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Social-Media-Trend: Wie Cat-Content das Internet eroberte

Sie überfluten unsere Facebook-Startseiten und fahren Millionen Klicks ein: lustige Tiervideos. Doch woher kommt unsere Abhängigkeit vom Flauschfaktor und was kann das für Folgen haben?

Von Anne Richter

Grumpy Cat und andere lustige Katzen zeigen Mimik.

Warum so mies gelaunt? Grumpy Cat bringt uns immer wieder zum Lachen mit seinem Resting-Bitch-Face.

Katzen, die panisch vor Gurken flüchten, Trendsetter, die sich ihr Haustier beim "Cat Bearding" als Bart vor ihr Gesicht halten, schielende Opossums und T-Shirt tragende Chihuahuas. Nur einmal Facebook, Instagram oder Co. geöffnet – und lustige Tiervideos überfluten uns. Auch bei Jodel, der Community für Studenten, wie sie sich selbst nennt, ergattern vor allem Fotos mit Gadsen, das ist Jodel-Sprache für Katzen, und Bellgadsen, Jodel-Sprache für Hund, die meisten Upvotes. Wir sind abhängig geworden vom Flauschfaktor und können nicht genug bekommen. 

Woher kommt diese Abhängigkeit vom Flauschfaktor?

Wie schon der österreichische Zoologe und Verhaltensforscher Konrad Lorenz bei der Beobachtung von verschiedenen Tierbabys herausfand, kann man unsere Obsession sogar erklären. "Kindchenschema" ist das Schlagwort. Wir fahren besonders auf Tierbabys ab, da ihr rundlicher Kopf mit den großen Augen, der hohen Stirn und den Pausbacken in uns den Beschützerinstinkt aktiviert. Für den Nachwuchs ist dies von großer evolutionsbiologischer Bedeutung, da er uns seine Schutzbedürftigkeit vermittelt. Je ähnlicher die Sprösslinge uns sind, desto mehr tritt der Effekt ein. 

Außerdem rufe das Kindchenschema laut Bild bei uns ähnliche Glücksgefühle wie beim Konsum von Kokain hervor. Bei Frauen zwischen 19 und 26 Jahren soll die Wirkung zwar am größten sein, jedoch haben laut einer Studie, die 2014 im "Frontiers of Psychology" erschien, bereits Kinder ab drei Jahren eine besondere Vorliebe für kleinere Lebewesen.

Besonders zu Katzen fühlt sich der Mensch mindestens seit dem alten Ägypten hingezogen. Und unter uns gesagt: Völlig nachvollziehbar! Manche Katzenvideos wirken tiefenentspannend, ja fast meditativ - und lustig sind sie obendrein.

Okay, und wann hat dieser Hype angefangen?

Das Phänomen ist so alt wie das Internet, in manchen Fällen sogar noch älter: Die berühmte Keyboard-Katze etwa haute bereits 1984 in die Tasten. Im Jahr 2005 etablierte sich der Trend der sogenannten Lolcats auf mehreren Seiten. Das sind Katzen-Memes mit Bildunterschriften in der sogenannten Lolspeak, Englisch in einer Art Kindersprache mit vielen Rechtschreib- und Grammatikfehlern. Was zunächst klein begann, entwickelte sich sehr schnell zu einem richtigen Hype. Heute hat Lolcats eine eigene Internetseite, auf der Community-Mitglieder ihre eigenen Kreationen teilen können. Die Szene hat sogar richtige Stars hervorgebracht - mit eigenen Facebook-Fanpages, Instagram-Accounts und Millionen Followern. Die bekanntesten unter ihnen sind Grumpy Cat, Boo und Lil Bub.

Ein Trend, der Gefahren birgt

Wie die meisten Hypes, hat auch dieser seine Schattenseiten. Wie die Süddeutsche berichtet, ging 2009 ein Video von Plumplori Sonya, einem Primatenweibchen, steil und entfachte damit einen Ansturm auf die eigentlich in den Regenwäldern Asiens heimischen Tiere mit den großen Augen und dem treuen Blick. Tausende Zuschauer wünschten sich damals ein Plumplori für zu Hause. Der Handel mit den Primaten ist zwar illegal, die Kontrollen aber ganz offensichtlich nicht besonders streng. Viele landeten bei unqualifizierten Haltern, die die Tiere nicht artgerecht füttern und sie so verfetten lassen.

Auch andere Videotrends werden oft in ihren Auswirkungen für die Tiere unterschätzt. Beispielsweise scheint es zwar harmlos und wirkt ziemlich witzig, wenn eine Katze Angst vor einer Gurke hat. Geschieht dies aber beispielsweise in der Nähe des Futterplatzes, kann das zu anhaltender Panik und im schlimmsten Fall zu einer Essstörung führen.

Die traurige Geschichte eines Baby-Delfins zeigte im Sommer 2017 ebenfalls, wie solche Trends den Tieren schaden können. Damals strandete der kleine Meeressäuger ohne seine Mutter an einer stark besuchten spanischen Küste. Touristen umzingelten und streichelten ihn und machten, unbekümmert vom Leiden des Jungtieres, Selfies und Videos. Das Delfin-Baby erlitt einen Schock und starb an Herzversagen.

Perspektiven des Trends

Solche Vorfälle sind aber natürlich Extrembeispiele. Geht es um Tiere, die vom Aussterben bedroht sind, oder das Überleben einer Art, hört jeder Spaß auf. Streng genommen widersprechen sie sogar den oben erwähnten Studien, schließlich finden wir von Natur aus Tiere und besonders ihren Nachwuchs süß. Wir verspüren das Bedürfnis, uns um sie zu kümmern, sie zu beschützen und vielleicht über sie zu lachen – aber nicht, ihnen zu schaden.

Deswegen: Gönnt euch weiterhin nach der Arbeit oder in der Mittagspause Videos von flauschigen Vierbeinern zur Entspannung! Und diejenigen unter euch, die selber ein Haustier haben: Bitte hört nicht auf, ihre trotteligen Patzer mit uns zu teilen!

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