Senioren Experten Service Von den Alten lernen


Rasen mähen, fernsehen und ein bisschen Sport? Viele Rentner wollen auch an ihrem Lebensabend weiter arbeiten und gebraucht werden. - Wie beim Bonner 'Senioren Experten Service': Der vermittelt Rentner, die ihr Wissen weitergeben wollen, an Entwicklungsländer.
Von Teja Fiedler

"Die Feilspäne. Wo sind die Feilspäne?" Manfred Genze schüttelt den Kopf. Dem 67jährigen Diplomingenieur stehen unter den grauen Haaren Unmutsfalten auf der schweißglänzenden Stirn, die einzigen Runzeln in einem sonst noch sehr faltenarmen Gesicht. Genze hält einen kleinen Stabmagneten hoch. "Ohne die Eisenspäne kann man Magnetlinien nicht sichtbar machen, das magnetische Kraftfeld nicht veranschaulichen." Er notiert das Manko: Feilspäne fehlen. Bei der nächsten Produktionsreihe muss es behoben werden wie andere kleine Pannen und Schlampereien auch. Sonst ist der Experimentier-Kasten für indonesische Hauptschüler nicht mehr das, was er einmal war.

Naturwissenschaft zum Anfassen

Genze hat ihn vor zwanzig Jahren entwickelt, um jungen Menschen in Indonesien auf möglichst anschauliche Art naturwissenschaftliche Grundkenntnisse beizubringen. Jetzt ist er zurückgekommen, um die heutige Qualität seines Lehrmittels zu überprüfen. Mehr als hundert Teile enthält das 1,40 Meter hohe Schränkchen. Kosten rund 800 Euro. Inzwischen wird an über dreißigtausend Schulen des Inselstaats im Rahmen des SEQIP-Projekts ("Programm zur Verbesserung des Wissenschafts-Unterrichts") nach der Methode Genze unterrichtet. Naturwissenschaft zum Anfassen: Durch ein simples Prisma können die Schüler etwa Licht in seine Spektralfarben zerlegen oder mit Hilfe eines einfachen Baukastens einen Elektromotor zum Laufen bringen.

Manfred Genze ist diesmal für den "Senior Experten Service" (SES) unterwegs. Ehrenamtlich. Einer von über 7000 Fachleuten, die trotz Pensionsalters ihre Hände nicht in den Schoß legen wollen und sich vom SES "anheuern" ließen. Der Senior Experten Service ist eine zu Unrecht wenig bekannte Organisation mit Sitz in Bonn, die rüstigen Rentnern sinnvolle Tätigkeiten in der ganzen Welt vermittelt. Er wird von mehreren Verbänden der deutschen Wirtschaft getragen und durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziell unterstützt.

Experten für die ganze Welt

Der SES hat 1983 mit bescheidenen 22 Entsendungen angefangen. Inzwischen stellen Experten beiderlei Geschlechts ihr in einem langen Arbeitsleben erworbenes Können unentgeltlich zur Verfügung - bei jährlich fast 1500 Einsätzen. Für Aufgaben, die von der Verbesserung der Schweinzucht in Vietnam bis zum fachgerechten Bau eines Altersheims für Nonnen in Tansania reichen.

Manfred Genze hat in seinen frühen Jahren als Fachmann für Feinmechanik eine Methode entwickelt, durch ein Skalpell flüssigen Stickstoff von minus 193 Grad zu leiten. Dieser Temperaturschock brachte bei schwierigen Leberoperationen jede Blutung blitzschnell zum Erfrieren. "Doch dann überholte die Laser-Technologie mein Patent. Künstlerpech." Danach verschob sich der Erfindergeist des Diplomingenieurs in Richtung Pädagogik. Im Auftrag verschiedener Institutionen wie der Weltbank oder der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit gab er sein halbes Leben Hilfestellung, mit praxisnahem Unterricht den technischen Vorsprung der Ersten Welt zu verringern. In Uganda, Malaysia, Indien oder den Philippinen.

Helfen statt Tennis spielen

Vor allem aber in Indonesien. Insgesamt hat Genze in diesem Inselstaat mit 230 Millionen Menschen über zwanzig Jahre gelebt. Die Landessprache spricht er fließend. Inzwischen ist er eigentlich im Ruhestand, könnte zu Hause in München an seiner heimtückisch unterschnittenen Tennisrückhand arbeiten oder Rosen im Vorgarten züchten. Dazu aber fühlt sich Genze zu rastlos, zu unentbehrlich, zu jung. Also sitzt der 67jährige in der staubigen, stickig-heißen Lagerhalle der mittelständischen Firma Wardhana am Stadtrand von Surabaya, die seinen Experimentierkasten heute produziert, und prüft. Das Unternehmen hat ihn angefordert. Draußen rumpelt ein Güterzug vorbei, fliegende Händler verkaufen Fleischspießchen, klapperdürre Hunde schnüffeln an Abfall.

Im Schnitt sind unsere Spezialisten 65 Jahre, aber nach oben gibt es keine Grenzen", sagt Sonnhild Schretzmann vom SES, "wer fit ist und was kann, darf auch ruhig deutlich älter sein." Die Ausfallquote ist trotz der oft exotischen Einsatzorte erstaunlich gering: Rentner, die sich in Länder wagen, wo Frostbeulen dräuen, oder Malaria und alle Arten von Durchfall, gehören meist der zähen Rasse an. Manche der Experten sind schon so oft für den SES tätig gewesen, dass die Zentrale sie intern mit Spitznamen belegt. Der Diplomlandwirt Dr. Walter Zwick, Fachmann für Tierzucht, heißt liebevoll "Schweinchen Zwick". Der Kfz-Meister Dietmar Hanslik ist "Herr Kaputt". So nannten ihn erstmals die Wildhüter eines Orang-Utan-Reservats für seinen spontanen Kommentar angesichts des erbarmungswürdigen Zustands der Fahrzeuge ihrer Station, die er wieder in Schuss bringen sollte.

Hauptsache fit und qualifiziert

" Doch Einsätze für den SES sind keine Aktivitäten, bei denen wohlmeinende Pensionäre ausschwärmen und Menschen in aller Welt mit ihrem Wissen beglücken, ob die wollen oder nicht. "Unsere Experten müssen von einer Firma oder einer Organisation für eine konkrete Aufgabe angefordert worden sein, anders wird niemand entsandt," sagt Frau Schretzmann. Der Auftrag darf höchstens sechs Monate dauern. Damit soll verhindert werden, dass die Gratis-Helfer Langzeit-Arbeitsplätze ausfüllen. Die Kosten für Flug, Unterkunft und Essen bezahlt grundsätzlich der Auftraggeber, das Taschengeld von ein paar Euro täglich der SES. Neben Asien ist Osteuropa ein Schwerpunkt des SES. Im Postkommunismus ist man über westliches Know how besonders froh.

Mit Laptop, Kosmetikkoffer und nur sehr dezent blondierten Locken wartet Ursula Schwede vor dem Hotel "Maria" auf ihren Fahrer. Drei Wochen lang bringt er die 66jährige Friseurmeisterin auf teilweise holprigen Wegen täglich zur "Privaten Berufsschule" von Botosani. Die Schule bildet junge Menschen unter anderem in Schönheitspflege aus. Botosani mit 120.000 Einwohnern im äußersten Nordosten von Rumänien hatte einst der Diktator Ceaucescu zur Industriemetropole bestimmt. Doch mit der kommunistischen Diktatur gingen auch die meisten der hingeklotzten Fabriken unter und heute muss die Stadt ums wirtschaftliche Überleben kämpfen.

Modische Schnitte für Rumänien

Die Schule in Botosani hatte Glück. Sie wurde vor zwei Jahren aus rund 300 Bewerbern um einen vom SES entsandten Experten fürs Friseurgeschäft ausgewählt. Der Spezialist war Frau Schwede aus Höxter. Sie hatte bis dahin nie im Ausland gearbeitet Jetzt ist sie bereits zum dritten Mal in Botosani. "Die beiden letzen Male haben Schüler und Direktorat ausdrücklich wieder Ursula in Bonn angefordert," sagt sie nicht ohne Stolz. Ursula Schwede ist gerne in der Stadt, deren Architektur von Plattenbauten geprägt ist. Auch wenn sie die meisten Abende im Hotel verbringt. "Doch drei Wochen hält man das gut aus." Sie hat für den SES auch schon in Kasachstan gearbeitet. Einmal und nie wieder. "Dort hat man mich nur als Zeitarbeiter ausgenutzt, der wenig kostet. Außerdem war ich dauernd unter Aufsicht."

In Rumänien dagegen bringt sie bei. Im zweifachen Sinne: Sie erklärt den 90 Schülerinnen und Schülern etwa die zeitgemäßen Techniken der "dauerhaften Umformung". So heißt heute im Fachdeutsch die Dauerwelle. Außerdem schafft sie zu jedem Aufenthalt Koloraturen, Haarspray, Nagellack, auch mal eine Dezimalwaage oder einen Übungskopf zum unfallfreien Frisieren für Anfänger heran. Die rumänischen Lehrerinnen des Instituts sind Frau Schwede dankbar: "So kriegen wir mit, welche Farbkombinationen man im Westen heute in die Haare einfärbt oder wie man Nägel verlängert und bemalt. Das macht uns fit für die EU. Ohne die Hilfsmittel, die Ursula mitbringt, würde alles reine Theorie bleiben. Denn das Meiste bekommen wir hier nicht."

Entwicklungshilfe mit Kamm und Schere

Im selben blauen Kittel aus glänzender Kunstseide wie alle anderen eilt Ursula Schwede, Kamm und Schere in der Hand, durch den Friseursalon. Berät und demonstriert. Im Kielwasser ihr Dolmetscher Ovidio. Wenn der Ovid von Botosani manchmal bei sehr friseurspezifischen Begriffen Übersetzungsschwierigkeiten hat, hilft sich Frau Schwede mit Pantomime. "Die jungen Leute hier wollen wirklich etwas lernen. Und sie haben schon viel gelernt." Nach drei Aufenthalten sieht Ursula Schwede daher langsam das Ende ihrer Rumänien-Einsätze nahen. Beileibe aber nicht das Ende ihrer SES-Aktivitäten. "Als nächstes möchte ich nach Moldawien gehen." (In der Zwischenzeit arbeitete sie dort schon für den SES.) Zu Hause spielt Ursula Schwede seit ein paar Jahren "aus Spaß" Golf. Handicap 31. Mit über Vierzig und zwei halbwüchsigen Kindern schickte sie ihren Ehemann in die Wüste: "Der hing zu sehr an den Rockzipfeln seiner Mutter." Dann machte sie das Examen als Gewerbeschullehrerin nach und unterrichtete bis zur Pensionierung. Die 66 Jahre sieht man ihr nicht an. "Das muss an den Genen liegen. Meine Großmutter wurde 106."

Die Arbeit als Senior-Experte erhalte einfach jung, meint Manfred Genz. Er spiele fast an jedem Wochenende auf Java Tennis, meist bei Temperaturen über dreißig Grad und einer Luftfeuchtigkeit nahe hundert Prozent. "Durchschwitzte Hemden gehören hier sowieso zum Alltag", sagt er, "was soll's." Auch heute ist sein Hemd schon nass und dunkel, obwohl an der Decke des Klassenzimmers zwei Ventilatoren heroisch gegen die tropische Schwüle ankämpfen. Inspektion der Schule von Dupak, einem Stadtteil Surabayas. Genze will checken, ob im Unterricht mit dem Inhalt seines Kit Murid, so der indonesische Name des Experimentierkastens, auch richtig umgegangen wird. "Das Material ist nur so gut wie die Lehrer sind, die es anwenden und erklären."

"Typische win-win-Situation"

Die junge Lehrerin der 5. Klasse trägt Kopftuch und ein bodenlanges Kleid mit Ärmeln bis zum Handgelenk. Indonesien ist das größte muslimische Land der Welt. Die Schüler haben einheitlich weiße Hemden mit Krawatte und rote Shorts an. Die Lehrerin lässt die Schüler einen Holzwürfel in die rechte und eine viel kleinere Stahlkugel in die linke Hand nehmen. Was ist schwerer? Die elf- bis zwölfjährigen Kinder entscheiden sich ausnahmslos für die Stahlkugel. Falsch. Auf der Waage aus dem Experimentierkasten Kit Murid ergibt sich: das Holzklötzchen ist deutlich schwerer. Allgemeines Erstaunen. Die Lehrerin will zum nächsten Versuch übergehen. Genze mischt sich ein. "Moment, warum habt ihr euch alle getäuscht? Weil die kleine Kugel wegen ihres hohen spezifischen Gewichts stärker auf ein kleines Stück der Handfläche drückt als der viel größere Holzwürfel," doziert der Senior-Experte. "Dadurch fühlt sie sich schwerer an als sie ist. Dieser Versuch zeigt, dass subjektive Wahrnehmung in der Naturwissenschaft trügerisch ist." Die Lehrerin nickt. Das nächste Mal wird sie nach dem Staunen die Erklärung folgen lassen. "Wissen Sie, was das Schöne an diesem Job ist", sagt Frau Schwede, als sie am späten Nachmittag an Plattenbauten, Pferdefuhrwerken, brandneuen Coffee-Shops und dem Denkmal des einheimischen Literaten Nicolae Iorga zurück ins Hotel "Maria" gefahren wird, "einerseits erlebst du was und gleichzeitig fühlst du dich wirklich gebraucht." Eine "typische win-win-situation" würde es der weltläufige Herr Genze über einem kühlen Bier in der Abendschwüle Surabayas nennen.


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