und sehr rutschfest, insbesondere im Fersenbereich, wo Halt benötigt wird. Und im Gegensatz zu den meisten anderen Trainingslaufschuhen fällt auf, dass der Fuß im C-Dur flacher steht. Die meisten Laufschuhe haben eine Überhöhung des Rückfußes gegenüber dem Vorfuß (Sprengung), die Ferse steht also höher. Beim Lunge-Modell ist diese Überhöhung gering und beim Laufen kaum spürbar.

Der Schuh bietet dem Fuß Raum, ist aber nicht übertrieben breit; den Trend zu übergroßen Zehenbox haben die Lunges nicht mitgemacht. Auffällig ist auch die sehr sorgfältige Verarbeitung, was vor allem an der Innenverarbeitung des Schuhs deutlich wird: Alle Nähte stoßen sehr sauber aufeinander, kein Faden zuviel, keine überschüssigen Klebereste an der Brandsohle. Die Schnürung ist sauber gestanzt. Auffällig ist auch das feine Muster in der Außensohle, die von Zulieferer Continental stammt und bei den ersten Testläufen sich als sehr rutschfest erwies, auch bei Nässe. Über die Haltbarkeit kann noch keine Aussage getroffen werden. Die Mittelsohle ist in verschiedenen Schichten aufgebaut und hat unterschiedlich feste, farblich abgesetzte EVA-Komponenten, die allerdings nicht ganz perfekt aneinander gefügt sind, hier wird das Fertigungsniveau der Markenhersteller nicht erreicht. Auf der Innenseite (medial) ist eine härtere PU-Schicht. Hier stützt der Schuh also den beim Abrollvorgang nach innen knickenden Fuß (Pronation).

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Gleichermaßen für langsames wie höheres Tempo geeignet

Beim Praxistest wird schon auf den ersten Metern deutlich: Die Lunges haben sich viele Gedanken um ihre Laufschuhkonstruktion gemacht. Der Abrollvorgang ist neutral und dynamisch. Der Fuß bewegt sich weitgehend neutral. Der Schuh stützt, vor allem auf der Innenseite, beeinflusst aber den Bewegungsablauf nicht. Das ist gut. Dadurch entsteht ein flüssiger, dynamischer Abrollvorgang - was vor allem ambitioniertere Läufer bevorzugen. Die Dämpfung ist verglichen mit aktuellen Top-Modellen der Volumenhersteller eher auf der harten Seite; wobei es so scheint, dass sich der C-Dur im Laufe der ersten etwa 100 Kilometer noch einläuft und die anfangs eher steife Mittelsohlenkonstruktion weicher wird. Dabei ist die Dämpfung sowohl für Fersen- wie für Mittelfußaufsetzer geeignet: Die meisten Läufer setzen den Fuß beim Laufen mit der Außenkante der Ferse zuerst auf dem Boden auf und rollen dann über den gesamten Fuß ab. Mittelfußläufer setzen gleich mit dem Mittelfuss auf, die Dämpfungsphase ist dementsprechend kürzer.

So puristisch der äußere Eindruck, so unproblematisch ist auch das Abrollverhalten des Schuhs. Dabei ist er gleichermaßen für langsames wie höheres Tempo geeignet; auch bei einem etwas flotteren Tempo von vier Minuten pro Kilometer fühlt sich der Schuh gut an. Das liegt an mehreren Faktoren. Mit dem Gewicht von 365 Gramm (Größe US 11,5) gehört er nicht zu den leichten Schuhen, aber vor allem die gute Flexibilität im Ballenbereich lässt ihn dynamischer und leichter erscheinen. Dazu ist das Obermaterial im Vorfußbereich weitestgehend frei von Besätzen oder Applikationen. Und die Schnürung endet deutlich oberhalb des Abknickbereichs des Fußes - viele Modelle haben mittlerweile eine weit in den Vorfußbereich hineinreichende Schnürung, was zwar die Justiermöglichkeit in der Vorfußbreite beeinflusst, sich mitunter aber negativ auf das Abknickverhalten des Schuhs auswirken kann.

Bei aller Dynamik bietet die Konstruktion des C-Dur aber auch gute Stabilität. Läufer, die eine leichte bis mittlere Tendenz zur Überpronation haben, sind mit dem C-Dur sehr gut bedient. Als Überpronation wird bei Läufern das übermäßige Nach-Innenknicken des Fußes während des Abrollvorgangs bezeichnet. Der Schuh soll dem entgegenwirken. Der C-Dur errreicht das durch verschiedene Mittel: Die Leistenform ist nur leicht gebogen. Die härtere Schicht des EVA-Schaums in der Mittelsohle setzt auf Höhe des Fersenbeins ein und reicht vor bis an den Ballenbereich. Die Fersenpartie ist relativ flach, und der Erstkontakt mit dem Boden und die erste Phase des Abrollvorgangs werden sehr sanft eingeleitet. Die Außensohle mit dem rutschsicheren Continental-Profil bietet eine breite Auftrittfläche. Vor allem aber: Die Ausformung der Einlegesohle im Fersenbereich bietet sehr frühe Unterstützung gegen das übermäßige Einknicken des Fußes nach innen (Überpronation). So werden das Quer- und Längsgewölbe spürbar durch die Einlegesohle unterstützt (Pelotten). Gerade der häufigsten Form der Überpronation, die erst spät im Abrollvorgang einsetzt ("Late-stage-overpronation"), wird spürbar und wirkungsvoll entgegenwirkt.

Da ist Musik drin

Mein erster persönlicher Laufeindruck ist also sehr positiv. Läufer, die schon längere Erfahrung mit Laufschuhen haben, mögen sich ein wenig an Schuhe wie den einstigen Asics-Klassiker Alliance erinnert fühlen. Wie der Alliance ist der C-Dur puristisch und direkt, eher hart gedämpft, vermittelt einen guten Bodenkontakt und ein gutes Lauffeeling. Dabei wirkt er sehr dauerhaft. Der C-Dur nimmt im Vergleich zu den Markenprodukten eine Sonderstellung ein. Die Mittelsohle kommt ohne jegliche externe Stützen, Mittelfußbrücken oder eingesetzte Dämpfungs- oder Stabilitätselemente aus. Damit erscheint er wie ein Laufschuhrelikt aus alter Zeit inmitten der Hightech-Runningschuhe; aber funktionell kann dieser Laufschuh-Saurier durchaus beeindrucken, da sollte der äußere Eindruck nicht täuschen.

Das äußere Erscheinungsbild - eine Anmutung fast wie beim Retro-Modell - lässt bei dem von mir getesteten (Vorserien)-Modell (es werden nur noch Kleinigkeiten zur Serie verändert) nach meinem Empfinden noch Raum für Verbesserung. Aber vielleicht ist dies auch gerade die Chance des Schuhs, als puristischer, durchdachter und ehrlicher Alltagslaufschuh ohne Schnickschnack. Entgegen dem eher biederen Äußeren ist der erste Laufeindruck sehr positiv. Im C-Dur ist Musik.

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