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Schauspieler Helmut Krauss: Ein Spießer-Nachbar mit großem Herzen: Was wir von Herrn Paschulke lernen konnten

Der Tod des Schauspielers Helmut Krauss hat auch hier in der Redaktion Trauer ausgelöst – vor allem, weil ihn viele durch seine Rolle in der Kindersendung "Löwenzahn" kannten und mochten. Aber warum hat er da so einen Eindruck bei uns hinterlassen, obwohl er doch Peter Lustigs ewiger Gegenspieler war?

Helmut Krauss in seiner Rolle als Herr Paschulke in "Löwenzahn"

Helmut Krauss (l.) neben Peter Lustig in seiner Rolle als Herr Paschulke in "Löwenzahn"

Picture Alliance

Als wir die Nachricht vom Tod des Schauspielers Helmut Krauss lasen, waren wir direkt ehrlich traurig. Und das, obwohl wir gestehen müssen, dass wir den 78-Jährigen nur aus einer einzigen Rolle kannten – der des mürrischen Nachbarn von Peter Lustig (und später Fritz Fuchs) in der Kindersendung "Löwenzahn". Trotzdem erinnerten wir uns sofort an ihn. Am nächsten Tag in der Redaktion hörten wir dann von allen Seiten, von den Kollegen, die gleiche Aussage: Jeder war betroffen. Weil fast jeder als Kind "Löwenzahn" geschaut und gemocht hat. Und weil Herr Paschulke es geschafft hat, einen festen Platz in unseren Kinderherzen einzunehmen.

Alle mochten Herrn Paschulke – aber warum eigentlich?

Und das ist eigentlich erstaunlich. Denn die Figur, die Schauspieler und Kabarettist Helmut Krauss da jahrzehntelang verkörperte, ist eigentlich ein klassischer Antiheld. Der Gegenspieler des neugierigen und experimentierfreudigen Peter Lustig. Der grummelige, skeptische, spießbürgerliche Nachbar, der nicht der Meinung ist, dass man an seinem gemütlichen Durchschnittsmenschen-Dasein irgendwas ändern oder verbessern müsste. Einer, von dem man denken sollte, dass die Kinder vor dem Fernseher "Buh!" rufen müssten, wenn er auftaucht – wie beim Kasperletheater.

Tun sie aber nicht. Denn Herr Paschulke ist ein bisschen wir. Er schaut mit einem Erstaunen, das auch unser Erstaunen ist, auf den seltsamen Kauz, der da nebenan in einem Bauwagen haust und ständig scheinbar völlig verrückte Dinge sagt, fragt und tut. Er bringt unsere Skepsis mit und zwingt den Hippie vom Nachbargrundstück, sich zu erklären – und überzeugende Argumente für seine jeweiligen Experimente zu liefern.

Natürlich ist es witzig, dass Herr Paschulke in jeder Folge erneut einsehen muss, dass Peter Lustig (oder Fritz Fuchs) letztendlich doch recht hatte. Aber er hat eine unheimlich wichtige Qualität: Er ist bereit, seine Fehler einzusehen. Er ist so, wie Menschen vielleicht waren, bevor sie anfingen, auf Facebook zu "diskutieren". Zu Beginn einer Folge lacht er Peter Lustig höhnisch aus, wenn der von seinem Plan erzählt. Am Ende gesteht er ihm zu, dass die Idee doch gar nicht so schlecht war. No hard feelings. Oft einigen die beiden ungleichen Nachbarn sich auch darauf, eben nicht einer Meinung zu sein – und finden das völlig okay. Eine Einstellung, die einem heute fast schon utopisch vorkommt – Menschen, die miteinander auskommen, obwohl sie unterschiedliche Weltanschauungen haben? Menschen, die sich von Fakten überzeugen lassen und Fehler einsehen können? Sowas gibt's?

Und Peter Lustig konnte zudem auch immer auf seinen Herrn Paschulke bauen, egal, in welchen Nöten er steckte. Auch das ist ziemlich super: Jemand, der einen vermutlich heimlich im Hinterkopf für leicht bescheuert hält und beim wöchentlichen Stammtisch mit den schrägen Geschichten von dem Vogel aus dem Bauwagen sicher regelmäßig Lacher erntet, lebt trotzdem gute Nachbarschaft und Menschlichkeit.

Über Unterschiede kann man hinwegsehen

Und, allen Vorurteilen zum Trotz, ist Herrn Paschulke immer an Peter Lustigs Meinung gelegen. Wenn er Neuigkeiten gehört hat, klopft er direkt an der Bauwagentür. Wenn er eine tolle neue Technikspielerei gekauft hat, klopft er an der Bauwagentür. Und er weiß, dass er vielleicht nicht die Reaktion bekommen wird, die er sich wünscht, möchte aber trotzdem hören, was der dazu zu sagen hat. Weil er eine andere Ansicht wertvoll findet.

Helmut Krauss alias Herr Paschulke war der Spießer mit Herz. Einer, der gezeigt hat, dass wir alle nur Menschen sind und miteinander auskommen können, wenn wir wollen – ganz egal, wie verschieden wir sind. Wir sollten alle ein bisschen mehr wie Herr Paschulke sein und öfter über unseren Tellerrand hinausschauen. Auch, wenn wir uns dabei vielleicht lächerlich machen. Denn es zeugt von menschlicher Größe, Fehler einzugestehen und sich neuen Erkenntnissen zu stellen. Zum Beispiel der Erkenntnis, dass gute Vorbilder auch Hawaii-Hemden und Socken in Sandalen tragen können.