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Pelz: Streichel mich!

Kein Material ist schöner anzufassen, umstrittener und begehrter. Auf den Laufstegen, in Kleiderschränken und Wohnzimmern gibt es ein Comeback des Fells.

Es wirkte schon sehr verzweifelt, wie die beiden Frauen die letzte Mailänder Schau von Dolce&Gabbana zu stürmen versuchten. Gerade hatte eines der Models einen bordeauxroten Pelzmantel präsentiert, da standen sie plötzlich auf dem Laufsteg und versuchten, ihre Transparente zu entrollen. Das Publikum konnte nur erahnen, dass es sich bei den zweien um Aktivistinnen von Peta handelte, der Organisation "People for the Ethical Treatment of Animals" - dann hatten Ordner sie schon wieder unsanft aus dem Rampenlicht entfernt. Großen Eindruck hinterließ ihre Aktion bei den Zuschauern nicht, überhaupt sind die Proteste der Tierschützer selten geworden, obwohl es in der Mode kaum einmal so viel Fell zu sehen gab wie zurzeit.

Mit Ausnahme von Stella McCartney - die Veganerin verzichtet in Leben und Werk grundsätzlich auf tierische Produkte - integrieren heute praktisch alle namhaften Designer das kuschelige Material so selbstverständlich in ihre Mode- wie Wohn-Kollektionen, als sei nie über die Pelzfrage diskutiert worden.

Das Comeback des Pelzes

war anfangs begleitet von schlechtem Gewissen. "Guilty Pleasure" nennt man das. Zunächst fanden Modemacher den Ausweg aus dem Dilemma in "Fun-" oder "Fake-Furs", also Kunstpelzen, dann - unterstützt durch geschicktes Marketing des Dachverbandes der skandinavischen Pelzproduzenten (Saga Furs) - in neuen Verarbeitungsformen und Färbemethoden. Felle wurden leichter und moderner und einfach so lange geschoren, gefärbt und mit anderen Materialien verwebt, bis sie künstlich aussahen - eben gar nicht mehr nach Pelz. Und je unechter so ein Haarteilchen wirkte, umso besser verkaufte es sich.

Gleichzeitig aber entdeckten junge Trendsetter die alten Modelle auf Flohmärkten neu. Die Tiere waren schließlich schon lange tot, also durfte man getrost den Persianer aus Muttis Mottenkiste tragen. Außerdem: Wenn niemand Pelz zu tragen wagt, dann ist nichts schicker, als trotzdem einen zu tragen.

Schleichend veränderte sich die Zielgruppe, weg von der 50-jährigen, luxusverwöhnten Arztgattin hin zur "jungen, modebewussten, berufstätigen Frau zwischen 25 und 39 Jahren", sagt Andreas Lenhart, Geschäftsführer der International Fur Trade Federation. Und wärmen müssen die Tierhäute nun auch nicht mehr unbedingt: Ein Trend der kommenden Saison heißt Sommerpelz.

Pelz ist bezahlbar geworden, das hat den Wandel erleichtert. Natürlich kann man, etwa bei Baby Dior, ein Vermögen von 5000 Dollar für einen Kindermantel verprassen, aber es gibt eben auch Kaninchenmützen, Hasenstolas und -taschen bei Zara oder H&M. Überhaupt werden zunehmend Fellaccessoires und -mode von Nutztieren gekauft, während etwa die Nerzproduktion seit Jahren rückläufig ist.

Trotzdem suchen die Designer schon wieder nach Spektakulärerem, nutzen Krokodil- (Versace, Marc Jacobs) oder Schlangenleder (Gucci, Bottega Veneta). Wenn das so weitergeht, kann man wohl bald auch wieder Froschschenkel essen. Pelzliebhaber müssen sich nicht halb so aussätzig fühlen wie etwa Raucher in New York. Und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis auch Karstadt und C&A, die sich vor einigen Jahren dem Protest der Tierfreunde beugten, wieder Pelze führen. Der Großteil der Pelze stammt ohnehin aus Ländern, deren Tierfarmen sich an die Arten- und Tierschutzvorgaben des Citis-Abkommens der UN halten. Schließlich sieht Fell auch nur dann hübsch und glänzend aus, wenn die Tiere stressfrei gehalten wurden.

Farbbeutel- und Rasiermesserattacken sind mittlerweile so gut wie ausgestorben, vorbei auch die Demos und Kampagnen gegen die Pelzindustrie der achtziger und frühen neunziger Jahre. Schon damals nutzten die Aktionen wenig. Zwischen 1995 und 2001 meldeten die deutschen pelzverarbeitenden Unternehmen einen Umsatzanstieg von knapp zehn Prozent. Die Lust auf Fell scheint größer als der Wille zur Political Correctness.

Berühmteste Umfallerin ist Naomi Campbell, die noch 1994 das Motto "Lieber nackt als im Pelz" hochhielt und 1998 schon wieder einen Zobel präsentierte. Heute tragen nicht nur Diven wie Jennifer Lopez Pelze, sondern sogar die Stars der HipHop-Szene. Weltweit arbeiten etwa 400 Designer mit Echtfell, eine Dekade zuvor waren es nur 50. Kein Fell-Freund fürchtet noch, mit Tofu-Torten beworfen zu werden wie einst Karl Lagerfeld oder einen toten Waschbären in seiner Suppe zu finden wie die Chefredakteurin der amerikanischen "Vogue", Anna Wintour. Wer heute mit einer Springbocktasche, einem Ziegenmantel oder einem Fuchsschwanz herumläuft, muss allenfalls darauf gefasst sein, dass fremde Menschen im Vorbeigehen das Tier streicheln.

Denn kein Material ist anziehender und weicher als Fell. Und wer eine Fellsofadecke besitzt, muss mit ziemlicher Sicherheit allabendlich mit seiner Familie um den Platz unter dem molligen Teil kämpfen. Wir Journalisten allerdings zittern noch vor Protestbriefen unserer Leser und zeigen deshalb zu einem Text über das Revival des Pelzes ausschlieàalich Produkte aus Kunstfell. Die Leute von Peta setzen mittlerweile nicht mehr auf Sabotage. Stattdessen wollen sie die Branche mit eigener Mode überzeugen. Latex statt Leder, lautet ihr Motto. "Das ist Teil einer neuen Strategie", sagt Peta-Sprecher Michael McGraw.

Bianca Lang
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