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Maries Modelcheck: Diese drei Dinge treiben Gäste der Pariser Modewoche in den Wahnsinn

Die Paris Fashion Week hat begonnen – und ich sitze plötzlich bei einigen der großen Designer nicht mehr in der Front Row, sondern vor der Tür. Nicht mal ein Stehplatz bleibt mir. Dabei bin ich doch eine Fashion-Ikone! Skandal! Ein Beschwerdebrief an die Fashion-PR-Agenturen.

Von Marie von den Benken

Paris Fashion Week Kaia Gerber

Kaia Gerber auf der Show von Isabel Marant bei der Paris Fashion Week

AFP

Die Tage sind sommerlich an der Seine. Paris zeigt sich zum Finale der Spring/Summer 2019 Modewochen, die uns über Berlin, New York, London und Mailand an die Champs-Élysées geführt haben, von seiner besten Seite. Zumindest, was das Wetter angeht. Viele andere Details machen die Woche im Zeichen der Prêt-à-porter Schauen zu einem durchaus anstrengenden Stress-Marathon, als wären Défilés, Showroom-Präsentationen, Interviews, Fittings, Dinner- und Cocktail-Partys und Runway-Shows im Halbstundentakt nicht hektisch genug. Natürlich ist es ein Privileg, hier dabei sein zu dürfen. Und wie ich gerade so in der Hotel-Lobby eines 5-Sterne-Plus-Hotels am Place Vêndome sitze, bei einer Cola Zero mit mehr Eis als man brauchen würde, um einen handelsüblichen Kernreaktor zu kühlen, will ich bestimmt nicht mit jemand anderem tauschen. Also, außer eventuell mit Kaia Gerber. Aber weil es ja die Lieblingsbeschäftigung des Deutschen ist, sich zu beschweren, möchte ich diese erste Kolumne live aus Paris mit meinen Top-3 der nervigsten Dinge während der Fashion Week starten.

Top 3 der nervigsten Dinge an der Paris Fashion Week:

1. Der Verkehr. Alle halbe Stunde ein anderer Termin an einer anderen Location. Was bis vor einiger Zeit perfekt mit Uber machbar war (in sind pro Tag mittlerweile gefühlt mehr Uber-Fahrer unterwegs als Baguettes gegessen werden), ist, seitdem die Stadt das rechte Seine-Ufer verkehrsberuhigt und zu einer Fußgänger-Promenade gemacht hat, ein steter Quell der Ärgernisse. Fahrten über 2,5 Kilometer dauern staubedingt gerne mal 45 Minuten. "Geh doch zu Fuß! Du machst doch eh jeden Tag Sport!" höre ich die ersten Intim-Kenner der Modeszene rufen – und ja, das wäre eine Option. Jedenfalls, wenn man nach einem halben von 10 Tagen verletzungsbedingt aus dem Fashion Week Zirkus aussteigen möchte. Schon mal 2,5 Kilometer in High Heels gelaufen? 15 mal am Tag? Das ist in etwa so reizvoll, wie den Rest seines Lebens nur noch "Hyper! Hyper!" von Scooter hören zu dürfen. Gesungen von Til Schweiger. Simultan ins Englische übersetzt von Lothar Matthäus.


2. Die Auf-Dicke-Hose-Macher. Ja, es gibt sie wirklich. Die Trittbrettfahrer, die Möchtegerns, die Y-Promis der Fashionbranche. Sie sind tausendmal schlimmer als jeder verwirrte -Blogger, der mal einen 200-Worte-Aufsatz über Plateauschuhe geschrieben hat und seither denkt, er ist aus keiner Front Row mehr wegzudenken. Sie tragen zumeist gut gefälschte 25.000-Dollar-Uhren und haben immer eine Story parat, welches ganz dicke Fashion-Ding sie grade drehen. An sich nicht so schlimm. Typen, die sich mit gequirltem Schwachsinn interessant machen möchten, kenne ich, seit ich mit 12 das erste Mal auf einer Party war, wo auch getanzt wurde. Anstrengend wird es nur, wenn diese selbsternannten Götter der Modewoche mit ihren hoch gekrempelten Sakko-Ärmeln dich in einer Bar entdecken, großspurig Magnum-Flaschen Champagner bestellen ("geht alles auf mich! Es ist nur zweimal im Jahr Fashion Week!") und dann kurz mal "zum Rauchen" nach draußen verschwinden, ohne jemals wieder gesehen zu werden.


3. Die Arroganz der großen Labels. Die Fashionbranche hat sich verändert. Wo es früher ausschließlich darum ging, Vertreter der einschlägigen Mode-Magazine und großer Print-Erzeugnisse auf die Shows zu bekommen, kamen irgendwann die Promis dazu (um die Gossip-Magazine und Online-Portale zu befriedigen), dann die Blogger und zuletzt die Influencer. Alle sind wichtig. Gerade die Influencer haben eine sehr hohe Wirkung im Fashion-Bereich. Und die Reichweiten sprechen auch für sich, jedenfalls wenn man sich nicht viele Gedanken um Authentizität und Storytelling macht. Aber das ist eine andere Geschichte. Was mich unzufrieden macht, ist dass durch diese Götterdämmerung am Reichweitenhimmel die Parameter der Bewertung der Wichtigkeit von Gästen völlig durcheinander gekommen sind. Als Beispiel: Als Influencerin und Model ist es für mich relativ einfach, Zugang auch zu den Shows und Events zu erhalten, für die ich nicht offiziell gebucht bin. Heute, wo ich mehr und mehr auch als Autorin arbeite, werde ich immer öfter in die Kategorie "Presse" eingeordnet. In diesem Bereich sind die Karten – anders als bei der noch recht neuen Disziplin Influencer – schon recht lange ziemlich eindeutig verteilt. Die Liste der einzuladenden Vertreter der Magazine ist klar, man kennt sich. Bussi hier, Bussi da, schön dich zu sehen. Dass eine Menge dieser Presse-Vertreterinnen am Ende ein verwackeltes Bild von der Show postet und mit Glück noch einen Artikel über die Promis in der ersten Reihe raushaut, der ohne jeden interessanten Erzählansatz und komplett ohne konkreten Bezug auf die Mode oder die Philosophie der Kollektion auskommt, wird hingenommen. Man ist präsent, so war es schon immer. Dieser letzte Punkt soll nicht zickig klingen. Es ist immer noch die Entscheidung der Labels, wen sie zu ihren Shows lassen. Und ich bin mir meiner Nichtrelevanz in dieser Mode-Journalismus-Szene durchaus bewusst. Ich hätte nur gedacht, man schaut in diesem Business mehr darauf, von wem guter, interessanter Content über welche Medien und welche Reichweite an welche Zielgruppen verteilt wird, um danach dann das optimale Gäste-Line-Up aufzubauen. Dem ist aber nicht so. Schade, ich zum Beispiel hätte gerne ein paar Shows gesehen, die auf meine Anfrage zum größten Teil nicht mal reagiert haben. Also, liebe Balenciaga, Saint Laurent, Celine. Louis Vuitton, Chloé, Isabel Marant, Balmain oder Elie Saab – eventuell überdenkt ihr für das neue Jahr dann ja mal eure Vorgehensweise. Aus meiner Sicht würde das im Hinblick auf guten Content über eure tolle Mode nicht schaden.

Die zweifelhafte Macht der PR-Agenturen

Warum das so ist, ist in meinen Augen klar. Das Management von Runway Shows, insbesondere bei so einzigartigen Anlässen wie der Fashion Week Paris, wird zumeist von PR-Agenturen übernommen. PR-Agenturen werden unter anderem vor allem für ihre Kontakte bezahlt. Die bestehen über viele Jahre und sind gewachsen. De facto könnten die meisten PR-Agenturen, die für große Labels arbeiten, die Gästeliste für die Fall/Winter 2020 Shows im März 2019 genau so gut bereits heute erstellen. Die Namen werden sich nicht ändern. Warum auch? Man ist eine große Fashion-Familie, das war schon immer so. Und man generiert als PR-Agentur auch keine Zusatz-Honorare, wenn man innovativ arbeitet und neue, gute Content-Creators auf die Shows bringt. Eine lapidare, standardisierte Absage, wenn überhaupt (!), ist einfacher und schmerzfreier, als womöglich jemandem, der die letzten zehn Saisons dabei war, erklären zu müssen, warum diese Saison kein Platz für ihn frei ist.

Ich bin mir bewusst, dass dieses Plädoyer wirkungslos verhallen wird. PR-Agenturen sind zum einen nicht gerade windschnittig, was Kritik angeht. Zum anderen wäre es möglicherweise auch Aufgabe der Labels und Designer, ihre Agenturen damit zu beauftragen, auch junge, neue, frische Stimmen an die Runways zu holen, statt nur die Kontakte der vergangenen Jahre zu verwalten. Stimmen, die auch geschriebenen Content produzieren, der bleibt (für Google-Suchen beispielsweise) und nicht nur Bilder. Versteht mich nicht falsch. Influencer sind grandios und wichtig. Sie kreieren fantastische Bilder und kuratieren Mode auf ihre eigene, individuelle Instagram-Art. Das bringt tolle Visuals und sehr schnell generierte, hohe Reichweiten. Heute extrem wichtig und nicht mehr wegzudenken. Aber die tatsächliche, fundierte Auseinandersetzung mit der Materie aus der Sicht der für Luxus-Konzerne immer wichtiger werdenden neuen Generation sollte nicht aus den Augen verloren werden

Can I Talk To Mister Dior?

Natürlich wird nun niemand aus der Chefetage eines Luxus-Labels nach der Lektüre meiner Kolumne hier zum Hörer greifen und seine PR-Agentur re-briefen. Es besteht kein Anlass, eine Vorgehensweise zu revolutionieren, nur weil ich ein bisschen genervt davon bin, wie guter Content in meiner Branche offensichtlich definiert wird. Es geht mir eher um Ehrlichkeit. Darum, zu sagen, dass ich zwar täglich in dieser Branche unterwegs bin – bei vielen Designern und Labels aber dennoch ganz brav eine E-Mail schreiben und um einen Platz bei der Show bitten muss. Manche möchten mich dann gerne dabei haben, andere eben nicht. Ich weiß, dass man sich da nicht zu wichtig nehmen darf – vor allem, wenn man nur so ein klitzekleines Lichtchen am gleißend strahlenden Himmel der Fashion-Welt ist.

Da ich aber zum wiederholten Male mit vielen anderen Models, Content-Erzeugern, jungen Journalisten und Influencern gesprochen habe, die anscheinend alle mit dem selben Problem zu kämpfen haben, dachte ich, bevor ich mich jetzt in die zweite Hälfte der Paris Fashion Week stürze, um zum Beispiel die Shows von Talbot Runhof, Nobi Talai oder Karl Lagefeld x Kaia Gerber zu sehen, schreibe ich mal diesen blauen Brief an die Fashion PR-Agenturen.

Um die Mode, die grandiosen neuen Kollektionen beispielsweise von Guy Laroche, Christian Dior, Off White oder Anais Jourden kümmere ich mich dann nach der Fashion Week.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie

Video: Dior lässt Blüten regnen