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Familienpolitik: Ihr Kinderlein kommet (oder auch nicht)

Die deutsche Bevölkerung vergreist, die Sozialsysteme kollabieren. Müssen wir also auf Kind komm' raus gebären, um die Zukunft zu sichern? Und: Sollten Menschen ohne Kinder finanziell bestraft werden? Auf stern.de streiten sich Kathrin Buchner und Lutz Kinkel


Keine Kinder? Strafe muss sein

Von Kathrin Buchner

Muss man wirklich darüber diskutieren, ob wir mehr Kinder brauchen? Natürlich brauchen wir sie. Die Sozialsysteme funktionieren nur, wenn wir mehr Einzahler als Empfänger haben. Aber noch viel wichtiger ist, dass die Gesellschaft nicht aus der Balance geraten darf. Ohne Kinder mehren sich die frustrierten Einzelgänger, die nicht fähig sind, Liebe und Zuneigung zu geben. Und am Ende begeht ein ganzes Volk kollektiven Selbstmord, weil es keine Nachfahren gibt. Also nichts wie her mit den Kindern.

Christiansen, Maischberger, Ruge - alle kinderlos

Doch uns Frauen wird es nicht einfach gemacht. Die öffentlich verehrten Superfrauen heißen Sabine Christiansen, Sandra Maischberger oder Nina Ruge - und sind allesamt kinderlos. Und selbstverständlich habe ich Probleme, mich an den Gedanken zu gewöhnen, meine sauer erschufteten Groschen statt in Manolo-Blahnik-Stöckelschuhe in Pampers-Windeln zu investieren. Und meine Altersversorgung für Alete-Gläschen zu verpulvern, statt sie spaßbringend in Cosmopolitan-Drinks ertränken.

Die Idee, dass Frauen noch während der Erziehungsphase wieder in ihre Karrierepositionen zurückkehren können, ist sowieso ein Illusion. Ein Kind ist ein Karrierekiller. Prof. Dr. Jo Groebel, Direktor am Europäischen Medieninstitut, erklärt, dass mit Baby die 150-prozentige Leistung nicht mehr erfüllbar ist, die Frauen bringen müssen, um die gleichen Posten wie die Männer zu erreichen. Kind da, Karriere bye bye. So einfach ist das.

Schwupp, ist die Menopause da

Und die Männer? Es ist eine völliger Trugschluss zu glauben, Kinderkriegen sei eine Entscheidung, die das mündige Paar im stillen Kämmerlein trifft und danach gemeinsam zu Ikea pilgert, um das Kinderzimmer in Lilifee-Rosa oder Prinzen-Hellblau zu dekorieren. Das mag vielleicht bei den Beckhams zutreffen.

De facto ist es so, dass besonders die verunsicherte Frau zwischen 30 und 40, deren biologische Uhr bereits laut tickt, selbst die Initiative ergreifen muss - meist indem sie die Pille absetzt. Sie stößt nicht nur in der Arbeit, sondern auch im Privaten auf Widerstände: Denn der Göttergatte, wenn es ihn überhaupt gibt, ist auch mit 40 noch nicht bereit, seine Carrera-Bahn zu teilen. "Ach Schatz, das hat doch noch Zeit" und schwupp, ist die Menopause da.

Sollte er sich doch dazu herablassen, Kinder zu zeugen, heißt das noch lange nicht, dass er sie auch mit aufzieht. Die offizielle Scheidungsrate liegt hierzulande bei fast 40 Prozent.

Nicht abzuwenden, aber abzufedern

Als alleinerziehende Mutter aber habe ich ein erhöhtes Armutsrisiko. Ganz zu schweigen von den seelischen Folgen, die mit nackten Zahlen gar nicht zu belegen sind, wenn Mütter aus Mangel an Krippenplatz, Babysitter und unterstützenden Familienmitgliedern völlig isoliert leben.

Dieses Risiko ist nicht abzuwenden, aber es ist zumindest abzufedern - mit Geld. Mütter brauchen eine kostenlose Kinderbetreuung, sie brauchen eine finanzielle Ausstattung, die es ihnen ermöglicht, eine Familie zu führen, und sie brauchen eine Rente, die sie vor Altersarmut schützt. Dafür benötigen wir dringend ein neues Finanzierungsmodell.

Besteuert sie höher und gebt das Geld an die Familien

Im Supermarkt sammeln wir Bonuspunkte, für jeden verfahrenen Kilometer Sprit bekommen wir an der Tankstelle einen Bonus, selbst beim Zahnarzt kann sich Ottonormalverbraucher eine Krone nur noch leisten, wenn er über Jahrzehnte hinweg seinen jährlichen Stempel brav gesammelt hat. Ansonsten verschlingt die Behandlung mindestens ein durchschnittliches Brutto-Monatsgehalt. Warum also nicht Bonuspunkte verteilen für so existenzielle "Anschaffungen" wie Kinder? Und es nicht nur bei so Alibi-Veranstaltungen wie Kindergeld oder Elternzeit-Anrechnungsprämien belassen.

Wer dafür aufkommen sollte, ist auch klar: die Kinderlosen. Also alle, die sich den Mühen und Risiken des Kinderkriegens entziehen, ihre Gucci-Gürtel und Prada-Schuhe sammeln, aber in einer völlig vergreisten und emotional verödeten Gesellschaft auch nicht leben wollten. Na klar: Knöpft ihnen mehr Geld für Krankenkasse und Rente ab. Besteuert sie höher und gebt das Geld an die Familien. Dort ist es gut angelegt. Für alle.

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Quelle: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung


Strafzahlung für Kinderlose? Vergesst es

Von Lutz Kinkel

Hallo?! Muss ich mich dafür entschuldigen, kein Kind zu haben? Nicht abends um zehn Uhr kreuzfertig in die Kissen zu sinken und am Wochenende Kuchen mit Smarties zu verzieren? Ich habe manchmal den Eindruck, Konservative drängen zur Familiengründung, weil das der sicherste Weg ist, Menschen davon abzuhalten, auf schlimme Gedanken zu kommen. Wer Kinder hat, muss sich um Kinder zu kümmern. Ende der individualpolitischen Durchsage.

Im Grundgesetz steht, dass niemand aufgrund seiner Rasse, seiner Religionszugehörigkeit und seines Geschlechts diskriminiert werden darf. Ich bin dafür, diesen Artikel um den Passus "oder seines Familienstandes" zu erweitern. Denn es kann nicht angehen, dass die Menschen, die keinen Nachwuchs haben, stigmatisiert werden. Eines Tages wird man uns einen Kasten-Punkt auf die Stirn malen und für Bahlsen-Kekse einen Kinder-Soli abverlangen, wenn es so weiter geht.

Die Idee des Generationenvertrags ist bereits zerstoben

Kinder bekommen oder nicht, das ist - wenn die Entscheidung ausnahmsweise mal nüchtern getroffen wird - eine der intimsten und privatesten Angelegenheiten, die zwei Menschen miteinander zu verhandeln haben. Denn ist die Freundin erstmal schwanger, kann man schon mal beginnen, das Leben umzukrempeln. Die Finanzen müssen geregelt werden, der Sportwagen verkauft, die Wohnung vergrößert und das Weinregal gegen eine Hipp-Gläschen-Aufbewahrungsstätte getauscht werden. Außerdem muss man sich darauf einrichten, keine vollständigen Sätze mehr reden zu dürfen, sondern sich in "Dada" und "Dingeldei" ergehen zu müssen. Kurzum: Niemand, aber auch wirklich niemand hat das Recht, einem Erwachsenen dies abzuverlangen.

Und weil das so ist, entscheiden sich viele Deutsche, keine Kinder zu haben. Darüber hebt nun ein riesiges Gejammer an, weil die Sozialkassen in den Dutt gehen und die Deutschen langsam aussterben. Aber was soll der aufgeklärte Mensch dazu sagen? Die Sozialkassen sind ein schönes Tool der Wirtschaftswundergesellschaft. Doch diese Generation ist jetzt in Rente, sie hat den Reichtum, den sie geschaffen hat, mitgenommen und verbraucht ihn selbst.

Den Jüngeren bleibt nur noch die Grundversorgung. Arbeitslose kriegen Hartz IV, beim Zahnarzt muss man reichlich draufzahlen und die Rente schrumpft zusehends auf einen Notgroschen zusammen. Kurzum: Die Idee des Generationenvertrags ist bereits zerstoben. Der Gedanke, Kinder in die Welt zu setzen, um das eigene Alter finanziell zu pampern, wirkt grotesk.

Regelt doch die Einwanderung neu!

Dass die Deutschen deswegen langsam aussterben, kann mich schon gar nicht schockieren. So ist das in der Natur: Es ist ein ewiges Kommen und Gehen, und wenn der Sauerländer an sich ausstirbt, ist der Sauerländer eben ausgestorben. Mag sein, dass dann Menschen mit gelber Hautfarbe und dichtem schwarzen Haar im Sauerland Fußball spielen. Es mag auch sein, dass sich die gemeine Sumpfkröte ihren Lebensraum zurückerobert. Davor haben nur Leute Angst, die einer merkwürdigen Deutschtümelei anhängen und meinen, die ethnisch begründete Nation müsse ewig leben. Diese Vorstellung sollten wir in der unglückseligen Vergangenheit versenken, und zwar für immer.

Und nun? Leeren sich die Straßen langsam? Freunde, wenn Ihr Menschen fischen wollt, dann regelt doch die Einwanderung neu. Dieser Planet leidet bekanntermaßen unter Überbevölkerung, und es gibt Millionen, die ihrem Gott auf Knien danken würden, wenn sie mal in den Genuss kämen, eine ordentlich ausgeschilderte Autobahn ohne Geschwindigkeitsbegrenzung nutzen zu dürfen.

Ich habe nichts gegen Kinder

Deutschland hat viel Platz, im Osten könnte man ganze Landstriche revitalisieren, und genetisch ist der Mix aus allen möglichen Nationen sowieso die beste Lebensversicherung. Früher strömten kriegführende Deutsche in alle Welt, nun könnten friedliche Einwanderer aus aller Welt nach Deutschland kommen. Das hat doch auch geschichtspolitisch eine Note ausgleichender Gerechtigkeit.

Nur damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich habe nichts gegen Kinder, und der Staat sollte Familien zumindest soweit fördern, dass sie materiell keine Nachteile gegenüber Kinderlosen haben. Aber der umgekehrte Weg - also Kinderlose gesellschaftlich zu ächten und sie mit Strafzahlungen zu belasten - widerspricht den Prinzipien einer freiheitlichen Gesellschaft. Es soll jeder nach seiner Facon glücklich werden dürfen. Ob er dabei eine Rassel in die Hand nimmt oder nicht, ist seine Sache.