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Valentino Garavani: Das omnipräsente Schneiderlein

Niemand wollte, dass er geht. Mit 75 Jahren hat sich der italienische Designer Valentino Garavani Anfang des Jahres aus dem Modezirkus verabschiedet. Allerdings nur halbherzig. Seit fast einem Jahr huldigen Museen, Bildbände und Modeorganisationen den Meister der roten Roben - schadet die inflationäre Omnipräsenz seinem Ruhm?

Von Julia Mäurer

Alle waren sie gekommen. Claudia Schiffer, Nadja Auermann, Eva Herzigova, Uma Thurman. Als Valentino Garavani bei den Pariser Haute-Couture-Schauen im Januar seinen Abschied aus dem Modezirkus feierte, drängelten sich die schönen Frauen gleich reihenweise im Pariser Rodin-Museum. Dort zeigte der italienische Couturier eine neue und gleichzeitig seine letzte Kollektion. Nach fast 50 Jahren ist Schluss. Valentino, wie er überall nur genannt wird, geht mit 75 Jahren in Rente.

Der Modewelt, so scheint es, fällt der Abschied von ihrem Wunderknaben schwerer, als ihm selbst. Garavani, dessen Karriere als einfacher Modezeichner in Norditalien begann, gehört nach Stationen bei französischen Edelschneidern wie Jean Dessès und Guy Laroche zu den bedeutendsten Couturiers des 20. Jahrhunderts. Einer, der das Handwerk von der Pike auf gelernt hat und neben dem jüngst verstorbenen Yves Saint Laurent sowie Christian Dior und Coco Chanel die Mode nach dem zweiten Weltkrieg revolutionierte und prägte. Er ist der Letzte seiner Zunft. Allein Karl Lagerfeld, seit 25 Jahren an der Spitze des Modehauses Chanel, könnte Valentino das Wasser reichen.

Mit Valentinos verabschiedete sich die Grandezza aus der Modebranche

So einen lässt man ungern gehen. Denn mit Valentino verabschiedete sich auch der Glamour, die Grandezza der Fünfziger und Sechziger Jahre aus der Modebranche. Genau dafür stand der Designer. Für elegante, elegisch schöne Roben. Oft in sattem Rot, das zu seinem Markenzeichen wurde. Die Vorliebe für diese Farbe soll einem Opernbesuch in Barcelona geschuldet sein: Die Damen in ihren Logen erinnerten den jungen Designer an ein üppiges, rotes Blumenbouquet. Eine Assoziation, die sich noch lange in Valentinos Entwürfen wiederfinden sollte. Der Tradition wollte sich selbst Alessandra Facchinetti, die das Label nach Valentions Rücktritt weiterführt, nicht entledigen. Bei ihrer ersten Kollektion für das Haus Valentino zeigte sie Roben in "Rosso Valentino" und orientierte sich überhaupt sehr stark an Entwürfen aus den Sechzigern: feminine Linien, klare Schnitte, wenig Schischi. Man mag das vorsichtig und ein klein wenig feige nennen, andere loben es als traditionsbewusst und linientreu.

Der Mann, der 1968 das Hochzeitskleid für Jackie Kennedy entwarf, Hollywoodgrößen wie Elisabeth Taylor, Rita Hayworth und Audrey Hepburn einkleidete und heute von Schauspielerinnen wie Julia Roberts, Gwyneth Paltrow und Uma Thurman bedingungslos verehrt wird, ist eben noch immer allzu präsent.

So wundert es kaum, dass zur Feier des 45-jährigen Jubiläum der Modemarke Valentino im vergangenen Sommer das "Who is Who"-Hollywoods in Rom aufschlug, um den Designer zu huldigen. Erst präsentierte Valentino seine letzte Haute-Couture-Schau, anschließend wurde mit Pauken und Trompeten gefeiert. Gleichzeitig eröffnete eine umfangreiche Valentino-Ausstellung im römischen Ara Pacis-Museum. Das war der Startschuss für eine kaum enden wollende Hommage an den Meister.

Bildbände, Verdienstmedaille, Ausstellungen - Valentino ist überall

Im Herbst 2007 erschien ein opulenter Bildband, der das Leben und Wirken des Couturiers feierte. Es folgte im Januar 2008 die Auszeichnung Valentinos mit der "Great Medal of Vermeil", die höchste Auszeichnung der Stadt Paris. Deren Bürgermeister Bertrand Delanoe ließ es sich nicht nehmen, Valentino die Verdienstmedaille persönlich zu überreichen. Kollege Karl Lagerfeld klopfte Valentino annerkennend auf die Schulter. Einen Tag vor der Medaillenvergabe hatte sich Valentino im Pariser Rodin Museum mit jener laut applaudierten Haute-Couture-Schau verabschiedet, bei der Claudia Schiffer, Nadja Auermann und Eva Herzigova in der ersten Reihe saßen.

Kaum einen Monat später, im Februar 2008, feierten die Russen den Meister der roten Roben. Mit Modedefilée, Galadiner und Wodkaverkostung - das ganze Programm. Von Moskau geht's jetzt zurück nach Paris. Dort zeigt das Musée de la Mode et du Textile eine Auswahl der schönsten Haute-Couture-Roben von Valentino. Bis zum 21. September dauert das Spektakel. Dabei dachte man, es wäre alles gezeigt, alles gesagt, alles vermarktet. Zuviel Omnipräsenz könnte sogar den Mythos einer der letzten großen Modemacher der Welt ankratzen.