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Konzertkritik

Auftritt in Hamburg: Death Cab for Cutie auf Deutschland-Tour: Wer das nicht fühlt, hat kein Herz

Death Cab for Cutie, die Indie-Rock-Gruppe aus Seattle, ist mit neuem Album auf Deutschland-Tour. Das Konzert in Hamburg war für viele Fans ein emotionaler Höhepunkt.

Benjamin Gibbard von Death Cab for Cutie

Benjamin Gibbard, Sänger von Death Cab for Cutie, begeisterte das Publikum in Hamburg

Picture Alliance

Benjamin Gibbard schwitzt – und schwitzt und schwitzt. So sehr, dass der Schweiß in alle Richtungen spritzt. Der Sänger von Death Cab for Cutie ist für seine übermäßigen Körperausdünstungen bekannt. Die Band nimmt deshalb stets mehr Gitarren als normalerweise notwendig mit auf Tour, da es – wie Gibbard mal erzählte – schon mal vorkommen kann, dass sein Schweiß die Elektronik des Instruments mitten im Konzert beschädigt. Auf der Bühne zu stehen, ist für die Indie-Rock-Gruppe Höchstleistungssport.

Aktuell sind Death Cab for Cutie wieder in Deutschland zu sehen. Als "euphorischen Rock mit traurigen Texten" beschreibt Sänger Gibbard den Stil der Band aus Seattle gern. Die Gruppe gibt es bereits seit 1998, bekannt wurden sie 2003 durch ihr Album "Transatlanticism". Seitdem sind Death Cab for Cutie so etwas wie die Leib- und Magen-Band von Indie-Jungs und -Mädchen, die das Leben besonders intensiv feiern und besonders intensiv daran leiden. Musik, die man bei Kerzenschein, einer Flasche Wein und mit einem Menschen seiner Wahl hört – beziehungsweise, da dieser Mensch dann meistens fehlt, mit einer zweiten Flasche Wein.

Death Cab for Cutie in Hamburg: Balladen und Rockbretter

In Hamburg absolvieren Death Cab den letzten von drei Deutschland-Stopps der Tour zum neuen Album "Thank You Today". Beim Auftritt in der ausverkauften Großen Freiheit 36 muss es schnell gehen. Bereits um 19.45 Uhr – eine Zeit, zu der die Reeperbahn gerade erst erwacht – beginnt das Konzert. Da warten einige Fans noch draußen am Einlass, aber schon um 23 Uhr soll in dem Club eine 2000er-Party steigen. Das wirkt zunächst etwas gehetzt, Death Cab for Cutie funktioniert aber zu jeder Uhrzeit. Gibbard und seine vier Kollegen eröffnen mit "I Dreamt We Spoke Again", dem Opener der neuen Platte, und schon nach wenigen Songs haben sie das Publikum in ihre ganz eigene Zwischenwelt entführt.

Die ersten Stücke liefern Death Cab noch in relativ steriler CD-Qualität ab, dann wird mehr improvisiert. Manchmal wechselt Gibbard in einem Song zwischen Keyboard und Gitarre. Auf getragene Balladen folgen wieder Rockbretter – das sind dann die Momente, in denen der Schweiß spritzt. Bei "60 & Punk", einem noch relativ unbekannten Lied vom letzten Album, legt Gibbard sogar die Gitarre zur Seite und singt allein vorn an der Bühne. "What Sarah Said" entfaltet live noch mal mehr von seiner unendlichen Traurigkeit und Dramatik, die einen auseinanderzureißen droht. Und "I Will Possess Your Heart" baut mit seinem fast fünf Minuten langen Intro ein Versprechen auf, das sich im modernen Pop so kaum noch jemand zu geben traut, das Death Cab aber mit ihrer ersten Zeile sofort einlösen: "How I wish you could see the potential, the potential of you and me".

Die schönen und nicht so schönen Seiten des Lebens – aber meistens die nicht so schönen

Das alles geht den bereits genannten Indie-Jungs und -Mädchen, von denen die meisten nun doch schon ein gutes Stück über 30 sind, sehr zu Herzen. Mit den mittlerweile sechs Studioalben haben Death Cab schon für viele dieser Leben den Soundtrack geliefert, mit Liedern über die schönen und nicht die nicht so schönen Seiten – meistens aber die nicht so schönen. In Benjamin Gibbards Songs geht es um Liebe, Enttäuschungen, Trennungen, Schmerz, Sehnsucht und Selbstzweifel.

Natürlich, man kann den Menschen nur bis vor die Stirn schauen, aber die vielen Leute, die sich mal mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht und mal mit geschlossenen Augen zu der Musik hin- und herwiegen – das sind wahrscheinlich jene, für die Death Cab for Cutie mehr als eine Band ist. Irgendein Album oder zumindest zwei, drei Songs hat jeder, die ihn an bestimmte Situationen in seinem Leben erinnern. Oder eben einen Menschen.

Zur ersten Zugabe kommt Benjamin Gibbard alleine heraus, nur mit Akustikgitarre, seiner Stimme und "I Will Follow You Into The Dark", einem der prominentesten Songs der Band. Die Fans singen beinahe andächtig leise mit, ein elektrisierender Moment. Und zum Schluss bei "Transatlanticism" wiederholen noch mal alle immer und immer wieder die so typische Death-Cab-Zeile: "I need you so much closer, I need you so much closer." Wer da an niemanden gedacht hat, ist entweder zu beneiden oder hat kein Herz.

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