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Speziesismus "Ein Elefant im Zirkus ist fehl am Platz": Influencer Fabian Grischkat über Speziesismus und dessen Folgen für die Menschheit

Fabian Grischkat
Influencer und Aktivist Fabian Grischkat klärt mit lustigen Videos auf Instagram über verschiedenste Sachverhalte auf, ist Filmemacher, Moderator und lebt vegan
© Oguz Yilmaz
Am Welttag für das Ende des Speziesismus erklärt Influencer und Aktivist Fabian Grischkat, was hinter dem Begriff steckt und was das mit Tierschutz zu tun hat.

Heute ist der Welttag für das Ende des Speziesismus. Viele Tierrechtsgruppen auf der ganzen Welt veranstalten heute Aktionen. Für die Rechte von Tieren und gegen deren Diskriminierung. Dabei rücken sie die Ausbeutung der Tiere in den Vordergrund und holen die weit verbreitete Diskriminierungsform des Speziesismus ins öffentliche Bewusstsein.

Was Speziesismus ist, erklärt der Influencer und Aktivist Fabian Grischkat. Er klärt mit lustigen Videos auf Instagram seine Community über die verschiedensten Sachverhalte auf, ist Filmemacher, Moderator und lebt vegan. Gemeinsam mit der Tierrechtsorganisation PETA Deutschland e.V. hat er anlässlich des Welttages für das Ende des Speziesismus eine Straßenumfrage gemacht und sich in Berlin umgehört: Wie viele Menschen kennen dieses Wort überhaupt?

Kannst du in zwei Sätzen erklären, was Speziesismus ist?

Also die Definition, die auf Wikipedia und der Website von PETA steht, ist natürlich, dass Speziesismus die Diskriminierung, von Tieren bzw. Lebewesen ist. Ihre Ausbeutung als Nahrung, Forschungsobjekte, Bekleidung, Spielzeug und zur Unterhaltung.

Einfacher erklärt: Vom Menschen aus unterteilt man Lebewesen in Kategorien. Nämlich in Nutztiere und Haustiere also in "Wen essen wir?“ und "Wen streicheln wir?“.

Warum ist das ein Problem?

Grundsätzlich herrscht die weltweit verbreitete Illusion eines Hoheitsrechts. Also der Mensch nimmt sich vollkommen unbegründet das Recht raus, sich über andere Lebewesen zu stellen. Das ist ein großes Problem für andere Tiere und Lebewesen, ist aber mittlerweile eigentlich das größte Problem für uns Menschen selbst.

Wie meinst du das: "Es ist das größte Problem für uns selbst“?

Wenn ich über Speziesismus oder Veganismus spreche, werde ich oft in eine extreme oder radikale Ecke gepackt. Ich glaube, wir sind an einem Punkt angekommen, wo dieser Gedanken, Tiere anders zu behandeln, gar nicht mehr extrem ist, sondern im Endeffekt nur unser eigenes Überleben sichert. Tiere sowohl an Land, als auch im Wasser sterben immer mehr aus. Und durch dieses Aussterben gewisser Tierarten zerstören wir vollkommene Ökosysteme. Eben diese Zerstörung der Ökosysteme, bedeutet nachher auch die Zerstörung unserer eigenen Spezies.

Was forderst du?

Wir müssen grundsätzlich den Umgang mit anderen Lebewesen überdenken, weil sie Schmerz empfinden wie wir und ihre Bedürfnisse endlich berücksichtigt werden müssen. Aber auch, um uns selbst zu retten. Und da finde ich es gar nicht mal radikal, zu überlegen: Wie sollten wir vielleicht in den nächsten 100 Jahren mit Tieren umgehen – im Vergleich zu den letzten 100 Jahren – um selbst davon zu profitieren? Da Tiere eben nicht nur CO2 produzieren.Wir sollten uns fragen: Wie schaffen wir es in Zeiten des Klimawandels mit Tieren auf diesem Planeten zu leben, ohne dass wir am Ende selbst dabei draufgehen?

Zum Welttag für das Ende des Speziesismus hast du für PETA eine Umfrage in Berlin gemacht. Du hast Passant*innen gefragt, ob sie wissen, was der Begriff bedeutet. Was hast du erfahren?

Mit der Straßenumfrage wollten wir eine Umfrage von PETA zu Speziesismus stützen. Also fragten wir, ob die Leute wirklich nicht wissen, was Speziesimus bedeutet. Und tatsächlich: Die wenigsten der befragten Personen haben uns Antworten in die richtige Richtung oder die komplett richtige Antwort gegeben. Es gab zwar korrekte Antworten, das war aber, glaube ich, höchstens dreimal der Fall.

Drei von wie vielen Malen?

Von 20-30 Interviews, die wir da geführt haben.

Was haben die Menschen denn stattdessen geantwortet?

Es gab einen Typen, der wusste es nicht, aber der hat sich einen Spaß daraus gemacht. Der hat gesagt: "Ja, Spezi ist ein Getränk …“ Ein anderer hat gesagt: "Das ist doch ein Dönerteller.“ Die wussten schon, dass das jetzt nicht die richtige Antwort sein wird, aber die wussten die richtige Antwort auch sowieso nicht. Es gab auch Theorien in die Richtung, dass es etwas mit "speziell“ zu tun haben könnte. Vor ein paar Jahren hätte ich vielleicht eine ähnliche Antwort gegeben, aber das war natürlich nicht die richtige Antwort.

Wie hättest du vor ein paar Jahren selbst geantwortet?

Ich muss gestehen, bevor ich mit PETA gearbeitet habe zu der Thematik – wir hatten vor knapp anderthalb Jahren schon eine andere Kampagne – wusste ich auch nicht, was der Begriff bedeutet. Also hätte ich mir da auch irgendwas aus den Fingern ziehen müssen.

Also hat dich das Ergebnis der Umfrage nicht so überrascht – abgesehen von der Kreativität der Menschen?

Ich habe gedacht, ich bekomme immer nur "Nein“, "Nein“, "Nein“ als Antwort, aber dass Menschen wirklich angefangen haben zu grübeln, fand ich beeindruckend. Dass die meisten Menschen den Begriff nicht kennen, hat mich nicht überrascht.

Verrate uns, was man als Privatperson gegen Speziesismus tun kann?

Erstens: Informieren. Weil es einem auch deutlich schwieriger fällt zu handeln, bevor man kein Wissen über die Thematik hat. Das kann man beispielsweise bei PETA tun, natürlich aber auch bei anderen Tierrechtsorganisationen. Es gibt Dokus und Bücher. Es reicht aber auch vielleicht erstmal einen kurzen Artikel zu lesen, um das grundsätzliche Problem zu verstehen.

Und dann kann man am eigenen Handeln arbeiten. Da ist es mir wichtig zu erwähnen, dass das natürlich nicht jeder Mensch auf dieser Welt kann, aber gerade als privilegierte Person im globalen Norden, haben wir Möglichkeiten, wie beispielsweise unsere Ernährung und unsere Kleidung zu hinterfragen. Wollen wir wirklich weiterhin Zoos besuchen? Wie geil sind eigentlich Tiere im Zirkus?

Aber nur weil einige Personen nicht mehr in den Zoo gehen, macht der ja nicht gleich dicht.

Jeder einzelne Mensch hat Auswirkung durch sein Handeln. Und wenn viele einzelne Personen gleich handeln, hat das auch eine große Auswirkung. Und dann ein dritter Tipp: Natürlich gibt es immer wieder Aktionen, Kampagnen, Petitionen auf einer größeren Ebene, die man versuchen kann zu unterstützen. PETA arbeitet viel mit diesen Mechanismen.

Diese drei Punkte: Informieren, eigenes Handeln hinterfragen und eben auf einer höheren – oft sogar globalen Ebene – Aktionen und Kampagnen unterstützen. Und natürlich bei solchen Diskussionen offen sein und den eigenen Standpunkt ständig hinterfragen. Denn das fällt natürlich vielen Menschen schwer. Viele haben jahrelang, jahrzehntelang in einem Wertesystem gelebt, was jetzt vollkommen auf den Kopf gestellt wird. In Zeiten diverser Krisen auf diesem Planeten, ist das vielleicht noch eine der einfachsten Maßnahmen einzusehen, dass ein Elefant im Zirkus ein wenig fehl am Platz ist.

Also bin ich als einzelner Mensch am effektivsten im Kampf gegen die Ausbeutung von Tieren, wenn ich andere bei ihrer Arbeit dagegen unterstütze?

Es gibt verschiedenste Möglichkeiten: Die einfachste ist wahrscheinlich, Tierrechtsorganisationen zu unterstützen. Also bevor man am eigenen Handeln großartig was ändert, denen Spenden zukommen lassen. Natürlich kann man dann auch auf der persönlichen Ebene ansetzen. Ich habe damals begonnen mich vegetarisch zu ernähren und dann habe ich vegan gelebt – also mich nicht nur vegan ernährt, sondern auch hinterfragt, ob beispielsweise Leder so sinnvoll ist, oder – vor allem – ob zum Beispiel neue Lederwaren gekauft werden müssen.

Auch Pelz fand ich immer schon merkwürdig. In meinem Kleiderschrank war noch nie Pelz. Es gibt mehrere Schritte, die einige Personen im globalen Norden tun können. Ich finde es immer schwierig – und da kommen wir wieder zu anderen Diskriminierungsformen – der ganzen Welt vorzuschreiben: "Du musst jetzt verstehen, was Speziesismus ist und alle müssen morgen vegan leben.“ Nein. Niemand muss morgen vegan leben.

Gab es für deine vegetarische und vegane Lebens- und Ernährungsweise einen Auslöser?

Es gibt, glaube ich, immer einen Auslöser dafür. Mal sind sie harmloser, mal radikaler. Bei mir war es relativ harmlos. 2014 hat ein guter Freund angefangen, sich vegetarisch zu ernähren und sagte zu mir, als wir Burger essen waren, ich solle auch mal einen vegetarischen Burger ausprobieren. Und dann meinte ich: "Ne, könnte ich nicht. Auf Fleisch verzichten käme bei mir irgendwie überhaupt nicht in Frage.“ Dann habe ich es doch mal ein paar Wochen später gewagt und gemerkt, dass es eigentlich relativ einfach ist und habe parallel natürlich mich auch so ein bisschen informiert, welche ökologischen Zusammenhänge das hat.

Ökologische Zusammenhänge?

Also zum Beispiel: Was ich auch passiv an Energie und Wasser verbrauche, wenn ich ein Stück Rindfleisch esse, im Vergleich zu einem Stück Tofu. Und da auch einzusehen, dass ich eben den Klimawandel unglaublich stark befeuere, durch mein eigenes Konsumverhalten, das hat mich damals ein bisschen fertig gemacht. Ich dachte immer, ich wäre Teil einer Lösung und nicht Teil eines Problems. Und dann habe ich eben langsam angefangen, Fleisch wegzulassen. Milchprodukte kamen dann ein bisschen später. Das fiel mir aber auch nicht schwer, weil ich Käse beispielsweise gar nicht großartig gegessen habe.

Das gleiche mit den nächsten Schritten: Was habe ich da eigentlich im Bad rumstehen? Welche Produkte kaufe ich da? Wo könnte ich da noch drauf achten, um da auch komplett vegan zu werden? Und ich glaube, wenn eben Menschen, die sich das leisten können, irgendwo an einer ähnlichen Baustelle ansetzen – es kann das Badezimmer sein, es kann der Kühlschrank sein, es kann die Kleidung sein – dann sind wir da schon mal auf einem richtigen Weg.

Was ist dein wichtigster Tipp an Menschen, die überlegen, vegan zu leben?

Macht euch keinen Stress! Ich weiß, es ist heutzutage einfacher. Als ich vor acht Jahren angefangen habe, mich vegan zu ernähren war es noch deutlich komplizierter. Wir haben mittlerweile viele Angebote. Trotzdem glaube ich, ist ein langsamer Einstieg langfristig betrachtet sinnvoller, als ein "Ich muss von heute auf morgen perfekt sein.“ Das demotiviert auch ziemlich schnell. Also: Kleine Ziele setzen. Zum Beispiel erstmal anfangen, Milch wegzulassen, dann Käse und dann Fleisch. Und vor allem: Es gibt tausende gute Kochbücher. Es gibt geile Instagram-Accounts zum Thema Veganismus. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich das Leben in dem Punkt einfach zu machen. Man kann auch anfangen und sich erstmal ein veganes Kochbuch bestellen oder einer veganen Seite folgen. Das sind alles Schritte, die einen relativ fließenden, einfachen Übergang möglich machen.

Wie reagierst du, wenn jemand dir einen blöden Spruch über Veganismus sagt?

Ich bin in einer zu woken Bubble. So was bekomme ich gar nicht täglich mit. Aber wenn mir jemand beispielsweise einen falschen Vortrag über ein Thema hält, dann bin ich nicht beleidigt, sondern versuche ganz ruhig,der Person entgegenzukommen und zu erklären: "Ja, ich verstehe deinen Gedankengang, aber ich glaube, das stimmt gar nicht so, wie du es gerade sagst.“ Vegan ist ja ein sehr negativ behafteter Begriff. Ich glaube, wenn wir das Ziel haben, den wieder ein bisschen positiver zu konnotieren, dann müssen wir da ganz ruhig und sanft ansetzen. Denn missionierende Veganer*innen, die mag ich ja selbst auch nicht. Ich will mir doch auch nicht von irgendwem erklären lassen, wie die Welt funktioniert. Ich glaube aber, viele bekannte Veganer*innen, die gehen da schon den richtigen Weg, indem sie das Thema sehr einfach und niedrigschwellig zugänglich machen und dadurch schneller neue Leute erreichen.

Zurück zum Speziesismus: Was spricht denn nun gegen diese Weltsicht?

Dass wir selbst am Ende am meisten darunter leiden. Das hat vielleicht die letzten tausend Jahre in irgendeiner Form halbwegs funktioniert, dass wir dieses menschliche Hoheitsrecht aufrechterhalten haben. Aber wir sind an einem Punkt, an dem wir die Existenz der menschlichen Spezies aufs Spiel setzen, wenn wir weiter mit Tieren so umgehen, wie wir es gerade tun. Ich glaube, dass ist das stärkste Argument. Am Ende leiden wir, wenn sich nichts ändert, selbst am meisten.


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