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Mode: Die heiße Naht

Szenen aus der Modeszene: Die Illustratorin Nora Gres hat typische Situationen der Fashion-Welt in verkleinerter Form nachgestellt. Alles genäht - auch die aktuellen Kleider der Prêt-à-porter-Häuser (in Größe XXS).

Von Christine Mortag

Hier eine Spitzenbordüre, dort noch etwas Organza und zum Schluss ein kleines Schleifchen: Tagelang und oft die Nächte dazu näht Nora Gres in ihrer Münchner Altbauwohnung an einem Kleid. Sie näht auch Schuhe oder Taschen. Doch wenn die Sachen fertig sind, kann man sie nicht einmal anziehen oder umhängen. Soll man auch nicht. Anschauen soll man sie, betrachten wie ein Gemälde, eine Collage von Robert Rauschenberg oder eine Fotografie. Nur braucht die 38-Jährige für ihre Arbeiten weder Pinsel noch Kamera, sondern Nadel, Faden und viel Stoff. Denn Nora Gres näht Bilder. "Wie man das genau nennen soll, was ich mache, weiß ich auch nicht", sagt sie. "Vielleicht trifft es ‚textile Illustration‘ am besten."

Zu Beginn zeichnet Gres ihre Motive auf Transparentpapier. Das kann eine einzelne Figur sein oder, wie in der Produktion für den stern, eine Szene am Strand von Rio de Janeiro mit einem Model, das sich im Sand aalt. Aus der Vorlage überträgt sie jedes Einzelteil - eine Palme, eine Haarsträhne - auf ein Stück Stoff, schneidet es aus und näht es auf eine etwa 70 mal 90 Zentimeter große Unterlage. Manchmal steckt Nora Gres den Stoff auch nur fest, legt ihn in Falten oder drapiert ihn locker. Eine handwerkliche Friemelarbeit mit unbedingter Liebe zum Detail - bis hin zu einzeln aufgeklebten Fingernägeln aus winzigen Stücken Lackleder. Pro Bild verarbeitet Nora Gres etwa 50 verschiedene Stoffe und andere Materialien wie Perlen, Pailletten oder Gardinenringe. Die findet sie im Textilgroßhandel, auf Flohmärkten, türkischen Basaren und manchmal auf der Straße: Um die Fenster eines Wolkenkratzers darzustellen, nahm sie die Tasten eines defekten Blackberry, das jemand in der U-Bahn liegen gelassen hatte.

Die Bilder für den stern boten noch andere Herausforderungen: Zu sehen ist die aktuelle Mode der internationalen Designer. Ein Spitzenkleidchen von Dior soll auch bei Nora Gres als solches erkennbar sein. Also benötigt sie Textilien, die dem Originalstoff ähnlich sind, ohne dafür das Prêt-à-porter- Teilchen für circa 10.000 Euro zu zerschnippeln. "Da muss man tricksen", sagt Nora Gres. Etwa so: Für den Hut von Philip Treacy nähte sie Stoffschmetterlinge aus der Kurzwarenabteilung von Karstadt auf. Die Idee der "Textilen Illustration" entstand vor fünf Jahren. Nora Gres arbeitete damals als Grafikerin bei einer Frauenzeitschrift und stellte sich die Frage: Muss man Mode eigentlich immer fotografieren? Muss man immer mit 20 Schrankkoffern voller Klamotten nach Miami fliegen und sich mit Topmodels herumärgern, die für weniger als 10.000 Euro pro Tag nicht mal aufstehen? Nein, es geht auch anders: Man näht Miami, Models und Mode einfach nach.

Es dauerte ein wenig, bis Nora Gres akzeptieren konnte, ihr Geld mit etwas zu verdienen, das an Handarbeitsunterricht erinnert. "Wenn man's genau nimmt", sagt sie, "mache ich heute nichts anders als Mutti früher: Tierchen auf T-Shirts nähen." Na ja, ein bisschen aufwendiger sind sie schon, ihre genähten Bilder. Übrigens: Man kann sie auch kaufen (Kontakt: www. noragres.de). An den Motiven für den stern hat die Textilkünstlerin immerhin drei Monate gearbeitet.

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