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Mode: Back in Black

So manches Kleid, heißt es, sagt mehr über seine Trägerin als 1000 Worte. Die besten Geschichten erzählt das kleine Schwarze, meint stern-Autor Marc Fischer. Nie gab es so viele aufregende Varianten des Modeklassikers wie in diesem Herbst.

Es war eine Vernissage von irgendeinem deutschen Maler, der irgendwelche sehr großen Bilder an die Wand gehängt hatte. Aber die Bilder waren nicht die Hauptsache. Das war die außerordentlich ansprechende Frau, die in der Ecke stand. Das schwarze Kleid, das sie trug, war ihr so genau auf die Silhouette geschnitten, dass das Kleid im Notfall auch ohne die Frau zum Bierholen hätte gehen können. "Siehst du sie?", fragte ich meinen Freund, den Signore. "Wen soll ich sehen?" "Na, die Dame da drüben, in die ich mich gerade verliebt habe." "Mein Gott, bist du einfach zu beeindrucken!", bellte der Signore. "Bloß weil Madame ein kleines Schwarzes trägt und so ein bisschen auf tiefgründig macht?" "Siehst du sie?", fragte ich meinen Freund, den Signore. "Wen soll ich sehen?" "Na, die Dame da drüben, in die ich mich gerade verliebt habe."

"Mein Gott, bist du einfach zu beeindrucken!", bellte der Signore. "Bloß weil Madame ein kleines Schwarzes trägt und so ein bisschen auf tiefgründig macht?"

Tatsächlich waren das zwei der Gründe, aber der Ton, den der Signore anschlug, gefiel mir nicht. Hatte ihm die Frau etwas getan? Schuldete sie ihm Geld? Der Signore hatte doch selber keines. Auf einmal bemerkte ich, dass auch einige der anderen Galerievögel, vornehmlich weibliche, über die Frau redeten. Sie sagten Sachen wie: "Ach Gottchen - soll das hier so eine Art Frühstück-bei-Tiffany-Nummer werden, oder was?" und "Ist der Existentialismus nicht tot?".

Die Vögel trugen Jeans und Turnschuhe. Was, um Gottes willen, war geschehen? Hat man vor dem Kleinen Schwarzen, dem Modeklassiker schlechthin, allen Respekt verloren? Muss sich eine Frau heutzutage dafür entschuldigen, eines zu tragen, während sie noch vor ein paar Jahren dafür gefeiert worden wäre? Gewiss, es ist nicht mehr der Gipfel der Originalität, mit dem kleinen Schwarzen einen Modeskandal losbrechen zu wollen. Seit seiner Schöpfung durch Coco Chanel vor knapp 80 Jahren ist es dank der Ladys Hepburn, Seberg, Moreau zum Klassiker geworden - und zum Modekonsens, dass davon jede Frau fünf Stück im Schrank haben sollte.

Genau das ist der Fehler, meine Damen! Es gibt mittlerweile einfach zu viele kleine Schwarze. So viele, dass wir den Blick dafür verloren haben, welches KS das richtige ist - denn für jede Frau gibt es nur EINS. Sonst hieße es ja nicht DAS, sondern DIE kleinen Schwarzen, und hätte fast etwas Rassistisches. Meine Vernissage-Fee hatte ihr einzigartiges KS gefunden. Ihre Fesseln waren glatt wie Bambus; die Leberflecken auf ihrem Bauch hatten die Form des Kleinen Wagens; ihr Dekolleté roch nach Zitronenkeks. Woher ich das weiß, ohne sie berührt zu haben? Das Kleid hat es mir erzählt. Ihr Lieblingsbuch ist Evelyn Waughs "Eine Handvoll Staub"; ihr letzter Freund war Regisseur; im Sommer schläft sie gern auf dem Balkon, wenn's warm genug ist. Woher ich das weiß, ohne mit ihr geredet zu haben? Auch das hat mir das Kleid erzählt - denn wenn es das perfekte KS ist, kann es: sprechen.

Es erzählt die Geschichte seiner Trägerin. Einer Landkarte gleich beschreibt es wie kein zweites Kleidungsstück den Körper unter sich und alles, was dieser Körper je erlebt hat. In der Blässe des Weiß, in der Unverbindlichkeit des Blau kannst du dich vielleicht verstecken, vor dem Schwarz des KS aber begegnet der Mensch sich selbst so, wie er sich auch in der Nacht begegnet. Und finden wir die Nacht langweilig, bloß weil wir sie schon 12 756-mal gesehen haben? Nein, sie bleibt schwarze Magie. Immer magischer wurde auch die Frau in der Galerie, doch gerade als ich ihr das sagen wollte, um mit ihr meine 12757.

Nacht zu verbringen, war sie schon verschwunden. Alles, was mir blieb, war der immer noch sehr schlecht gelaunte Signore. "Was ist denn eigentlich los mit dir?", fragte ich ihn später auf dem Nachhauseweg. "Was hattest du gegen diese wunderschöne Frau?" Der Signore druckste ein wenig herum, bis er mit der Wahrheit rausrückte. "Ach, verdammt", sagte er dann und kickte eine Bierdose aus dem Weg, "ich will mich seit Monaten mit ihr verabreden, aber sie ruft mich halt nie zurück!"

Produktion: Elke Reinhold; Fotos: Hanspeter Schneider Stern-Produktion & Styling: Elke Reinhold, Mitarbeit: Alexandra Pensler, Haare/ make-up: Giusi Sulis/ Phoenix & Red Keen N.Y.; Postproduction: Bildvision

Marc Fischer
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