HOME

Alltagsrassismus: "Es ist nicht die Aufgabe von diskriminierten Menschen, Rassisten aufzuklären"

Alltagsrassismus ist ein viel größeres Problem, als wir uns gerne eingestehen möchten. Das erfährt auch Anna aus Berlin immer wieder. Als sie eine solche Situation auf Twitter teilt, entbrennt eine hitzige Diskussion. Mit NEON spricht sie über Ignoranz und Lösungsansätze.

Eigentlich wollte Anna Dushime aus Berlin die Mittagspause nur nutzen, um sich bei einer Kosmetikerin die Wimpern machen zu lassen. Doch die Unterhaltung die sie mit der Dame führte, die sich im Studio der Aufgabe angenommen hatte, verlief zunächst mal in eine ganz andere Richtung. Ein Tweet, in dem sie diese mit der Außenwelt teilte, trat schließlich eine Unterhaltung los, von der wir eigentlich gehofft hatten, dass sie nicht mehr geführt werden muss. 

"Mittagspause bei der Kosmetikerin", schreibt Anna auf der Social-Media-Plattform,
"Sie: Wo kommst du her? Du bist so dunkel – wie Schokolade!
Ich: Bea, das sagt man nicht.
Sie: Wieso? Ist doch süß.
Ich: Naja, Menschen mit Lebensmitteln zu vergleichen, ist nicht optimal. Ich sag ja auch nicht, dass du aussiehst wie Blumenkohl."

Auf Twitter entbricht eine Diskussion über Alltagsrassismus. Bea habe das ganze doch nur nett gemeint, schreiben einige. Aber wie hieß es schon im römischen Recht so schön? "Ignorantia legis non excusat" – "Unwissenheit schützt vor Strafe nicht". Denn auch wenn das Gegenüber keinerlei böse Hintergedanken hat, wenn sie Anna mit Schokolade vergleicht, so ist und bleibt das, was sie da sagt, Rassismus.

"Menschen, die der Mehrheit angehören, denken nie oder selten über ihre Privilegien nach"

Und es ist lange kein Einzelfall. Im Schnitt werde sie mehrmals im Monat mit solchen Aussagen konfrontiert, sagt Anna NEON: "Manchmal passiert jede Woche etwas und manchmal einen ganzen Monat lang nichts." Böswillige Intentionen will sie dabei gar nicht immer unterstellen, meinte die junge Frau, sie glaube einfach, "dass Menschen, die der Mehrheit angehören, nie oder selten über ihre Privilegien nachdenken und einfach ignorant sind. So wie es zum Beispiel sein kann, dass ich als heterosexuelle Frau oder als Mensch ohne Behinderung über gewisse Dinge nicht nachdenke und aus Ignoranz heraus diskriminierende Dinge sagen könnte."

Das sei aber natürlich keine Entschuldigung. Stattdessen sei es "unsere Verantwortung, uns über gewisse Dinge zu informieren und selbst zu educaten. Zumindest in der Gesellschaft, in der ich leben will." Erschreckt euch bitte nicht, das laute Klatschen und die Jubelschreie, die ihr da im Hintergrund hört, sind wir. 

An einige Dinge und Situationen habe Anna sich in 20 Jahren Deutschland inzwischen gewöhnt, sagt sie, aber manches würde ihr trotzdem weh tun: "Für mich ist Berlin und Deutschland auch meine Heimat und es tut weh, wenn Menschen mir mit ihren Aussagen das Gefühl geben, dass ich nicht hierhin gehöre. Ich lasse mich nicht einschüchtern oder vertreiben. Ich gehöre hierhin – ob das ein paar Rassisten wahrhaben wollen oder nicht." Zu der Angst geselle sich dann außerdem Wut, Frustration und auch Angst davor, in welche Richtung sich das Land gerade in politischer Hinsicht mit dem Einzug der AfD in den Bundestag und die Landtage entwickle: "Es ist manchmal erschreckend, zu sehen, wie salonfähig Rassismus und anderes diskriminierendes Verhalten geworden ist."

Neue Astra-Werbung polarisiert - das sagen die Twitter-User

Alltagsrassismus: "Es ist nicht die Aufgabe von diskriminierten Menschen, Rassisten aufzuklären"

Rassismus sei ein "strukturelles Problem, das tief in unserer Gesellschaft verankert ist", meint Anna: "Manchmal zweifle ich daran, ob wirklich ein aufrichtiges Interesse daran besteht, dieses Problem zu lösen, oder ob zu viele Menschen von rassistischen Strukturen profitieren." Um die Strukturen aufzubrechen, müssten wir zunächst einmal damit anfangen, uns gegenseitig besser zuzuhören: "Vor allem vielfach Privilegierte müssen ganz genau hinhören und nicht alles ablehnen, weil es ihnen wehtut als Rassisten bezeichnet zu werden – wenn sie sich rassistisch verhalten. Wenn diskriminierte Menschen von ihren Erfahrungen berichten, wird oft so getan, als handle es sich um Ausnahmen. Erst wenn zugehört wird, dann ein Eingeständnis folgt, dass es ein Problem ist, das wir lösen wollen, kann überhaupt irgendwas passieren."

Nachdem ihr Tweet zahlreich geteilt und sehr meinungsstark – in alle Richtungen – kommentiert wurde, fügte Anna noch hinzu: "Weil alle fragen (es hat keiner gefragt): Bea hat sich aufrichtig entschuldigt und wir haben kurz darüber gesprochen. Dann hat sie mir sehr schöne Wimpern gemacht und wir sehen uns in 3 Wochen wieder."

"Im Fall meiner Kosmetikerin hat ein einfaches Gespräch geholfen", sagt Anna. "Aber für vielfach diskriminierte Menschen sind solche Gespräche unfassbar nervig und anstrengend, weil sie so oft geführt werden und die Verantwortung verschieben. Es ist nicht die Aufgabe von diskriminierten Menschen, Rassisten aufzuklären. Es ist die Aufgabe von Rassisten – sofern sie keine sein wollen –, sich selbst zu bilden und aufzuklären."   

Wie gesagt, erschreckt euch nicht. Wir stimmen gerade nur ekstatisch zu.

Jugendliche Trump-Anhänger stören eine Kundgebung von amerikanischen Ureinwohnern