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Berlins Flughafen-Desaster: Der Fluch des neuen Airports

Da der Hauptstadt-Airport erst im März 2013 öffnet, wird es auf dem Flughafen Tegel eng. Wie der Verkehr bewältigt werden soll, ist unklar. Berlins Regierungschef Wowereit muss sich Vorwürfe anhören.

Von Till Bartels

Eigentlich sollten die Flughäfen Tegel und Schönefeld in zwei Wochen geschlossen werden. Doch mit dem verschobenen Starttermin des neuen Flughafens Berlin Brandenburg, der nach einer Marathonsitzung des Aufsichtsrates der Flughafengesellschaft für den 17. März 2013 festgelegt wurde, kommt auf die beiden alten Airports eine Mammutaufgabe zu.

Der Betrieb geht dort nicht einfach weiter, denn Air Berlin und Lufthansa haben ab dem 3. Juni eine enorme Kapazitätsausweitung geplant. Allein Lufthansa stockt mit neuen Flugzeugen und Crews die Zahl ihrer Nonstop-Verbindungen von derzeit elf auf 39 Routen auf. Beide Fluggesellschaften haben Tausende von Tickets bereits verkauft. In Tegel drohen für Reisende chaotische Verhältnisse. Für die Kranich-Airline kommt ein Ausweichen mit einzelnen Flügen nach Schönefeld "keinesfalls infrage", so ein Pressesprecher.

Wird das Nachtflugverbot in Tegel gelockert?

Die für den neuen Großflughafen BER geplante Ausweitung des Flugverkehrs lässt sich nicht einfach auf den bereits chronisch überlasteten Flughafen Tegel übertragen, da dort ein Nachtflugverbot zwischen 23 Uhr und 6 Uhr herrscht. Dagegen hatte das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig für den neuen Hauptstadtairport eingeschränkte Flüge in den Zeiten zwischen 22 Uhr und Mitternacht sowie von 5 bis 6 Uhr erlaubt. Eine Aufweichung des Nachtflugverbots für Tegel ist für die Flughafenkoordinatorin Gesine Schulte-Nossek, die die Start- und Landezeiten vergibt, kein Thema: "Nur innerhalb der erlaubten Betriebszeiten dürfen Slots vergeben werden", sagte sie der "Financial Times Deutschland."

Für Air Berlin wird die Situation doppelt problematisch. Die Fluggesellschaft wollte an der Süd-Pier des neuen Flughafens ein großes Umsteigeprogramm zu neuen Flugzielen in Übersee umsetzen. Am Air-Berlin-Terminal in Tegel, der mit seiner Leichtbauweise eher einem Provisorium gleicht, lässt sich der Umsteigeverkehr schon aus Platzgründen nicht realisieren. Air Berlin Chef Hartmut Mehdorn reagierte nach der Ankündigung des neuen März-Termins entsprechend sauer: "Wir hätten mit sehr viel Bauchschmerzen eine Verschiebung der BER-Eröffnung auf Ende Oktober hingenommen; auch dies wäre nur mit erheblichem, nur schwer zu bewältigenden Mehraufwand möglich geworden." Das zusätzliche Dilemma für Mehrdorn: Bei Air Berlin schwindet das Eigenkapital; die zweitgrößte deutsche Fluglinie finanziell kämpft um ihr Überleben.

Technik-Geschäftsführer muss gehen

Nach dem verpatzten Start am neuen Airport macht sich Flughafenchef Rainer Schwarz "Sorgen um Tegel". Dort hat er für die nächsten Monate eine zweite Baustelle - im übertragenen Sinne. Wer den engen Flughafen kennt, ahnt welche Herausforderungen auf die Mitarbeiter zukommen. Statt die Kisten für den Umzug zum neuen Airport zu packen, muss improvisiert werden: Wie können neue Warteräume und Sicherheitsschleusen aus dem Boden gestampft werden? Wo gibt es weitere Abstellflächen für Flugzeuge? Zusätzliches Vorfeldbusse und mehr Personal muss her. Pikant wird die Situation, wenn der Winter kommt und noch mehr Flugzeuge enteist werden müssen? "Es liegt ein gigantischer Berg an Arbeit vor uns", so Schwarz.

Der Flughafenmanager ist noch im Amt. Sein Kollege Manfred Körtgen muss dagegen zum 1. Juni den Posten als Technik-Geschäftsführer räumen, weil er nicht rechtzeitig erkannte, dass der Eröffnungstermin am 3. Juni nicht zu halten war. In der Sitzung des Aufsichtsrats am Mittwoch wurde auch dem Generalplaner PG BBI, zu dem auch das Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner gehört, die Zusammenarbeit aufgekündigt.

Wowereit muss Rede und Antwort stehen

Der geplatzte Starttermin wird für Berlin nicht nur zu einem Imageschaden ("Berlin kriegt keinen hoch", titelte die "Tageszeitung"), sondern zum finanziellen Desaster. Das beginnt bei Einnahmeausfällen über zusätzliche Kosten für den verlängerten Betrieb von Tegel und Schönefeld, der sich auf 15 Millionen Euro pro Monat beläuft, bis hin zu Schadensersatzforderungen. Da sind nicht nur die Airlines, sondern auch Kleinunternehmer und Gewerbebetreibende, die bereits Personal für ihre Läden im neuen Terminal eingestellt hatten. Auch der Organisator, der für den 24. Mai die große Eröffnungsparty mit 300 Helfern plante, stellt Regressforderungen. "Am Ende wird eine große Rechnung auf die Berliner Flughäfen zukommen", sagt Lufthansa-Passagiervorstand Carsten Spohr, ohne Zahlen zu nennen. Fachleute sprechen von insgesamt 200 Millionen Euro Zusatzkosten für den Flughafenbetreiber.

Auch für Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) ist der geplatzte Eröffnungstermin von BER eine Schlappe. Freitagvormittag hatte er sich in einer Sondersitzung des Verkehrsausschusses des Berliner Abgeordnetenhauses den Fragen der Volksvertreter zu stellen. Als Aufsichtsratschef der staatlichen Flughafengesellschaft musste er erklären, warum die Eröffnung des Vorzeigeprojekts schon wieder verschoben werden musste. Letzte Woche hat Wowereit noch von Mitte August gesprochen. Der Eröffnungstermin 3. Juni sei Mitte 2010 von Experten vorgeschlagen worden, nicht von Politikern, sagte er in der Sondersitzung des Verkehrsausschusses. Der Vorwurf, es habe sich um einen "politischen Termin" gehandelt, sei abstrus. "Aber wir haben immer wieder darauf hingewiesen, dass die Zeitpläne ambitioniert sind", so Wowereit.

Für den Berliner Regierungschef ist das BER-Debakel längst zum Politikum geworden. "Hier hat die Aufsicht versagt", sagte Berlins Grünen-Fraktionschefin Ramona Pop. Körtgen sei ein "Bauernopfer", mit dessen Rauswurf Wowereit sich schützen wolle.

mit Agenturen

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