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Viraler Werbeclip Till Lindemann spielt Karl Lagerfeld: So sah das einzige persönliche Treffen der beiden Stars aus

Till Lindemann wirbt im Lagerfeld-Look für die Organisation "Veganuary". Der 2019 verstorbene Modedesigner selbst hätte den Burger allerdings recht sicher verweigert – wegen des Brötchens
Till Lindemann wirbt im Lagerfeld-Look für die Organisation "Veganuary". Der 2019 verstorbene Modedesigner selbst hätte den Burger allerdings recht sicher verweigert – wegen des Brötchens
© LikeMeat
Unser Autor war dabei, als Karl Lagerfeld und Till Lindemann sich zu einem Gespräch trafen und über deutsche Klischees und Fleisch redeten.
Es gilt als hohe Kunst der Werbebranche, einen Clip in die Welt zu setzen, der sich von ganz allein und ohne Bezahlung zum absoluten Gesprächsthema entwickelt. Dem Fleischersatzunternehmen "LikeMeat" ist dies mit seinem Beitrag zum "Veganuary" gelungen, einer weltweiten Kampagne, die für einen fleischfreien Jahresbeginn wirbt.
In schnell geschnittenen Bildern sieht man die ikonographischen Attribute und Accessoires einer der international bekanntesten deutschen Persönlichkeiten: Kurzfingerhandschuhe aus schwarzem Leder, Totenkopfringe, der hohe steife Rathenau-Hemdkragen, der weißgepuderte Zopf. Jedes Kind weiß, dass es sich dabei nur um einen handeln kann: Karl Lagerfeld. Bloß ist Deutschlands wohl größter Modestar, der je gelebt hat, bereits seit 2019 tot. Ein paar Bilder dürfte dann wohl jedem klar sein, wer hier "Kaiser Karl" hat auferstehen lassen – es ist ein anderer deutscher Superstar, nämlich Rammstein-Sänger Till Lindemann.
Was viele nicht wissen: Till Lindemann verfügt über – gewissermaßen – persönliche Expertise. Die beiden höchst unterschiedlichen Männer verbrachten 2013 einen Nachmittag gemeinsam in Paris und kamen sich in einem mehrstündigen Gespräch für die Sonderpublikation "Quintessence" näher. Die Idee dazu hatte die frühere Chefredakteurin des Magazins "Vogue" Christiane Arp und David Baum, heute Autor beim STERN. Gemeinsam bequatschten sie wochenlang persönliche Referenten und Managements, für Lagerfeld wurde sogar ein Superpaket mit allen Videos und Alben von Rammstein geschnürt, das ihm im Anschluss an eine Chanel-Show zur Vorbereitung überreicht wurde.
Schließlich war es soweit: Lindemann war zu Fuß durch den Jardin de Tuileries in Richtung von Lagerfelds Repräsentanzräume in der Rue des Saint-Péres spaziert, wo ihn der Gastgeber bereits erwartete. Was dann folgen sollte, lässt sich nur schwer vorstellen: Zweit weltberühmte Männer, die offensichtlich beide nervös und aufgeregt waren, einander gegenüberzustehen. Doch mit höchst unterschiedlichen Symptomen: während Lagerfeld die Anspannung, sich auf unbekanntes Terrain begeben zu haben, durch einen Redeschwall überspielte, wirkte Lindemann beinahe schüchtern und still. Doch schon nach kurzer Zeit sollte sich bei einem leichten Lunch mit Champagner zwischen Statuen und hohen Bücherwänden doch ein richtiges und richtig spannendes Gespräch entwickeln.

"Seitdem kann ich kein Fleisch mehr essen"

Was die beiden zuallererst aneinander interessierte, waren erstaunlicherweise Erfahrungen mit der DDR. Lagerfeld berichtete von seinem Besuch 1989 im Weimarer Wohnhaus Goethes, wo er alles kannte, obwohl er nie zuvor dort gewesen war "Meine Mutter war eine große Goethe-Verehrerin und so wusste ich alles über Weimar", erzählte er. Doch im Museum sei er angepöbelt worden, in einem Restaurant habe ihm der Kellner den Teller an den Kopf geschmissen, weil er angemerkt habe, dass dieser ihn an einen "morphiumanischen Kammerdiener in Docteur Mabuse" erinnert habe. Lindemann erzählte, wie die Jugenderfahrung im Unrechtsstaat bis heute seine Art zu schreiben beeinflusst: "Daher stammt die Art, Dinge verklausuliert auszudrücken, so wie es damals gemacht werden musste."
Als es dann darum ging, was besonders deutsch an beider Persönlichkeiten sei, wurde das Gespräch beinahe hitzig. "Sie stehen mit ihrer Disziplin und ihrem Fleiß für typisch deutsche Tugenden"; meinte Lindemann. Daraufhin Lagerfeld: "Das hasse ich, wenn man das sagt, dass das deutsch sei. Es gibt auch faule Deutsche, und ich habe überhaupt keine Disziplin, denn ich will das ja, was ich mache. Ich muss mich zu nichts zwingen, nie. Ich gebe mir nicht die geringste Mühe!" Lindemann selbst sei vor allem in den USA Klischees begegnet, die man von Deutschen habe. "Da sagt dann jemand, Mensch Du bist ja ganz lustig, obwohl du Deutscher bist."
Und schließlich fanden die beiden auch zu jenem Thema, das Till Lindemann dazu inspiriert haben könnte, Lagerfelds Geist für die vegane Sache einzuspannen: Der Modepapst, der stets für seine Verarbeitung von Pelzen kritisiert worden war, bekannte sich, fast nur noch vegetarisch zu speisen. "Ich war zweimal auf Jagden, dann sah ich da diese Tierlichen auf dem tableau de chasse, seitdem kann ich kein Fleisch mehr essen." Lindemann darauf: "Ja, es ist eine archaische Sache." Lagerfeld weiter: "Ich möchte nicht daran erinnert werden, was das auf dem Teller mal war, als es noch lebte. (...) Haben Sie mal gesehen, wie ein Schwein geschlachtet wird? Schwein esse ich nicht mehr, seitdem ich als Kind gesehen habe, wie die getötet werden. Die Schreie, das ist furchtbar, davon bin ich traumatisiert."
Nach einem anschließenden Fotoshooting, trennten sich die beiden –ganz offenbar voneinander angetan und inspiriert. Im wahren Leben hätte der stets auf seine sharpe Linie achtende Karl Lagerfeld wohl niemals einen Burger Weizenbrötchen angerührt. Doch wie sein langjähriger Assistent Sébastian Jondeau kürzlich enthüllte, habe den todkranken Lagerfeld kurz vor seinem Tod noch eine unbändige Lust nach Cheeseburger überkommen und man sei mit dem Rolls Royce noch schnell bei McDonalds vorgefahren. Ob es sich dabei um einen veganen Burger handelte, ist allerdings nicht überliefert.

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