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"Daredevil" vor dem Aus Gebt uns ein Ende! Warum TV-Serien viel zu oft an schlechte Beziehungen erinnern

Manchmal gehen auch gute Dinge einfach zu Ende. Und viel zu oft dann doch nicht.
Manchmal gehen auch gute Dinge einfach zu Ende. Und viel zu oft dann doch nicht.
© LukaTDB / Getty Images
Man soll gehen, wenn's noch schön ist - an diese alte Regel hält man sich seltener, als vielleicht gut ist. Und auch die Macher von Serien haben oft Probleme, auch mal zum Ende zu kommen. Jetzt beendet Netflix einen seiner größten Erfolge. Gut so.

Es ist zu Ende. Traurig aber irgendwie befriedigt saß ich vor dem Fernseher, als Walter White langsam aber auf dem Boden eines Methlabors ausblutete. Es war das Ende einer Ära - und einer der stärksten Momente der TV-Geschichte. Denn "Breaking Bad" wagte das, was sich immer weniger Serien  trauen - und hörte auf, als die Geschichte auserzählt war. Schade war das. Aber eben trotzdem richtig.

Leider passiert das aber viel zu selten. Viel zu viele unserer Lieblingsserien laufen selbst dann weiter, wenn sie eigentlich längst ausgelutscht sind. Wie in einer schlechten Beziehung machen die meisten Zuschauer das irgendwie noch eine Weile mit, obwohl die Leidenschaft, die Begeisterung, ja, die Liebe irgendwann einem drögen Alltagstrott gewichen ist. Was einst aufregend und neu war, dümpelt dann nur noch vor sich hin, unsicher, wie es weitergehen soll. Mancher Zuschauer schafft früher den Absprung, andere bleiben bis zum bitteren Ende, wenn die Serie dann irgendwann aus Quotengründen eingestellt wird - und am besten noch mit einem Cliffhanger endet. Vom Meisterwerk bleibt nur noch trauriges Elend.

Auf den Hai gekommen

So sind Dutzende einst großartige Serien verendet. "Bis zu Staffel X war's echt total super", sagen dann die Fans. "Jumping the Shark" nennt man das im Englischen. Nach der Serie "Happy Days", in deren "Höhepunkt" der coole Fonzy irgendwann mit Wasserskiern über einen Hai springt. Danach geht's dann endgültig bergab. 

Am schlimmsten ist das immer dann, wenn die Handlung eigentlich ziemlich klar macht, dass die Serie eigentlich demnächst mal am Ende sein sollte - und dann plötzlich noch eine Staffel bekommt. Bei "How i met your Mother" schafften es die Macher ganze drei Staffeln mit demselben Cliffhanger zu einer Hochzeit aufzuhören. Die Hochzeit habe ich dann tatsächlich nie gesehen - weil ich wegen der immer mieseren Witze und der lahmen Handlung nicht mehr eingeschaltet hatte.

Beispiele für den langsamen Serien-Tod finden sich zu genüge. Das großartige Fremdgeh-Krimi-Drama "The Affair" wäre spätestens nach Staffel zwei auserzählt gewesen - stattdessen liefen noch zwei weitere, die einfach nur mies waren. Staffel fünf ist übrigens schon angekündigt. Auch "House of Cards", "Walking Dead" und viele andere Serien wären mir viel besser in Erinnerung geblieben, wenn man irgendwann einfach mal ein Ende gefunden hätte. Und jedem fallen sich mindestens fünf weitere Serien ein, bei denen es ihm oder ihr genauso ging.

Profit schlägt Kunst

Die Idee hinter dem Elend ist natürlich sehr einfach. Weil es sehr schwierig ist, eine Serie erst zu entwickeln und sie dann beim Publikum groß zu machen, wollen die TV-Sender, Netflix und Co. Erfolge immer weiter melken - und quetschen einst großartige Geschichten solange aus, bis sie nur noch ein Schatten ihrer selbst sind. Eine schlechte Serie, die viele schauen, bringt halt mehr sicheres Geld in die Kassen als die unbekannten Meisterwerke.

Ein Grund ist sicher auch, dass Serien heute anders funktionieren als früher. Ob Columbo noch einen weiteren Fall löste oder die Enterprise auf einem weiteren Planeten landet, war schlicht egal - weil es zwischen den einzelnen Folgen kaum eine nennenswerte übergreifende Handlung gab. Will man aber wirklich eine gute Geschichte erzählen, braucht die auch irgendwann ein Ende. Eine Alternative zur Endlosschleife gibt es aber durchaus, etwa Anthologie-Serien wie "Fargo" oder Spin-Offs. Die funktionieren in der Regel aber nicht so gut, beim Publikum erfolgreiche Geniestreiche wie das "Breaking Bad"-Prequel "Better Call Saul" bleiben die Ausnahme.

Netflix lernt dazu

Aber ich habe Hoffnung. Bei Netflix zeigen sich Zeichen der Einsicht: Die Erfolgsserie "Daredevil" wurde nun gerade nach der dritten Staffel eingestellt. Und das, obwohl die neue Staffel bei Publikum und Kritikern hervorragend ankam. "Wir sind enorm stolz auf die jüngste und letzte Staffel und obwohl die Fans traurig sein werden, haben wir das Gefühl, dass wir auf dem Höhepunkt aufhören sollten", hieß es in einem Statement des Streaming-Anbieters gegenüber "Deadline". Gut so. Da freue ich mich doch umso mehr darauf, die Geschichte um Matt Murdok demnächst mal zu Ende schauen zu können.

Ob Netflix tatsächlich etwas gelernt hat, muss sich aber erst noch beweisen. So gibt es Gerüchte, die großartige - und auserzählte - Gruselserie "Haunting of Hill House" solle eine zweite Staffel bekommen. Dann sollte es Netflix doch lieber mit "Breaking Bad"-Erfinder Vince Gilligan halten. "Ich wollte nicht, dass die Leute sagen: 'Läuft das immer noch?' Früher war das gut", erklärte der kurz nach dem Finale. "Ich wollte, dass sie sagen 'Bitte hört nicht auf.'" Und gab uns so eines der besten Enden der Seriengeschichte. Und eines der besten Spin-Offs war auch noch drin.


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