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Shitstorm Bayern3 demonstriert, wie viele Menschen nicht verstanden haben, was Alltagsrassismus bedeutet

Die südkoreanische Boygroup BTS
BTS ist eine der erfolgreichsten K-Pop-Gruppen
© Hahn Lionel/ABACA / Picture Alliance
Eine Boyband aus Asien mit dem Coronavirus zu vergleichen, ist keine Meinung. Es ist Rassismus. Aber man muss nicht unbedingt Rassist*in sein, um rassistische Aussagen zu verbreiten.

Antirassistisches Denken zu lernen, ist nicht einfach. Sich mit eigenen Fehlern auseinanderzusetzen, ist nicht einfach. Zu verstehen, dass man kein*e Rassist*in sein muss, um etwas Rassistisches zu sagen, ist verdammt schwer. Wie viele Menschen genau diese Gedanken, die Anti-Rassismus-Beauftragte und viele, viele Leidtragende seit zu vielen Jahren predigen, noch nicht verinnerlicht haben, das zeigt die Entschuldigung des Radiosenders Bayern3 für die rassistischen Äußerungen seines Moderators. Denn die ist, salopp gesagt, armselig.

Was war passiert?

Der Bayern3-Moderator Matthias Matuschik machte am Donnerstagabend in einer Livesendung seiner Wut Luft, weil die Band BTS es "gewagt" hatte, "Fix You" von Coldplay zu covern. BTS ist eine südkoreanische Boygroup und seit zehn Jahren eine der erfolgreichsten K-Pop-Gruppen überhaupt. Dabei vergriff sich der Moderator nicht nur ein wenig in der Wortwahl: BTS, "die kleinen Pisser", seien wie "irgendein Scheißvirus, wogegen es hoffentlich bald ebenfalls eine Impfung gibt". Für dieses Cover gehörten sie seiner Meinung nach für 20 Jahre nach Nordkorea.

Noch in seiner Wutrede mag er möglicherweise geahnt haben, was er damit auslösen könnte: "Nichts gegen Südkorea, man kann mir jetzt nicht Fremdenfeindlichkeit unterstellen, nur weil diese Boyband aus Südkorea ist." Doch, kann man. Weshalb auf Twitter auch schnell ein Shitstorm entbrannte, der selbst in diesen Sphären seinesgleichen sucht.

Nicht erst seit der Corona-Pandemie haben Asiat*innen sowie Personen, die für deutsche Augen vielleicht asiatisch aussehen mögen, mit Rassismus im Alltag zu kämpfen. Eine Band vom asiatischen Kontinent deshalb mit dem Coronavirus in Verbindung zu bringen, das nach aktuellem wissenschaftlichen Stand in China ausbrach, ist keine Meinungsäußerung. Rassismus ist schlichtweg keine Meinung, erst recht nicht im Jahr 2021. Wie wenig das auch der Sender verstanden hat, zeigt die Entschuldigung des Bayerischen Rundfunks (BR).

Die traurige Entschuldigung von Bayern3

Man könnte meinen, nach dem Rassismus-Debakel um die Sendung "Die letzte Instanz" des WDR hätte man bei den Öffentlich-Rechtlichen dazugelernt. Stattdessen entschuldigt sich der BR damit, dass es der Charakter der Sendung sei, dass Matuschik seine Meinung überspitzt und ungeschminkt äußere: "In diesem Fall ist er […] in seiner Wortwahl übers Ziel hinausgeschossen und hat damit die Gefühle der BTS Fans verletzt. Das hatte er aber – das hat er uns versichert – in keiner Weise beabsichtigt." Zudem hätte sein Einsatz gegen Rechtsextremismus und Engagement in der Flüchtlingshilfe gezeigt, dass er kein Rassist sei.

Viele Menschen, die sich in irgendeiner Form rassistisch äußern, ob gegen Schwarze, Asiat*innen oder wen auch immer, meinen das nicht böse und sind keine Rassist*innen. Doch nur, weil man es nicht böse meint, heißt das nicht, dass man damit niemanden verletzt. Und genau das ist das strukturelle Problem: Viele Menschen verstehen nicht, was Alltagsrassismus ist und was es bedeutet. Wie viele Menschen er tagtäglich verletzt. Ich als weiße Frau kann mir das nicht einmal vorstellen.

Viele Medienhäuser haben ganz offensichtlich nichts gelernt

Bayern3 entschuldigt sich, weil viele Hörer*innen die Äußerungen als verletzend oder rassistisch empfunden haben. Das ist ein Anfang, aber weit weg davon, was in dieser Debatte nötig wäre. Wir können und müssen versuchen zu lernen – Privatpersonen, Politiker*innen und Medienmenschen. Andere Perspektiven dazuholen. Menschen zuhören, die bereit sind, uns auf unsere Fehler hinzuweisen. Uns, gerade in der weißen Bevölkerung, immer und immer wieder auf rassistische Verhaltensweisen wie diese aufmerksam machen.

Übrigens scheint sich Coldplay über das BTS-Cover gefreut zu haben. Die Band retweetete die BTS-Version am Mittwoch – mit dem koreanischen Wort für "schön".


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