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Deutschlandtournee: Comedian Abdelkarim: "Manchmal löse ich Panikattacken aus"

Bevor es für Comedian Abdelkarim wieder auf Deutschlandtournee geht, nahm er sich noch einen kurzen Moment Zeit, um mit NEON über Rassismus, Internet-Hater und Parallelwelten zu sprechen.

Abdelkarim ist der lustige Mann mit der Lederjacke, der sich selbst als "Deutscher, gefangen im Körper eines Grabschers" beschreibt. Gerade haben er und das Team von RTL2 den deutschen Fernsehpreis für das Politik-Format "Endlich Klartext!" bekommen, in dem Abdelkarim mit Politikern zu den Menschen fuhr, die deren Wahlprogramm tatsächlich beeinflussen würde.

Ab dem 25. Februar ist er mit seinem Programm "Staatsfreund Nr.1" auf Deutschlandtournee. Und es wird ohne Frage wieder Stand-Up Comedy mit genau so viel Herz wie Biss werden. 

Mit NEON sprach Abdelkarim, 36, über Rassismus, Diskussionskultur in Zeiten von AfD und Facebook und darüber, was er mit Hate-Kommentaren macht.

NEON: Dein Gesicht ist in Deutschland inzwischen ziemlich bekannt. Wirst du als Deutscher mit marokkanischen Wurzeln trotzdem noch Opfer von ?

Abdelkarim: Es kommt immer mal vor, dass ich der ein oder anderen Panikattacke begegne. Einmal hat mich eine ältere Dame im Zug gesehen und innerhalb von drei Sekunden hat sie den Trageriemen ihrer Tasche acht Mal um ihr Handgelenk gewickelt. Die Schnelligkeit hat mich schon beeindruckt. Bei 80 Millionen Einwohnern gibt es natürlich einige, die mich nicht kennen. Und wenn mich mal jemand erkennt, weiß er oft nicht woher. Mich hat mal in München ein Polizist ein, zwei Minuten von der Seite angeschaut. Dann kam er zu mir und sagte: "Ich war mir jetzt nicht sicher: Kenne ich Sie aus dem Fernsehen, oder haben wir schon beruflich miteinander zu tun gehabt?"

Nicht nur im Fernsehen, sondern auch live kann man dich sehen. Worum geht es in deinem aktuellen Bühnenprogramm?

Um mich, mein Leben, aber nicht nur, was ich erlebe, sondern alles, was ich in den Nachrichten mitbekomme, oder von Freunden höre. Es geht quasi um alles aus dem Leben eines Parallelweltlers.

Wieso Parallelwelt?

 besteht ja aus zigtausend verschiedenen Parallelwelten und in meinem Fall ist das die muslimisch südländisch geprägte Parallelwelt. Hoher Migrantenanteil und sehr wenig Kontakt zu Urdeutschen.

War das in deiner Heimat   so doll?

Auf jeden Fall. Wir haben das als   normal gefunden, weil wir von Anfang an so aufgewachsen sind. Urdeutsche waren für uns immer die Lehrer. Aber keine Panik, mittlerweile habe ich den Kontakt zu Urdeutschen nachgeholt.

Der Rechtsruck in Deutschland ist spürbar. Hast du das Gefühl, dass die Vorurteile schlimmer werden?

Schlimmer als wann?

Viele nehmen 2001 als den Punkt, an dem die Islam-Anfeindungen ausgeartet sind.

2001 gilt auf jeden Fall als das Datum schlechthin, aber Rassismus gab es schon immer. Zum Beispiel war da der rassistisch motivierte Brandanschlag in Solingen 1993. Mein persönlicher Eindruck ist, dass durch die AFD und durch das Internet alles ein bisschen asozialer geworden ist. Einige Leute nehmen sich keine Zeit mehr, sondern hauen Sachen einfach so raus. Es muss nicht mehr sachlich argumentiert werden, wenn man dafür laut genug schreit. Political Correctness war gestern, jetzt geht es um Pseudo-Tacheles-Reden und Anecken um jeden Preis. Das findet man auf allen Seiten, nicht nur bei blonden Menschen. Der Ton wird rauer. Natürlich trifft das zum Glück nur auf eine Minderheit zu. Das Problem ist aber leider, dass diese laute und aggressive Minderheit mehr auffällt als diejenigen, die sachlich und ohne Ausrufezeichen diskutieren wollen.

Bekommst du persönlich viele negative Nachrichten?

Negative zum Glück wenig. Ich hab jetzt insgesamt vielleicht drei Privatnachrichten bekommen. Negative öffentliche Kommentare kommen dagegen immer mal vor. Da stehen dann Sachen wie "Was willst du hier?", "Geh mal in dein Land zurück!" oder "Nimm doch selber Flüchtlinge auf!". Man darf diesen ganzen aggressiven Menschen nicht zu viel Raum geben. Sonst glaubt man am Ende, alle Menschen seien so. Ich hab einen Freund, der diskutiert auf Facebook total gerne mit Leuten, die so Sachen schreiben. Das ist ja nett gemeint und sehr bollywoodmäßig, aber das führt zu nix. Spätestens nach der dritten Antwort, die immer noch auf dem "Geh in dein Land!"- Level ist, sollte man wissen: Der andere ist gar nicht daran interessiert, irgendetwas zu erfahren, sondern der will nur irgendwelche Beleidigungen raushauen.

Abdelkarim: Staatsfreund Nr.1

Mit dem neuen Programm "Staatsfreund Nr. 1" tourt Abdelkarim ab dem 25. Februar durch Deutschland

Finden deine Eltern dein Programm witzig?

Meine Eltern sind sehr entspannt. Das Programm wird nicht Castingshow-mäßig von ihnen bewertet. Ich mache mir aber auch keine Gedanken darüber, ob meine Eltern mich lustig finden, oder ob ich mich geil finde.

So lange die Leute lachen ist alles in Ordnung?

Ich mache mir darüber einfach keine Gedanken. Und meine Eltern sind wie gesagt sehr entspannt. Die würden nie sagen "Hey, du bist voll der geile Typ. Voll der Lustige. Du haust aber auch Sachen raus!"

Naja, es könnte ja sein, dass die nicht so lustig finden, dass du Stereotypen noch weiter ausschlachtest.

Ich erzähle meine Geschichten, aber ich erzähle nie, wie ich meine Geschichten und Comedy meine. Ich überlasse das den Zuschauern. Die Gefahr, Stereotype auszuschlachten, ist bei "Ethno-Comedy" immer dabei. Dass man sagt, ich will der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten, aber eigentlich werden Vorurteile einfach nur bedient und bestätigt. Das ist dann Aufgabe des Menschen auf der Bühne, mit dieser Gefahr angemessen umzugehen. Aber wenn meine Eltern irgendwann ein Problem damit hätten, oder Punkte kritisch sehen würden, dann würden sie mir das wahrscheinlich auch sagen.

Hättest du damals, als Bielefelder Teenie in der "Parallelwelt" gedacht, dass du mal den deutschen Fernsehpreis gewinnst?

Natürlich nicht. Ich hab noch nie an irgendwelche Preise gedacht. Ich hab schon in der Schule, als ich noch gar nicht wusste, dass es den Comedy-Beruf gibt, lustige Geschichten erzählt – oder versucht, lustig zu sein. Irgendwie den Alltag zu verarbeiten, indem man alles ins Lächerliche zieht. Man kann Comedian werden und dann das Lustigsein trainieren, oder – so ist es bei den meisten Comedians, die ich kenne – die typische Klassenclown-Karriere hinter sich bringen. Ich war also als Kind lustig und bin deswegen Comedian geworden.

Bevor du Comedian wurdest, hast du Jura studiert. Hast du das Studium eigentlich abgeschlossen?

Leider nicht. Das ist schon schade. Ich hab kurz vor dem Examen aufgehört, was das Ganze noch tragischer macht.

Machst du dir Sorgen darum, dass die Leute dich irgendwann nicht mehr lustig finden und du dann keinen Abschluss hast?

Nein. Darum mache ich mir gar keine Sorgen, weil es generell keine sicheren Berufe gibt. Ein Jura-Professor hat mir mal gesagt: "Es gibt mehr gute Juristen als gute Comedians." Jurist ist schon ein harter Beruf. Es gibt zigtausende und alle wollen die Welt retten.

Für wen ist deine Bühnenshow "Staatsfreund Nr.1" gedacht?

Boah, Selbstmarketing, wie ich das liebe. Ich erzähle, wie gesagt, aus dem Leben eines Parallelweltlers. Was passiert, wenn unterschiedlichste Menschen ungewollt aufeinander treffen und dann miteinander reden müssen? Der unberechenbare Alltag ist quasi mein roter Faden. Und es ist immer wieder schön zu sehen, dass die verschiedensten Menschen von jung bis alt und von hellweiß bis dunkelschwarz in mein Programm kommen, sich selber nicht zu ernst nehmen und gemeinsam lachen.

Trägst du eigentlich immer die gleiche Lederjacke?

Das wäre ja ekelhaft. Ich hab eine, die ich nur beim Soloprogramm trage. Die wird alle paar Monate gewaschen. Nach dem Auftritt mache ich mich frisch, gehe raus zu den Zuschauern und habe da eine andere Jacke. Reden auf der Bühne ist jetzt nicht so anstrengend, aber nach 90 Minuten mit dem ganzen Bühnenlicht, das da auf einen raufknallt, kommt man schon ein wenig ins Schwitzen.

Hast du die privat auch schon immer getragen?

Ja. Das ist das Schöne an Stand-Up Comedy: Man muss sich nicht verkleiden.