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Meinung

"New York Times"-Artikel: Schornsteinfeger-Szene: Professor erhebt Blackface-Vorwürfe gegen "Mary Poppins"

Es ist eine der bekanntesten Szenen aus "Mary Poppins" mit Julie Andrews von 1964: Mary, die Kinder und die Schornsteinfeger tanzen auf den Dächern Londons. Ein US-Professor wirft dem Film nun Rassismus vor – wegen ihrer geschwärzten Gesichter.

Dick van Dyke und Julie Andrews in "Mary Poppins"

Dick van Dyke und Julie Andrews in "Mary Poppins". Van Dyke spielt Bert, der unter anderem als Schornsteinfeger arbeitet und Mary und die Kinder mit auf die Dächer Londons nimmt.

Picture Alliance

Immer häufiger gibt es in letzter Zeit Fälle von Blackface, die es tatsächlich sogar in die Nachrichten schaffen. College-Studenten, die es für eine super Idee halten, sich das Gesicht mit Schuhcreme oder sonstigem einzuschmieren und als Maya Angelou oder Uzo Adubas Charakter Crazy Eyes aus der Hit-Serie "Orange Is The New Black" verkleidet auf irgendwelchen Partys auftauchen.

Dass das problematisch und nicht in Ordnung ist: keine Frage. Abgesehen davon, dass Blackface als Mittel begann, mit dem sich Comedians vor 200 Jahren in ihren Shows über Sklaven lustig machten, ist Hautfarbe kein Kostüm. Genau wie die Nutzung von traditioneller Kleidung der nordamerikanischen Ureinwohner als Kostüm überdacht werden sollte. 

Aber in der "New York Times" erschien nun ein Artikel, bei dem wir mal ganz kurz auf die Bremse treten wollen. Er heißt: "Mary Poppins und das schamlose Kokettieren einer Nanny mit Blackface". Gemeint ist die Szene, in der Mary, gespielt von Julie Andrews, gemeinsam mit Bert (Dick van Dyke) und den Kindern über die Dächer von London tanzt. Nachdem sie sich von ihrem magischen Regenschirm durch den Schornstein hat nach oben ziehen lassen, ist Mary voll Ruß. Sowohl im Gesicht als auch auf den Klamotten. Sie versucht diesen mit Puder zu überdecken, macht es aber nur schlimmer – natürlich.

Hier sieht Professor Daniel Pollack-Pelzner Grund zur Annahme, dass der Film mit Blackface kokettiert, da sie den Ruß in ihrem Gesicht verteile, anstatt ihn wegzuwischen. Dass dazu Feuchttücher nötig wären, die die meisten von uns nicht einfach so mit sich rumschleppen, scheint nicht weiter zu interessieren.

Pollack-Pelzner bezieht sich in seiner Begründung vor allem auf die "Mary Poppins"-Bücher

Es sollte hierbei festgehalten werden, dass sich der Professor bei seinen Anschuldigungen auch auf die Original-Bücher von P.L. Travers beruft. Er schreibt: "Die Szene mag harmlos wirken, wenn die Bücher die schwarzen Gesichter der Schornsteinfeger nicht mit rassistischer Karikatur assoziieren würden. 'Fass mich nicht an, du schwarzer Heide', schreit eine Hausangestellte in 'Mary Poppins öffnet die Tür' von 1943, als ein Schornsteinfeger die Hand nach ihr ausstreckt. Und als er versucht, auf die Köchin zuzugehen, ruft sie: 'Wenn dieser Hottentotte in den Schornstein geht, gehe ich durch die Tür.'" Tatsächlich ist Hottentotte ein rassistischer Begriff, der ursprünglich für bestimmte Stämme in Südafrika genutzt wurde. Im achtzehnten Jahrhundert hatte er sich außerdem als generalisierter Begriff für eine wilde Meute etabliert, der so viel wie 'barbarisch' oder 'kannibalisch' bedeuten sollte. Die Nutzung beispielsweise dieses Begriffes würde belegen, dass auch das schwarze Gesicht der Schornsteinfeger und ihrer Besucher rassistisch sei. Aber … die sind doch SCHORNSTEINFEGER! Die hängen in Schornsteinen ab! Mit Ruß! Die sind einfach schmuddelig!

Als weiteren Beweis führt Pollack-Pelzner an, dass eine rechtsnationale Website die Szene als Beweis für "Rassenhierarchien" im Film aufführen würde. Aber auch hier wäre es nicht das erste Mal, dass rechte Dumpfbacken Dinge aus dem Kontext reißen, um sie in ihre rechten Dumpfbackenschubladen pressen zu können und den Anschein zu erwecken, dass ihnen irgendjemand zustimmt.

Die Diskussion um rassistische Begrifflichkeiten in (Kinder-)Büchern und besonders solchen, die sich heute immer noch großer Beliebtheit erfreuen, ist nicht neu. Kurz vor seinem Tod hatte Ottfried Preußler beispielsweise zugestimmt, das N-Wort aus seinem Werk "Die kleine Hexe" streichen zu lassen. "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" hingegen, wird Michael Endes Wortwahl von 1960 so beibehalten, vor allem, so der Verlag, weil Ende, der 1995 verstarb, einer Änderung nicht mehr zustimmen könne.

Es gibt gute Argumente dafür, gewisse Begriffe aus Kinderbüchern zu streichen

Natürlich sollten wir ein klares Interesse daran haben, rassistische Begriffe wie diese über kurz oder lang (aber eher kurz) komplett aus dem Sprachgebrauch zu verbannen. Von daher gibt es gute Argumente dafür, sie aus Kinderbüchern zu streichen und durch angebrachtere Begriffe zu ersetzen, damit die kommenden Generationen gar nicht erst mit ihnen in Berührung kommen und sie in ihren eigenen Sprachschatz übernehmen. Gleichzeitig entspringt ihr Vorkommen in Büchern, die inzwischen viele Jahrzehnte auf dem Buckel haben, aber auch der Tatsache, dass politische Korrektheit und ein Bewusstsein für die gesellschaftliche Auswirkung von Sprache, wie wir es heute haben, damals nicht in diesem Maße vorhanden war. Was diese auch zu einem historischen Artefakt ihrer Zeit macht.

So spricht sich Ende in "Jim Knopf" klar gegen Fremdenfeindlichkeit aus, lässt durch den Scheinriesen Tur Tur vermitteln: "Eine Menge Menschen haben doch irgendwelche besonderen Eigenschaften. Herr Knopf, zum Beispiel, hat eine schwarze Haut. So ist er von Natur aus und dabei ist weiter nichts Seltsames, nicht wahr? Warum soll man nicht schwarz sein? Aber so denken leider die meisten Leute nicht. Wenn sie selber zum Beispiel weiß sind, dann sind sie überzeugt, nur ihre Farbe wäre richtig und haben etwas dagegen, wenn jemand schwarz ist. So unvernünftig sind die Menschen bedauerlicherweise oft." Und doch nutzt er in seinem Buch ein Wort, welches wir heute als schwer rassistisch empfinden, welches aber erst in den 1980er Jahren gesellschaftlich diskutiert und schließlich als wertend eingestuft wurde.

Ein Schornsteinfeger ist ein Schornsteinfeger – nicht Blackface

Worauf all das hier hinaus soll: Ja, P.L. Travers nutzte in den "Mary Poppins"-Büchern das Wort "Hottentotten". Nein, das ist nicht schön und sollte man spätestens heutzutage dringend unterlassen. Ja, man kann darüber diskutieren, ob es auch hier Anpassungen (zumindest in den Vorlesebüchern für Kinder) geben sollte. Aber nein, das bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein ein Film, in dem Schornsteinfeger eine große Rolle spielen, deshalb mit "Blackface kokettiert". Nochmal: SCHORNSTEINFEGER! Ich weiß ja nicht, wie  Professor Pollack-Pelzner durch einen Schornstein zu kraxeln gedenkt, aber für gewöhnlich wird man dabei schmutzig. 

Auch in den sozialen Medien stieß der Professor, dessen Spezialgebiet Shakespearsche Literatur ist, übrigens auf viel Widerspruch. Eine Userin schreibt beispielsweise: "Anstatt echtes Blackface zu bekämpfen, haben Sie sich dafür entschieden, es dort zu sehen, wo es nichts zu sehen gibt und damit die tatsächlich nötige Diskussion zu erschweren. Danke dafür."

 

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