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Nie wieder ...: ... selbst gemachte Schlauchboot-Lippen

Schmollen wie Angelina Jolie - unsere Autorin wollte das mit einer Lip-Booster-Creme hinbekommen. Ihre Erkenntnis: Zahnarzt und Chili-Topf sind harmlos dagegen.

Wollen wir nicht alle einen Schmollmund haben?", lockt die Verkäuferin mit einem Augenzwinkern, und es ist mehr Feststellung als Frage. Natürlich, wir wollen alle ein Stückchen von Angelina Jolies Schlauchboot-Lippen abhaben, sie sieht ja immer aus, als würde sie sich an ihrer Unterlippe verschlucken.

Vor einigen Jahren, als noch nicht an jeder Ecke Lippenvergrößerer angeboten wurden, entdeckte ich im Internet ein Produkt mit einem Namen, der offenbar einem Comic entsprungen war: "Super Duper Lips". Das Gel kostete 25 Dollar und hatte die Konsistenz von kalt geschleudertem Bienenhonig. Die klebrige Masse sollte exakt sieben Minuten in die Lippen eingearbeitet werden. Ich lief in der Wohnung herum und saugte einarmig ein wenig Staub, während ich mit der anderen Hand geduldig an meinen Lippen rubbelte. Doch gar nichts schwoll an, und ich blieb schmallippig auf dem gründlich gestaubsaugten Teppich zurück. Aber jetzt gibt es ja endlich zahlreiche neue Produkte für makellose Lippen im Handumdrehen. Die Produkte nennen sich Lip Plumper oder Lip Booster und versprechen volle Lippen ohne Operation. Nun denn: Inflate your lips!

"Keine Schmerzen, keine Wartezeit, kein Witz!"

Mit dem Applikator trage ich wie angewiesen eine großzügige Menge der transparenten Gloss-Formel auf die gereinigten, getrockneten Lippen auf. Erster Eindruck: schmeckt nach Mandarine. Der Volumeneffekt soll sich angeblich sofort einstellen, was auf der Packung mit folgenden einfachen Worten ins Deutsche übersetzt wurde: Keine Schmerzen, keine Wartezeit, kein Witz! Wie das funktioniert, wird dann auf dem Beipackzettel in etwa so beschrieben: eine Technik, mit der die Kollagenmoleküle durch Feuchtigkeitsentzug zu kleinen Mikrokugeln schrumpfen und in die Lippen diffundieren, wo sie den natürlichen Wassergehalt des Körpers zur, puh, Rehydration nutzen und die Lippen natürlich, weich und rund erscheinen lassen. Ich weiß nicht, was hier wohin diffundiert, fest steht auf jeden Fall: Es brennt wie Hölle! Die Fachfrau beruhigt mich mit einem glossigen Lächeln auf ihrem aufgepumpten Mündchen: "Das leichte Prickeln ist so beabsichtigt, da ist roter Pfeffer drin, das regt die Mikrozirkulation der Lippen an!"

Prickeln trifft es nicht ganz, meine Lippen fühlen sich an, als hätte mich eine Hummel gestochen. Meine Mundpartie ist gerötet und brennt wie nach einem Thaieintopf mit einer Extraportion rotem Chili. Das irritierende Taubheitsgefühl hält etwa zehn Minuten an. Wenn ich spreche, fühle ich mich wie nach einer Wurzelbehandlung beim Zahnarzt: betäubt. No pain, no waiting, no kidding! Vielleicht habe ich auch nur eine kleine Fischallergie, denn das Produkt enthält Meereskollagen und kann bei Personen mit Fischallergien zu Überempfindlichkeitsreaktionen führen. Im Spiegel mache ich automatisch einen Schmollmund, was sich mit der großzügigen Menge Gleitcreme kaum verhindern lässt. Womöglich steckt das hinter dem Wort Effekt-Produkt? Meine Theorie: Die Lippen sind so glitschig, dass die Oberlippe auf der Unterlippe ausrutscht, und während man versucht, die beiden Hälften wieder in Einklang zu bringen, schmollt man so vor sich hin.

Nicht essen, nicht trinken und bloß keine ganzen Sätze sprechen

Vielleicht doch ein wenig Farbe? Bis auf zwei Farbtöne sind leider alle ausverkauft, weil alle Frauen in der Stadt einen Kussmund wollten. Ich greife instinktiv nach einem rötlichen Ton mit dem Namen "sexy". Die Verkäuferin riskiert eine dicke Lippe und ruft: "Das sind Sie nicht!", als würden wir uns gut kennen, und empfiehlt mir das mädchenhaft korallige "fresh". Sie weist mich noch darauf hin, dass ich das Produkt unbedingt auch vor dem Zubettgehen auftragen und in die Lippenpartie einklopfen soll. Wenn ich jetzt keinen Fehler mache, nicht esse, nicht trinke und bloß keine ganzen Sätze spreche, könnte man mich nach dieser Mikroinjektion glatt mit Chiara Ohoven verwechseln. Die Tochter der Charity-Lady spritzt sich, nach eigener Aussage, ihre Lippen kurzerhand selbst auf. Volumen in der Mundpartie und ein Vakuum im Hirn - irgendwie muss es da einen Zusammenhang geben.

Susanne Kaloff / print
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