HOME

Trendstoff: Auf die Spitze getrieben

Dieser Stoff bringt selbst die Keuschen zum Keuchen: Die Modemacher haben die Spitze zum Trendstoff des Winters gekürt und das Spiel zwischen Erotik und Prüderie gewagt.

Von Cathrin Wißmann

Als Miuccia Prada ihre Winterkollektion präsentierte, stockte vielen Zuschauern der Atem. Was sie zu sehen bekamen, war eine Mischung aus Keuschheit und Erotik. Die Models trugen hochgeschlossene Kleider aus Spitze und sahen darin aus wie scharfe Gouvernanten, die ihre Körper zwar bedecken, aber dank großer Lochstickerei genügend Einblick auf das Darunter zulassen. Hatte sich die Designerin womöglich von Filmen wie "Die heilige Hure" inspirieren lassen? Die Unschuld und das Verruchte, das Billige und das Elegante - die gegensätzlichen Assoziationen zu Spitze wollte Miuccia Prada in ihrer Kollektion vereinen. Nur wenige Wochen vor der Show war ihr das dazu passende Material in die Hände gefallen: Guipure-Spitze, eine besondere Stickereiart aus St. Gallen, bei der der Untergrund bestickt und dann weggeätzt wird. Ein Meter kostet bis zu 700 Euro. Prada bestellte mehr als 1000 Meter und ließ sie blau, beige und schwarz einfärben. "Ich weiß auch nicht, warum ich Spitze mag. Wahrscheinlich, weil sie Frauen ein Leben lang begleitet: in der Kindheit, bei der Hochzeit, bei Beerdigungen", sagte die Designerin, die fast jedes ihrer 42 Outfits aus Guipure fertigen ließ.

Doch nicht nur bei Prada ist Spitze zu sehen: Paul & Joe setzen auf provokante Erotik à la Madonna und bieten durchsichtige Blusen mit filigranen Stickereien. Alexander McQueen fertigte aus dem edlen Stoff schnäbelnde Pfaue, die er auf Couture- ähnlichen Roben drapierte. Selbst Dolce & Gabbana und Roberto Cavalli, bekannt für Freizügiges, entwarfen hochgeschlossene Spitzenkleider.

Was vielen Designern in ihrer Begeisterung allerdings entging: Der filigrane Löcherstoff ist nur bedingt wintertauglich. Wer dem Trend jetzt dennoch folgen möchte, sollte sich vorher präparieren: mit hautfarbener Unterwäsche. am besten aus Angora.

print
Themen in diesem Artikel