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Mode aus dem Knast: Mein T-Shirt hat ein Verbrecher genäht

Der Name "Haeftling" ist Programm: Die Kleidungsstücke der gleichnamigen Marke werden von Strafgefangenen hergestellt. Was nach der Ausbeutung von billigen Arbeitskräften klingt, kommt den Häftlingen zugute - und sieht auch noch schick aus.

Von Susanne Kaloff

Der Anruf des Gefängnisleiters kam mitten in der Nacht. Er meldete aufgeregt, dass die Japaner verrückt spielen. Sie orderten Jacken in Herrenkonfektionsgröße 42, eine Größe, so klein, dass es sie auf dem deutschen Markt kaum gibt. Als Stephan Bohle mit seiner Agentur "Herr Ledesi" 2003 die "Haeftling Jailwear" gründete, ahnte er nicht, was er damit los trat. Seine Idee: Bekleidungs- und Lifestyle-Produkte in deutschen Justizanstalten produzieren lassen, die man über das Netz bestellen kann.

In den ersten Monaten nach der Gründung gingen allein 4000 Bestellungen ein, die Produktion kam nicht nach. Im Februar 2007 eröffnete "Haeftling" seinen ersten Shop in Berlin, ein zweiter in Hamburg ist in Planung. Zur Kollektion gehört beispielsweise das Field Jacket Willis für 149,95 Euro, bei dem das Wort "Outdoor" einen ganz neuen Klang bekommt, oder Hoodies und schlichte Unterwäsche. Schön auch die Cap Snipe, die unter harmlos blauem Karomuster eine kleine Schmuggeltasche versteckt. "Kein hochmodischer Firlefanz, das passt nicht zu "Haeftling". Wir machen Workwear im Uniform Stil," sagt Bohle.

Arbeiten ist besser, als auf der Zelle zu sitzen

Seit Herbst gibt es eine komplette Damen-Linie, aber auch Kaffee: die feine Arabica-Mischung "Milde Harmonie" für 12,95 Euro aus der JVA Hünfeld. Der privat geführte Knast in Hessen hat eine eigene Kaffeerösterei im Haus, in der die Häftlinge arbeiten können. In der Vollzugsanstalt Kaisheim gibt es sogar eine eigene Weberei, in der die Filzdecke Ike gewebt wird. "Wir wollen das Knastleben nicht verherrlichen, sondern mit einer hohen Sensibilität auf die Bedingungen aufmerksam machen. Es ist gut, dass wir den Gefangenen Jobs bieten, alles ist besser, als 23 Stunden auf der Zelle zu hocken." sagt Bohle.

Wer im Knast einen Job ergattert, hat einen geregelten Arbeitstag, Kollegen und eine Mittagspause. Dinge, die das Absitzen der Strafe vermutlich gefühlt verkürzen. "In den Anstalten sitzen viele ungelernte Leute, die hier die Chance bekommen, einen Beruf zu erlernen." Hinter Gittern verdient man pro Tag zwischen acht und 14 Euro. Bei solch billigen Arbeitskräften bleibt der Gedanke an Ausbeutung nicht aus.

Die Filzdecke beispielsweise kostet im Einkauf zirka 40 Euro, im Verkauf ist sie für 99,95 Euro zu haben. Stephan Bohle spricht trotzdem von einem "fairen Preis", denn er muss die Gewinnspanne des Handels einkalkulieren. "Niemand spricht von Ausbeutung, wenn Nike oder Adidas ihre Waren für 60,- Dollar im Monat in Asien fertigen lassen. Mit sinnvoller Arbeit tragen wir zu einer verbesserten Resozialisierung bei", meint Bohle.

Wenn man auf die Website www.haeftling.de geht, erscheint das Motto, das auch gut von einem Yoga Zentrum stammen könnte: "Be good. Do good." Der Charity-Gedanke ist nicht an den Haaren herbeigezogen. "Ein Teil der Erlöse, von den Dingen, die wir außerhalb von Gefängnissen fertigen lassen, geht an Organisationen, die sich für Haftverbesserungen einsetzten. An Institutionen wie zum Beispiel Gangway e.V Berlin, die präventiv was für Menschenrechte macht."

Gemeinnütziges Projekt unterstützt auch Mörder

Das Geld kommt auch Betty zugute. Betty ist 34 Jahre alt und Mutter zweier Teenager. In 18 Jahren werden ihre Kinder sie wieder sehen. Zurzeit sitzt sie im Gatesville Gefängnis des Staates Texas/USA. Betty wurde des bewaffneten Raubüberfalls schuldig gesprochen, sie fuhr das Fluchtfahrzeug. Ihre Komplizin konnte sich einen Anwalt leisten und erhob Einspruch gegen das Urteil. Nach fünf Jahren wurde sie entlassen. Betty kann sich keinen Anwalt leisten und bemalt nun T-Shirts in ihrer Zelle, die Titel tragen wie "Down&Dirty," was so viel heißt wie "In der Gosse." Sie ist Teil des Gemeinschaftsprojekts "T-Shirt-Art by Haeftling" von Haeftling Jailwear und einer Privat-Initiative aus den USA.

Die T-Shirts kosten 39,35 Euro und durch den Verkauf soll den Inhaftierten die Chance gegeben werden, ihre Angehörigen draußen zu unterstützen oder sich Rechtbeistand zu leisten. Martin* sitzt wegen Mordes in der Todeszelle und Jerry* hat 35 Jahre abzusitzen - auf den limitierten T-Shirts stehen ihre Taten geschrieben. Sichtbar nur von innen. Ab sofort auch für draußen.

*Name von der Redaktion geändert

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