HOME

Weihnachten bei der Familie: Ihr Kinderlein kommet

Natürlich ist es schön, Weihnachten im Kreise seiner Familie zu feiern. Gäbe es da nicht dieses eine Problem: Für die Eltern und Großeltern bleibt man auf ewig das unselbständige Kind, ganz gleich ob mit 22 oder 52.

Von David Pfeiffer

Vergangenes Jahr war ich Weihnachten nicht zu Hause. Eigentlich kein Problem, meine Familie ist solchen Kummer mit mir gewohnt und reagiert üblicherweise sehr geduldig. Nur war es bereits das zweite Weihnachtsfest in Folge und langsam wird der Ton schärfer. Klagte meine Großmutter vor zwei Jahren noch am Telefon, dass meine Tante nun an meiner Stelle den Baum schmücken müsste, wurde vergangenes Jahr nicht mal mehr ein Baum aufgestellt - "es kommen ja keine Kinder zu Besuch."

Sie denken jetzt sicher, ich bin erst vor kurzem von zu Hause ausgezogen. Nein, nein, ich bin 37 Jahre alt. Aber bei meiner Oma gehe ich noch als Kind durch und den Weihnachtsbaum zu schmücken ist meine Aufgabe, seitdem ich elf bin. Auch in einigen anderen Punkten stellt meine Großmutter bei mir keine Alterung fest: so schlafe ich bei ihr immer noch in dem Zimmer, in dem meine gemalten Bilder aus den Sommerferien 1986 hängen. Und in dem das Bett seit 1988 ein bisschen zu kurz für mich ist. Es wird die Lyoner-Wurst gekauft, die ich als Teenager verschlungen habe (immer noch sehr lecker!) und sie fragt mich auch jedes Mal, ob ich abgenommen habe, weil ich nicht mehr so dick bin, wie zu Zeiten meiner Pubertät.

Die erwachsenen Enkel sitzen immer noch am Kindertisch

Die Sache mit dem Weihnachtsbaum hat natürlich eine Geschichte: als Kind habe ich mich zu sehr darum gerissen, in den Folgejahren wollte ich nicht zurückrudern und da alle anderen Familienmitglieder ganz froh waren, nicht mit dem selbst gebastelten Schmuck aus zwei Generationen Waldorf-Schule kämpfen zu müssen, hängt der Job seitdem an mir. Erschwerend kommt hinzu, dass die Uhren im Haus meiner Großmutter langsamer laufen - eine 94jährige hat eine andere Einstellung zur Zeit, als ihre Enkel. Für sie bleiben meine Cousins und Cousinen weiterhin Kinder, auch wenn wir mittlerweile selber mit grauen Haaren und Rückenbeschwerden kämpfen.

Zu ihrem 90 Geburtstag gab es - wie immer auf Familienfesten - einen "Kindertisch". Und, ja, auch ich habe an dem gesessen. Vermutlich ihr stummer Protest darüber, dass sie noch keine Urenkel bekommen hat, obwohl sie steinalt wird. Andererseits geben ihr die eigenen, so um die 60-jährigen Kinder, auch keinerlei Hinweis, dass die Zeiten sich irgendwie ändern. Am späteren Abend werden gerne Konflikte aufgearbeitet, die schätzungsweise 50 Jahre alt sind - auch vor der Diskussion, wer wem was weggegessen hat wird da nicht halt gemacht.

Die Uhren im Haus meiner Oma laufen also nicht nur langsamer, ein paar sind einfach stehen geblieben. Andererseits hat sie auch eine perfide Methode entwickelt, uns alle im Stadium hilfloser Infantilität zu halten: sie zwingt uns zu singen. Keiner in der Familie kann das besonders gut und außer ihr hat auch niemand so richtig Lust dazu, aber Singen gehört nun mal dazu, und es gehört nun mal zu Weihnachten, das man Dinge tut, die nun mal dazu gehören.

Es gehört auch dazu, dass ich in den Keller gehe, den Staub von den Kartons mit dem Schmuck wische und eine bereits von meiner Oma bereitgelegte "Play Bach"-Platte von Jacques Loussier auflege - die einzige musikalische Schnittmenge die sie und ich haben: Johann Sebastian Bach und Jazz. Die Nadel hüpft im 26. Jahr über die gleichen Kratzer, obwohl meine Oma längst einen CD-Player besitzt (ein Geschenk meiner Mutter, Weihnachten 1999, wenn ich mich recht erinnere).

Nur weniges hat sich geändert, über die Jahre. Zum Beispiel schenken wir uns nichts mehr, was den Vorweihnachtsstress auf ein Minimum reduziert hat. Und da jeder sein eigenes Leben lebt, in Wien, Salzburg, Köln, New York und Berlin, ist die Zeit die wir miteinander verbringen Geschenk genug. Und womöglich ist es das tröstlichste am Weihnachtsfest, dass wir einmal im Jahr so zusammenkommen wie immer. Das für ein paar Tage alles beim Alten geblieben ist. Wie zu Zeiten, als wir noch keine Rechnungen zahlen, keine Versicherungen abschließen mussten. Bevor die ganzen Verpflichtungen und Belästigungen in unser Leben eingedrungen sind, von denen uns irgendwann klar geworden ist, dass sie bleiben werden, solange wir leben. Weihnachten ist also Urlaub vom Erwachsen sein. Dieses Jahr sollte ich unbedingt wieder hinfahren.

print
Themen in diesem Artikel