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Oscar-Outfit von Questlove Wer Crocs trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren – und das ist gut so

Ein Paar goldener Crocs auf dem roten Teppich der Oscars
Der Musiker Questlove zog mit seinen Schuhen bei den Oscars viel Aufmerksamkeit auf sich 
© Chris Pizzello / POOL / AFP
Der Musiker Questlove kam zur Oscar-Verleihung in golden angesprühten Crocs. Das ist kein Fashion-Fauxpas, sondern ein Lebensgefühl, von dem viele von uns noch etwas lernen können. 

Was würdet ihr anziehen, wenn ihr eine Einladung zu den Oscars hättet? Ein klassisches Abendkleid, ein aufsehenerregendes Kostüm – oder die Hausschuhe eures Vaters? Der Produzent und The Roots-Mitgründer Questlove trug auf dem roten Teppich der diesjährigen Oscar-Verleihung goldene Crocs zu Anzug und Mund-Nasenschutz und zog damit viel Aufmerksamkeit auf sich. Ein "Fashion-Fail", wie Boulevard-Medien titelten, ist das allerdings nicht. Es ist ein Lebensgefühl, von dem wir uns alle etwas abschauen können. 

Bereits im vergangenen Jahr erlebten Crocs ein kleines Upgrade vom väterlichen Hausarbeitsschuh zum Millennial-Must-Have. Damals brachte Justin Bieber in Kollaboration mit dem Label einen limitierten, gelben Plastikschuh heraus, der innerhalb kürzester Zeit ausverkauft war. Auch nach Questloves Auftritt schnellten die Verkaufszahlen der Crocs in die Höhe

Doch der angesprühte Goldschuh des 50-Jährigen ist viel mehr als nur eine etwas eigensinnige Werbefläche. Er ist ein Symbol einer vielleicht längst überfälligen Erkenntnis: Stell dir vor, es ist Pandemie und wir haben endlich gelernt, nur noch uns selbst gefallen zu wollen.

Halle Berry auf dem roten Teppich der Oscar-Verleihung

Wenn Jogginghosen Kontrolllosigkeit sind, sind Crocs dann das Chaos?

Das vielleicht bekannteste Zitat des verstorbenen Designers Karl Lagerfeld geht so: "Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren." Es wurde viel diskutiert und debattiert, als Schild für Snobismus hochgehalten und für die absolute Lebensfremde der Modeindustrie. Warum es offenbar so wichtig ist, dass wir immer und überall die Kontrolle über unser Leben haben müssen, hat allerdings kaum jemand gefragt. Es gehörte sich halt, irgendwie präsentierbar zu sein. Aber wenn Jogginghosen bereits die Anarchie sind, sind Crocs dann das Chaos? 

Questlove in einem schwarzen Anzug und mit goldenen Crocs auf dem roten Teppich
Die Schuhe waren das Highlight von Questloves Oscar-Outfit
© Chris Pizzello / POOL / AFP

In der Pandemie haben viele von uns lernen müssen, dass die Welt und ihre Einflüsse auf unser Leben viel weniger kontrollierbar sind als jahrzehntelange individualistische Selbstverwirklichungsfantasien es uns lange vorgegaukelt hatten. Diese Erkenntnis ist niederschmetternd. Denn ja: Du kannst schon durch und durch optimiert sein – wenn die Regierung monatelang falsche Eindämmungsmaßnahmen trifft, sitzt du am Ende eben doch sehr lange sehr alleine auf dem Sofa rum. Vermutlich sogar in Crocs und Jogginghosen. 

Der Anfang der Pandemie war für viele ein Anlass, auf sich selbst zu achten

Warum also nicht zumindest den optischen Individualismus radikal durchziehen und jetzt erst recht nur so aussehen, wie es uns – den Umständen entsprechend – glücklich macht? Das letzte bisschen Kontrolle für das nutzen, was wir gerade noch so kontrollieren können: uns selbst. Wenn die scheinbar abwertenden Mitmenschen zuhause sitzen, wenn ohnehin niemanden interessiert, ob wir im Home Office Plastik-Pantoffeln, Hornhautentferner-Socken oder lederne Anzugschuhe tragen: Warum noch simulieren, dass es da draußen noch irgendjemanden interessieren sollte?

Bereits im ersten Lockdown erlebte diese Art von hippiesker Selfcare ein Revival. Viele nutzten die Gelegenheit, um ihr Aussehen so zu verändern, wie sie es sich vorher nicht getraut hätten. Und über allem die Fragen: Wer bin ich, wenn alle weg sind? Wer will ich überhaupt sein?

Der Auftritt von Questlove ist ein modischer Zen-Modus

Und obwohl wir nicht wissen, ob Questlove in der Pandemie zu sich selbst oder doch eher zu einem Werbedeal mit Crocs gefunden hat: Die Energie seines Auftritts kommt dem ultimativen modischen Zen-Modus ziemlich nahe. Ja, die Oscarverleihung ist eines der wichtigsten Film-Events der Welt. Ja, ich habe mein Wohnzimmer zum ersten Mal seit Monaten für eine größere soziale Zusammenkunft verlassen. Ja, ich habe meine Hausschuhe dafür einfach direkt angelassen und mit Goldspray verziert. 

Es ist nicht wichtig, ob Crocs ein angemessenes Schuhwerk für eine Preisverleihung sind. Es ist die Attitüde, die sie ausstrahlen: Wir ziehen uns auch dann noch so an, wie wir es wollen, wenn die Pandemie irgendwann hoffentlich vorbei ist.

Die Autorin dieses Artikels trägt zwar keine Crocs, hat im vergangenen Jahr aber beschlossen, sich modisch zurück in die Neunziger Jahre zu entwickeln. Sie besitzt jetzt Tattoo-Ketten mit Gänseblümchen, Schmetterlings-Haarklammern und eine pinke Sonnenbrille in Katzenaugenform, die auch bei Regen gute Laune macht. Der Kiosk-Verkäufer fragt beim Zigarettenkauf zwar jetzt manchmal nach, ob sie schon volljährig ist (Jahrgang 1992!). Aber das ist egal. Denn wer sein Leben kontrollieren will, hat die Freude an sich selbst verloren. 


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