Wer steckt hinter ... ... der Schrankwand?


Das hat System: 1955 baute die Firma Behr die erste Schrankwand in ein deutsches Wohnzimmer. Seitdem ist dieses Möbelstück dort nicht mehr wegzudenken.

Wer in den 70er Jahren aufwuchs, kannte dieses beruhigende Gefühl: Egal, in welches deutsche Wohnzimmer man kam, immer fühlte man sich gleich wie zu Hause. Denn an einer Seite des Raumes stand sie garantiert: die Schrankwand, die Zimmerwand so komplett ausfüllend, dass man es sich eigentlich sparen konnte, dahinter zu tapezieren.

Möbel müssen funktional und praktisch sein, gaben 77 Prozent der Bundesbürger damals an, und kaum ein anderes Einrichtungsstück erfüllte diese Anforderung so umfassend wie die Schrankwand. Auf einen Griff stand das halbe Hausinventar zur Verfügung: Bar und Bücher, Fotoalben und Fernseher, das Goldrandservice ebenso wie die Spielesammlung.

Als einer der Vordenker dieses Möbelstücks gilt der Wiener Architekt Prof. Franz Schuster, der bereits im Jahre 1921 ein Schrank-Anbauprogramm für die baden-württembergische Firma Erwin Behr entwarf. Noch nicht wandfüllend, noch auf zierlichen Füßen stehend. 1955 entwickelte Behr das System "BMZ", was schlicht "Behr Möbel Zerlegbar" hieß. Geworben wurde mit Slogans wie "Überall aufzubauen. Heute hier. Morgen da. Und übermorgen woanders." Der Entwurf von Johan A. Bus wurde bis in die 80er Jahre hinein verkauft. Der Mann, der sie auf den Markt brachte, war Erwin Behr jr., der die Firma bis 1976 leitete.

In den 60er Jahren bekam Behr Konkurrenz: 1963 gestaltete der Schweizer Designer Walter Müller für die Firma Interlübke einen Normschrank zum Anbauen, mit Türen von der Decke bis zum Boden und grenzenlos erweiterbar. Die "Interlübke Schrankwand" wird noch heute als Modell "SL" im Programm geführt. 1968 kam für den Massenmarkt die "Allwand" von der Firma Hülsta hinzu - erhältlich in wunderbaren Holztönen wie "Rio Palisander".

Im Wirtschaftswunder-land stieg die Schrankwand auf zum Statussymbol des Mittelstandes. Das Wohnzimmer hatte sich von der repräsentativen, weitgehend unbenutzten "guten Stube" zum Freizeitraum für die ganze Familie gewandelt. In dem gelesen, ferngesehen, Rudi Schuricke gehört und bei einem guten Moselwein mit den Nachbarn "66" gespielt wurde.

Dass gerade die Bundesrepublik zum Schrankwandland wurde, liegt auch an der Liebe der Deutschen zu allem, was System hat. Wir trennen den Müll im Dualen System, bremsen mit ABS, dem Anti-Blockier-System, und drei Leitz-Ordner nebeneinander im Regal bezeichnen wir als Ordnungssystem. Aus dieser Zuneigung heraus hat die Schrankwand jede Mode, jede Rebellion gegen die Spießigkeit der Elterngeneration überlebt. Fragt man heute nach unserem bevorzugten Wohnstil, antworten 64 Prozent der Befragten: Couchgarnitur und Schrankwand. Noch 1997 wurden über vier Millionen Schrankwände verkauft (aktuellere Zahlen gibt es nicht). Nur wählt man heute die luftigere Variante, kombiniert Lowboards mit Hängekombinationen und Regalen, füllt die verbleibende Stelle mit einem überdimensionalen Plasmafernseher und nennt das Ganze dann "Medienwand".

Auch die Firma Behr, die nach einer Insolvenz auf den Möbelmarkt zurückkehrte, bietet seit 2004 von Osnabrück aus weiterhin Regale an, die immer noch an den Urtyp "BMZ" erinnern. Besitzer wechseln - die Schrankwand bleibt.

Christine Mortag print

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