HOME

Rei Kawakubo bei H&M: Der Mode-Gipfel

Die scheue Comme-des-Garçons-Designerin Rei Kawakubo gilt als die Hohepriesterin der Mode. Und ausgerechnet sie hat eine Kollektion für den Textilriesen H&M entworfen. Die Stücke sind ein "Best of" ihrer Karriere. Star-Fotografin Ellen von Unwerth hat sie in Szene gesetzt.

Von Dirk van Versendaal

Es war gerätselt worden, mit welchem Designstar Hennes & Mauritz in diesem Jahr kooperieren würde. Nach Karl Lagerfeld, Stella Mc-Cartney, Viktor & Rolf sowie Roberto Cavalli war auf den Namen des Engländers Paul Smith spekuliert worden, doch selbst oberschlaue Experten staunten, als es bekannt wurde: Rei Kawakubo und ihre Marke Comme des Garçons. Schräger geht's kaum. Und überhaupt: Wer kennt schon Frau Kawakubo?

In der Branche jeder. Da ist die 65-Jährige eine Art Hohepriesterin, verehrt von der kompletten Kollegenriege - von Alexander McQueen bis hin zu Vivienne Westwood -, und wer die belgischen Modemacher nach ihr befragt, der sieht sie allesamt, zumindest im Geiste, auf die Knie gehen. Die Frage der "Women's Wear Daily" nach den wichtigsten Designern seit 1980 beantwortete die Modewelt mit drei Namen: Armani, Lagerfeld, Kawakubo.

Als die Autodidaktin 1981 ihr Prêt-à-porter-Debüt in Paris zeigte, war es, als platze eine Stinkbombe mitten in die Protzmode der Achtziger hinein. Ihre rußschwarzen Schlabberkleider und durchlöcherten Kutten wurden als "Hiroshima-Chic" beschimpft, ihre zerrissenen Sackleinen und nach außen gekehrten Futterstoffe vom stern als "Vagabunden-Look" gescholten. Dass sie Nähte verrutschen ließ und Armlöcher schnitt, wo Arme nicht sind, Schrauben an Strickmaschinen lockern ließ, um ihre Pullover zu löchern, bedrohte das Pariser Modeestablishment in seinem schöpferischen und handwerklichen Selbstverständnis. Karl Lagerfeld ließ wissen: "Dies ist eine Einbahnstraße. Direkt in die Mülltonne!" Karl irrte.

Von allen nachgemacht

Auch wenn die rabiaten Entwürfe Kawakubos ihren Weg niemals in die Burda-Schnittmusterhefte fanden - sie wurden trotzdem von allen anderen nachgemacht. Oder regt sich heute noch jemand auf über löchrige Jeans, asymmetrische Linien, unverputzte Säume? Und dann erst das Schwarz. Dessen Siegeszug begann auf dem Laufsteg von Comme des Garçons und fand seinen Weg in unsere Alltagsmode, ein Umstand, der ihr den "Excellence in Design"-Preis der Harvard School of Design einbrachte: für die "Neueinführung der Farbe Schwarz".

Was sie gürtet, knotet und rafft, ist nicht nur wie geschaffen für prachtvolle Fotoproduktionen, sondern leider auch für die große Suche nach dem tiefen Sinn. Dass ihre Arbeit sich für Diskurse über die "Ästhetik der Armut" eignet, womöglich sogar die Einflüsse des Zen-Buddhismus widerspiegeln soll und Seltsames mehr, empfindet sie "häufig als störend. Da gibt es nichts zu entdecken". Hohes Ansehen genießen Modekritiker und Artverwandte bei ihr nicht: "Wenn sie ein ernsthafteres Leben führten und ein tieferes Werteverständnis hätten", sagt sie, "dann würde ich ihnen vielleicht eher zuhören."

Rei Kawakubo lebt in Tokio, reist viermal im Jahr nach Paris, um ihre Kollektionen vorzustellen, ist medienscheu und hasst Auftritte jeder Art. Wer ihr zufällig doch auf einem Empfang begegnet, der trifft auf eine zart gebaute Frau mit schwarzer Pagenkopffrisur und todernster Miene, die sich allein durch die Menge bewegt, garantiert ohne Champagnerglas in der Hand und im Fokus verstohlener Blicke. Privat, so heißt es, könne sie wohl auch ganz lustig sein. Im Öffentlichen ist sie eine Miesmuschel.

Nie Dagewesenes schaffen

Rei Kawakubo nimmt sehr ernst, was sie tut. Eine Kollektion zu erstellen empfindet sie als eine "Übung im Leiden", und Kleider des Spaßes oder der Show halber zu entwerfen, käme ihr nicht in den Sinn: "Ich glaube, dass meine Mission darin besteht, Dinge zu schaffen, die noch nicht existieren", sagt sie, "in jeder Saison radikal neue Kleidungsstücke zu schaffen, die noch nie jemand gesehen hat."

Und so jemand entwirft für H&M - wie soll das funktionieren? Die Meisterin des schrägen Schnitts in Diensten des kommerziellsten aller Modehersteller? Experimentelles Design als Massenware? Es geht, sogar sehr gut, denn Kawakubo legt eine Art "Best of " hin, "meine Uniform", wie sie sagt: Schwarzes aus Walkloden und Gabardine, die von ihr geliebten Punktmuster, unsaubere Nähte und asymmetrische Details - so wie es sich für Comme des Garçons gehört. Und: alles tragbar.

Nein, sie habe noch nie bei H&M eingekauft, sagt die Designerin. Ganze zweimal habe sie sich mit Margareta van den Bosch getroffen, der beratenden Kreativdirektorin von H&M, "einmal in Paris, ein anderes Mal in Tokio, das ist alles. Wir brauchten kein Brainstorming irgendeiner Art: Ich wusste, was ich entwerfen wollte, und die Leute von H&M wissen, wie sie die Kollektion herstellen, distribuieren und verkaufen".

Haben die geschäftstüchtigen Schweden der Kreativen Druck in puncto Verkäuflichkeit gemacht? Absurde Vorstellung: "Wichtiges überlasse ich niemals anderen. Ich mache das, was ich am besten kann, und lasse andere das machen, was sie gut können."

Rei Kawakubo ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Für Comme des Garçons Ltd. arbeiten 700 Mitarbeiter an 14 verschiedenen Marken in 25 Ländern und erwirtschafteten 2007 einen Umsatz von 180 Millionen Dollar. Kawakubo bringt Männermode und Parfüms auf den Markt, entwirft Verpackungen, Schmuck und Duschen. In London betreibt sie den "Dover Street Market", eine Art Marktplatz der gehobenen Stände im Bezirk Mayfair. Jetzt eine Kooperation mit den Schweden einzugehen sei reizvoll gewesen, denn schließlich sei sie "immer an der Balance zwischen Kreation und Geschäft interessiert".

Coutouriers für H&M

Derzeit wird über den Sinn oder Unsinn diskutiert, Couturiers für eine Zeit als Hausschneider zu gewinnen. Karl Lagerfelds Entwürfe für H&M waren vor vier Jahren ein echter Knaller, etliche Filialen meldeten binnen weniger Stunden Ausverkauf, der Konzern freute sich im November 2004 über einen Umsatzanstieg von 24 Prozent. Was auf Karl folgte, war allerdings weniger erfolgreich - hingen seine Teile weltweit noch in mehr als 800 Filialen, wurde Stella McCartney nur noch in 400 ausgewählten Geschäften verkauft, Viktor & Rolf in 250.

Doch ob ausverkauft oder nicht - die Zusammenarbeit nutzt immer allen Beteiligten. Dass der schwedische Filialist in der aktuellen Studie der "Best Global Brands" auf Rang 22 in der Liste der wertvollsten Marken der Welt sprang, liegt zweifellos daran, dass es gelang, das Billigheimer- und Kopierer-Image mithilfe berühmter Modemacher edel aufzupolieren. Vor allem aber wird "Comme des Garçons for H&M" in den nächsten Monaten ein wichtiger Türöffner für den japanischen Markt sein.

Eine Hand wäscht die andere: "Wer noch nie von uns gehört hat, bekommt jetzt die Chance dazu", freut sich Rei Kawakubo. "Und wer sich Comme des Garçons nicht leisten konnte, kann es jetzt. So einfach ist das."

Vorteiel für beide Seiten

Ja, so einfach: Karl Lagerfeld verkaufte sich just zu dem Zeitpunkt an die Schweden, als er sein eigenes Label in den USA bewerben musste, Stella McCartney bekam seinerzeit wegen lahmer Umsätze Dampf von der Gucci-Group, Viktor & Rolf krebsten seit Jahren in einer viel zu exklusiven Avantgardeecke herum, und Roberto Cavalli war auf Investorensuche, als er seine Abendroben mit den Leopardenprints für H&M schneiderte.

Pionierin in Sachen Modekooperative war übrigens, wer sonst, Rei Kawakubo. Sie ließ sich schon 2002 von den Modefirmen Lacoste und Fred Perry anheuern, arbeitete für die Bademodenmarke Speedo, und in diesem Herbst entwarf sie eine Sonderkollektion von Taschen für das Luxushaus Louis Vuitton.

Ohne selbst unnötig Geld für weltweite Werbekampagnen auszugeben, in den Genuss einer solchen zu kommen - das kann niemand besser als Rei Kawakubo. Sie habe nie wie andere Leute davon geträumt, Modedesignerin zu werden. Schon als sie jung war, sagt sie, "sah ich in der Arbeit bloß eine Möglichkeit, Geld zu verdienen mit etwas, das mir lag: Kleider machen und sie in Geschäften verkaufen".

print