HOME
Meinung

Penetrantes Fansein: Ich bin Udo-Lindenberg-Fan - und stolz darauf

Nass geschwitztes T-Shirt, eine kratzige Stimme vom Mitsingen und ein vor Freude stolperndes Herz. Unsere Autorin ist leidenschaftlicher Udo-Lindenberg-Fan. So peinlich das Fansein auch ist, Konsequenzen zieht sie daraus nicht – und ist damit umso cooler.

Von Lena Steeg

Fans jubeln

Wer sich über die Peinlichkeit des Fanseins bewusst ist und trotzdem weitermacht, wächst damit über sich selbst hinaus.

Picture Alliance

Neulich stand ich in einem nass geschwitzten T-Shirt zwischen lauter über fünfzigjährigen Männern im schulaulagroßen Saal des Maritim Hotels Timmendorf und schrie, so laut ich konnte: "Ihr Herz ist aus’m Rhythmus, seien Sie nicht geschockt / Meine Diagnose: Sie sind völlig unterrockt / Bleiben Sie ganz locker, ich reparier das schon / Bitte, Schwester Christa, die Panikinfusion!"

Hotelzimmer, Lederjacken und Fanshirts

Was war passiert? Och, eigentlich gar nicht so viel. Ich war auf einem - meine Freunde, Kollegen und Familienmitglieder sprechen jetzt augenverdrehend im Chor mit -  Udo-Lindenberg-Konzert und also ganz planmäßig für zwei Stunden außer Rand und Band.

Es war nicht das letzte Konzert dieser Tour, das ich besuchte, nach den Proben an der Ostsee ging es weiter nach Gelsenkirchen, später zum Abschlusskonzert in Leipzig. Ich buchte Bahnfahrten und Hotelzimmer, schleppte Rockinsignien wie Lederjacke und Fanshirts durch die Republik und kämpfte an den Folgetagen mit Muskelkater, Heiserkeit und dem Spott der Menschen, denen ich via Facebook, Instagram und WhatsApp von meinen Fantourreisen berichtete.

Die Penetranz des Fans ist unausstehlich

Natürlich hatten sie recht. Die Penetranz des Fans ist unausstehlich. Aber sie ist leider nicht verhandelbar nicht einmal für ihn selbst. Der Fan nimmt in Kauf, nervtötend, nicht würdevoll, auf keinen Fall lässig zu sein. Er fiebert neunzig Minuten lang einem Ball hinterher, er stellt sich mit zittrigen Händen in die Signierschlange seiner Lieblingsautorin, er friert hinter dem Absperrband eines roten Teppichs, Himmelherrgott, er weiß, wie bescheuert er aussieht, wenn er sich am Ende eines Konzerts freudentränenweinend im Arm irgendeines fremden Holgers wiederfindet! Und doch ist genau diese Selbstvergessenheit, so ästhetisch fragwürdig sie auch sein mag, die schönste Facette des Fanseins. Weil der Fan es ernst meint.

Kurz vor dem Timmendorf-Konzert hatte in einer Literatursendung der Autor Maxim Biller gesagt, er verstehe nicht, wieso Menschen heutzutage noch Helden hätten. Sie würden sich damit doch selbst kleinmachen. Ich hatte in der Nacht nach der Ausstrahlung nur unruhig schlafen können und dem mir persönlich unbekannten Biller kurz darauf eine Facebook-Nachricht geschrieben, in der ich ihm erklärte, welchem großen Missverständnis er aufsitze. Wer sich vor dem Werk eines anderen verbeugt, macht sich nicht klein, im Gegenteil. Wer schwärmen kann und laut lieben, liegt vielleicht hin und wieder in der Sache, nie aber im Gefühl daneben.

Wieso haben Menschen noch Helden?

Biller hat nie geantwortet. Und zur Hälfte hatte er ja auch recht. Fansein ist peinlich. Das zu wissen und keine Konsequenz daraus zu ziehen, ist cool.

Dieser Artikel ist erstmals in der NEON Ausgabe 10/2016 erschienen.

Alkohol: So kämpfen die Schlagerfans gegen den Kater