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Interview

Gerd Müller über den Grünen Knopf: Herr Minister, tragen Sie fair produzierte Unterwäsche unter Ihrem weißen Hemd?

Am Montag wird in Berlin ein neues Textilsiegel für faire und nachhaltige Mode präsentiert. Was taugt es? Fragen an Entwicklungsminister Gerd Müller, CSU.

Entwicklungsminister Gerd Müller im Gespräch mit dem stern. 

Entwicklungsminister Gerd Müller im Gespräch mit dem stern

"Wenn ich nichts bewegen will, brauch ich hier nicht zu hocken", sagt Gerd Müller, 64, gleich zu Beginn des stern-Gesprächs. Als Müller vor sechs Jahren das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) übernahm, wurde er als Fehlbesetzung belächelt. Aber der Katholik aus dem Allgäu  entwickelte ein eigenes Profil, zum Leidwesen mancher  Parteifreunde, denen er zu rebellisch, zu links, zu sozial, zu grün, zu unbequem ist. Müller wuchs auf einem Bauernhof auf, er machte auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur, studierte Politik, Pädagogik und Wirtschaft. Vor seiner  politischen Karriere arbeitete er als Lehrer an der Fachoberschule in Krumbach, Bayern. Müller hat zwei erwachsene Söhne. Er ist mit einer Niederländerin verheiratet. 

Herr Minister, es gibt Textilsiegel für Baumwolle, für Wolle, für Recyclingfasern, die einen überprüfen ökologische Kriterien, die anderen soziale. Das ist total verwirrend. Ganz ehrlich, können Sie im Laden bei Hosen, Jacken, Hemden Gut und Böse unterscheiden?

Nein. Deshalb kommt jetzt der Grüne Knopf.

Also noch ein zusätzliches Siegel. Wofür soll das dann stehen? 

Der Grüne Knopf ist das staatliche Textilsiegel, das dem Käufer in vierfacher Weise Sicherheit gibt: Der Staat legt die Bedingungen und Kriterien fest. Jedes Kleidungsstück erfüllt hohe Sozial- und Umweltstandards. Darüber hinaus wird  das ganze Unternehmen geprüft – einzelne Vorzeigeprodukte reichen nicht aus. Und die Einhaltung wird von unabhängigen Prüfern kontrolliert. 

Was ist am Grünen Knopf besser als an guten Textilsiegeln wie Oeko-Tex oder Global Organic Textile Standard (GOTS)?

Der Grüne Knopf baut auf diesen Siegeln auf. Produkte wie T-Shirts oder Bettwäsche müssen anerkannte Siegel, zum Beispiel GOTS oder Fairtrade, vorweisen. Zusätzlich wird das gesamte Unternehmen anhand von 20 weiteren Kriterien überprüft. Legt es Risiken in seiner Lieferkette offen? Schafft es Missstände ab? Gibt es Beschwerde­möglichkeiten für die Näherinnen vor Ort? Das ist das Besondere am Grünen Knopf.

Wird denn wirklich der gesamte Prozess überprüft?

Das ist das Ziel. Zum Start prüft der Grüne Knopf die Arbeitsschritte "schneiden und nähen" sowie "bleichen und färben". In den kommenden Jahren wird der Grüne Knopf dann auf alle Produktionsschritte ausgeweitet.

Wer vergibt das Siegel?

Mein Ministerium. 

Stehen Sie persönlich dafür ein?

Die Prüfung macht natürlich nicht das Ministerium. Das machen Fachleute von unabhängigen Prüfstellen. Vom TÜV, der Dekra, Din Certco und anderen. Das muss auch so sein, damit die Prüfungen unabhängig ablaufen. Der Prüfprozess wird ebenfalls überwacht. Darum kümmert sich die staatliche Deutsche Akkreditierungsstelle. Das sind die "Prüfer der Prüfer". 

Gibt es für das neue Textilsiegel in anderen Ländern ein Vorbild?

Der Grüne Knopf ist weltweit einmalig. So genau und umfassend prüft kein anderer. Das Siegel ist beim Deutschen Patent- und Markenamt ein-getragen mit festge­legten anspruchsvollen Standards. Jeder Hersteller, jede Modemarke auf der Welt kann Produkte mit dem Grünen Knopf auszeichnen, sofern sie die strengen Kriterien einhalten. Unternehmen können den Grünen Knopf auch in anderen Ländern verwenden. Das muss auch so sein. Denn viele Modeunternehmen sind international aufgestellt.

Wie viele Firmen machen beim Grünen Knopf mit?

Mehr als 50.

Das sind nicht gerade viele!

Es ist ein guter Anfang, wenn man bedenkt, dass es in Deutschland rund 250 größere Bekleidungsunternehmen gibt. Start-ups wie Melawear, bekannte Nachhaltigkeitsvorreiter wie Hess Natur oder Vaude, Trigema und Unternehmen mit mehreren Tausend Mitarbeitern wie Tchibo machen mit. 

Bei Tchibo heißt es recht vorsichtig: Wir probieren den Grünen Knopf aus. Mal schauen, wie die Kunden reagieren.

Jetzt kommt es darauf an, ob die Verbraucher zugreifen. Die Liste aller Firmen, die beim Grünen Knopf teilnehmen, wird ab Montag auf der Webseite meines Ministeriums veröffentlicht. Jeder soll wissen, wer dabei ist. Wie oft habe ich in den vergangenen Jahren gehört: Das geht nicht! Jetzt haben wir den Grünen Knopf. Ausreden gibt es nicht mehr. Jedes Unternehmen sollte sich fragen: Will ich Kinderarbeit vermeiden? Will ich ökologisch produzieren? Dann muss es mitmachen.

Entwicklungsminister Gerd Müller hält ein Schild mit der Aufschrift "Grüner Knopf"

Gerd Müller präsentiert den Grünen Knopf. Auf der Website des Ministeriums sind die Unternehmen einsehbar, die an dem neuen Siegel teilnehmen.

Tragen Sie fair produzierte Unterwäsche unter Ihrem weißen Hemd?

Mein Bewusstsein für nachhaltigen Konsum ist in den letzten sechs, sieben Jahren gewachsen. Ich stelle mir selbst die Frage: Warum bist du nicht früher darauf gekommen und hast nachgefragt, wo und wie deine Hemden produziert werden? Heute frag ich nach. 

Und wie beantworten Sie meine Frage?

Meine Kleidung kaufe ich bei Unternehmen, die fair und nachhaltig produzieren. 

Sind Hosen und Hemden mit dem Grünen Knopf teurer?

Faire Kleidung muss nicht teurer sein. Nehmen Sie eine Jeans. Ich habe mir die Produktion angesehen. Die Hose, die in Bangladesch für fünf Dollar eingekauft wird, liegt  bei uns für 25, 50 oder 100 Euro im Laden. So groß sind teilweise die Spannen. Die Näherinnen schuften 14 Stunden am Tag, sechs Tage die Woche für einen Stundenlohn zwischen 14 und 40 Cent. Unmöglich, davon zu leben! Eine Verdopplung wäre nötig. Die Jeans würde sich nur um einen Euro in der Produktion verteuern. 

Ein Siegel ist nur gut, wenn die Kontrolle klappt. Von Recherchen in Kambodscha und Äthiopien kenne ich Textilfabriken, die sind mit hohen Mauern abgeschottet und streng bewacht. In den Fabriken arbeiten 20 000 Näherinnen an vielen Dutzend Nähstraßen, in verschiedenen Hallen. Ist da eine Kontrolle überhaupt möglich?

Ja, daran arbeiten wir. Zusammen mit den Behörden vor Ort haben wir zum Beispiel 550 Arbeitsinspektoren neu ausgebildet, die diese Kontrollen durchführen. 

Aber es gibt Zigtausende Fabriken. Kritiker sagen, Sie haben den Grünen Knopf überhastet eingeführt.

Die Alternative heißt: Wir machen nix. Fänden Sie das besser? 

Natürlich nicht. Aber Textilhersteller aus Deutschland sagen:  Auf den globalen Textilmärkten sind wir kleine Lichter. Unsere Marktmacht ist zu gering, um Druck aufzubauen. Stimmt das?

Nein, wir können in jeder Zulieferfabrik ganz konkret die Bedin­gungen verbessern. Sogar kleinere Firmen schaffen das. Aber klar ist auch: Nachhaltigkeit muss zum Branchenstandard werden. Dann können die Firmen gemeinsam auftreten und sagen: Wir platzieren unsere Aufträge nur bei Herstellern und in Fabriken, die sozial und ökologisch produzieren.

Noch ein Beispiel aus der Praxis: Bestechung ist ein großes Problem. Bevor der Fahrer den Kontrolleur vom Grünen Knopf in seinem  Hotel abholt, ruft er in der Firma  an und meldet: Wir sind in zwei Stunden da, räumt schon mal auf.

Ja, das kann leider passieren.

Sie setzen mit dem Grünen Knopf auf eine Kontrollindustrie, bei der die Kontrolleure von Oberkontrolleuren kontrolliert werden.

Solche Kontrollen gibt es ja schon, auch in der Textilindustrie. Zusätzlich müssen wir den Näherinnen helfen, dass sie direkt und anonym die Missstände in ihrer Fabrik anzeigen können. 

In Kambodscha waren wir in einer Fabrik, da hängt die Box für die anonymen Beschwerden neben dem Büro des Chefs. Durch die Glastür sieht er jede, die da etwas reinwirft. Also bleibt der Kasten leer.

Ein Briefkasten neben der Bürotür reicht nicht aus. Das ist beim Grünen Knopf klar vorgegeben. Deswegen fragen die Kontrolleure genau nach und schauen sich vor Ort um. Auch Apps können helfen. Auf denen können Näherinnen anonym Übergriffe und Missstände melden. In Myanmar klären wir 11.000 Arbeiterinnen per App über ihre Rechte auf. 

In Bangladesch werden die ausländischen Kontrolleure des Bangladesh Accord gerade wieder aus dem Land komplimentiert. Die waren nach dem Einsturz der  Textilfabrik Rana Plaza ins Land gekommen. Die Fabrikbesitzer  argumentieren so: Ihr treibt mit euren Anforderungen unsere Kosten hoch, und dann sind wir mit den Wettbewerbern in Vietnam oder Äthiopien nicht mehr konkurrenzfähig. 

Das ist leider ein Problem. Deswegen brauchen wir Grundstandards in der Textilproduktion. Es muss aber auch klar sein: Wenn Bang­ladesch sich solchen Standards  verwehren sollte, dann kann "made in Bangladesh" am europäischen Markt nicht bestehen. Weil die Modefirmen dort nicht mehr bestellen oder die Verbraucher die Produkte nicht mehr kaufen. 

Sie wollen den Grünen Knopf nicht nur für Textilien einführen sondern auch für Elektronik, Autos, Computer, Maschinen. Warum?

Fairness und Nachhaltigkeit müssen Standard für alle Lieferketten wer-den. Viele Unternehmen externalisieren die Probleme einfach: Sie verlagern die Produktion außerhalb des geregelten europäischen Binnenmarktes. Und produzieren billigst in Entwicklungsländern nach Standards, die bei uns aus gutem Grund schon lange nicht mehr erlaubt sind. Die Produkte werden dann in Europa mit hohem Gewinn verkauft. 

Gerd Müller, CSU, katholisch, verheiratet, zwei Kinder.

Gerd Müller, CSU, katholisch, verheiratet, zwei Kinder.

Wie zu Zeiten des Kolonialismus.

Professorin Hartmann, Expertin für Supply-Chain-Management, hat den Prozess der Auslagerung untersucht. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass für einen deutschen Durchschnitts­verbraucher 50 Sklaven in Entwicklungsländern arbeiten. Damit sind die Näherinnen in Äthiopien gemeint, die für einen Hungerlohn in Akkordarbeit schuften müssen. Die Kinder in den Minen des Kongo  oder auf den Kaffeeplantagen in Westafrika. 

Warum gibt es in Deutschland nicht längst ein Lieferkettengesetz, so wie in Frankreich oder Großbritannien? Deutsche Unternehmen könnten  dann vor deutschen Gerichten zur  Verantwortung gezogen werden, wenn Tochterunternehmen oder Zulieferer im Ausland gegen Menschenrechte und Umweltvorschriften verstoßen. 

Damit wären wir nicht weiter. Mit der Textillieferkette setzen wir jetzt einen hohen Standard und zeigen, dass es geht. Das kann niemand mehr infrage stellen. Andere Lieferketten müssen folgen. Hätte ich nur auf ein Gesetz gesetzt, dann wären wir gar nicht vorangekommen. 

Zu den Bremsern bei einem solchen Gesetz gehören die Verbände der Textilwirtschaft und auch Wirtschaftsminister Peter Altmaier, Ihr Parteifreund. 

Teile der deutschen Wirtschaft sind weiterhin der Meinung, dass wir die Einhaltung der Menschenrechte nicht gesetzlich regeln müssen.  Wir haben ein Jahr gebraucht, um  zwischen den Ministerien 30 Fragen abzustimmen, ob deutsche Unternehmen mit mehr als 500 Mitar­beitern grundsätzliche Menschenrechtsstandards einhalten. Das ist die Realität.

Was sagen Sie denen, die Sie ausbremsen wollen?

Denen sage ich: Wir alle sehen die brennenden Regenwälder. Sie brennen auch für unseren Konsum. Das beginnt morgens in der Früh beim Haarewaschen. Fast jedes Shampoo enthält Palmöl aus Indonesien. Um Plantagen anzulegen, werden die Regenwälder abgeholzt. Wir trinken unseren ersten Schluck Kaffee, der von Kindern in Westafrika gepflückt wurde. Das ist moderne Sklaverei. Dann ziehen wir uns eine Hose an, die eine Näherin für einen Hungerlohn hergestellt hat. Wir müssen in den Industrieländern endlich zur Besinnung kommen. 20 Prozent der Weltbevölkerung nimmt sich das Recht heraus, 80 Prozent der Ressourcen unserer Erde zu verbrauchen. Für den Rest der Welt bleibt ein kümmerlicher Rest. Ich bin kein Marxist, aber das kann nicht unser weiteres Lebensmodell sein.

Das vollständige Interview mit Minister Gerd Müller lesen Sie im aktuellen stern

Die offizielle Vorstellung des Grünen Knopfs wird am Montag, 9.September, ab 10 Uhr im Livestream übertragen bmz.de/livestream