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Roberto Menichetti: Medizinmann Mode

Ein Italiener bringt das Pariser Traditionshaus Céline in Schwung - Designer Roberto Menichetti ist Experte für Marken-Renovierungen

Man möchte John Wayne zu Hilfe rufen und die fünf Kavallerieregimenter der Konföderierten Armee. Oder, weil die sowieso nicht kommen, wenigstens ein Friedenspfeifchen anzünden. Doch Roberto Menichetti, athletisch gebaut, das wehende Haar taillenlang, die Züge wie vom Wind der großen weiten Prärie geformt, wiegelt ab. "Es fließt kein Indianerblut in meinen Adern", sagt er. "Bloß italienisches."

In Paris hat man

sich an den Mann, in dem ein Sioux oder Komantsche stecken könnte, längst gewöhnt. Da ist er seit dem Frühjahr 2004 als Chefdesigner von Céline tätig, einem edlen Modehaus, das gleich nach dem Weltkrieg von Madame Céline Vipiana als eine feine Kinderschuhboutique gegründet wurde. Bis vor anderthalb Jahren machte man in amerikanisch-sportlichem Uptown-Chic, dann sollte die Marke französischer werden, femininer, eleganter, um vom derzeitigen Trend zur Luxusmode profitieren zu können. Den Imagewechsel sollte Menichetti besorgen. Der 38-Jährige gilt in der Modebranche nämlich als Fachmann für Renovierungen.

Im Frühjahr 1998 war er nach London berufen worden und hatte als Kreativchef die Wiedergeburt der britischen Traditionsmarke Burberry betrieben - indem er mit dem berühmten Firmen-Karo spielte und den legendären Futterstoff nach außen drehte. Trenchcoats, Röcke, sogar Bikinis waren plötzlich Must-Haves, über Nacht brach ein internationales Burberry-Fieber aus. Der Umsatz der schwächelnden Firma vervielfachte sich, das Durchschnittsalter der Kundinnen fiel von 50 auf 30 Jahre. Und dann wählte auch noch das Magazin "People" ihn in die Reihe der "Sexiest Men Alive" - "ein Witz", kommentiert Menichetti das, "die müssen sich geirrt haben".

Etwas plump behaupten die Briten heute gern, Supermodel Kate Moss, die den neuen Look damals in den Anzeigenkampagnen vorführte, hätte den Karo-Trick auch erfunden. Dabei konnte ihn gar kein anderer als Menichetti erdacht haben. Er ist ein geradezu besessener Symboliker, seit der Jugend begeistert vom Mythos der Zahlen und Muster. Mit seinem Einstieg bei Burberry vertiefte er sich in die Kulturgeschichte der Karos, forschte "bis hin zu den Sumerern", begeisterte sich für Vertikale, Horizontale, Kreuz, entdeckte "Zauberformeln im Schottenmuster".

Am Ende half alle Esoterik nicht. Zur Überraschung vieler musste Menichetti nach dreieinhalb Jahren gehen. Seine amerikanische Chefin, Rose Marie Bravo, gab materiellen Erwägungen den Vorzug: Nach der Verjüngungskur hatte sich der Wert des Labels in die Höhe geschwungen, nun galt es, einen Teil des Burberry-Kapitals an die Börse zu bringen. Den Managern war genug nicht genug, und dass da jemand vom "perfekten Teamwork" träumte, Cashmere in einem tibetanischen Kloster weben ließ und gelegentlich "eine Hymne auf die positive Arbeitsenergie" sang, interessierte sie nicht. Der gewünschte Bekanntheitsgrad der Marke bei den Konsumenten war angeblich noch nicht erreicht - adieu, Roberto!

Menichetti zog ohne Murren weiter, denn der nächste Kunde wartete schon: Die ausgelaugte Marke Cerruti wollte 2001 eine Wiedererweckung à la Burberry erleben und angelte sich Roberto. Dann aber kam es bei dem italienischen Herrenlabel zu einem Strategiewechsel. Nach nur einer Kollektion packte Chefdesigner Menichetti die Koffer, kehrte in sein umbrisches Heimatstädtchen Gubbio zurück und entwickelte dort seine eigene Kollektion.

Ortswechsel sind eine andere Passion Menichettis. Er wurde 1966 in Buffalo im Staate New York als Kind italienischer Einwanderer geboren; kaum ein Jahr alt, zog es die Eltern wieder in ihre Heimat zurück, wo sie eine Schneiderei aufmachten. Mit 13 wurde Roberto in eine eigene Wohnung ausquartiert, weil er, wie er selbst vermutet, "den Eltern ein bisschen zu lebhaft war". Die Schule absolvierte er ohne große innere Anteilnahme, dann begann das Reisen: Mit dem Motorrad fuhr er durch Frankreich und den Irak, nach Tibet, Schottland, in die Negev-Wüste. Wo er auf Meereswellen traf, jobbte er als Windsurflehrer. War er zwischendurch mal daheim, studierte er Kostüm und Mode in Perugia und Florenz; in der elterlichen Konfektion lernte er alles über Herstellung und Verarbeitung. Mit all diesem Wissen ging er nach Paris, wo er bei Guy Laroche und der 80er-Jahre-Legende Claude Montana assistierte. Dann holte ihn Jil Sander nach Hamburg. Er blieb über fünf Jahre und stellte die Männerkollektion mit auf die Beine.

Menichetti hat also mehr Designhäuser von innen erlebt, als gesund sein dürfte. Auch sein heutiges Designleben hat zwei Mittelpunkte: In Paris entwirft er für Céline, in New York seine eigene Linie. Zum Glück, sagt er, brauche er nur wenig Schlaf. "Mir reichen drei, vier Stunden pro Nacht." Sein geliebtes Motorrad hat er bis auf weiteres in die Ecke gestellt, seit die Motocross-Legende Fabrizio Meoni im Januar bei der Rallye Paris - Dakar nach einem Sturz starb. "Wir waren wie Brüder", sagt Menichetti. "Wir wollten in diesem Jahr zusammen durch Afrika fahren." Das Pendeln zwischen Umbrien, Paris und New York aufzugeben - daran verschwendet er keinen Gedanken. "Ich kann in meinem Leben nicht stehen bleiben, niemals. Wenn ich weggehe, dann ist es auch der richtige Moment zu gehen", sagt er. "Ich höre da auf mein Herz. Ich folge den Rauchzeichen."

Also doch: Indianerblut! Man möchte sich auf der Stelle mit ihm ans Lagerfeuer setzen und eine Friedenspfeife anzünden.

Dirk van Versendaal / print