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Absurder Trend: Barfußschuh – der Horror mit fünf Zehen

Wie der Barfußschuh aus unerfindlichen Gründen das studentische Hipstermillieu erreicht hat – und warum er schnellstens wieder in die Annalen der Fashionsünden eingehen sollte.

Von Katarina Viktoria Weiß

Barfußschuh

Es fing mit einem ganz besonders furchtbaren Paar an: Nichts ahnend stieg ich in den Aufzug meines Wohnhauses, grüßte nickend, die Augen auf das Smartphone gerichtet. Erst im dritten Stock packte mich das blanke Grausen, als ein verrutschter Blick auf dem Aufzugboden landete und an der Fußbekleidung meines Nachbarn hängen blieb. 

Er – Mitte 20, aus London nach Berlin gezogen, macht irgendwas mit Start-ups – hatte sich dazu entschieden, ein Shirt von Fred Perry und eine karierte Oversize-Hose mit zwei besohlten Monstrositäten zu kombinieren, von denen zu vermuten war, er habe Frodos Füße aus einem Hobbit-Fanstore mitgehen lassen: Braune, dehnbare Synthetik spannte sich von der Fessel abwärts um seine Quadratlatschen und mündete in fünf, den menschlichen Zehen nachempfundenen Knubbeln. 

Barfußschuh: Klotz am Bein der Mitmenschen

Nach dem Siegeszug der unsäglichen Ugg-Boots, der Crocs und dem anhaltenden "Ugly-Sneaker"-Turnschuhtrend ist man ja an den Klotz am Bein seiner Mitmenschen gewöhnt. Dass es Adidas und Fila nun geschafft haben, neben Badelatschen und Sportschuhen mit gestrickter Sockenverlängerung auch den Zehenschuh an den zahlenden Hipster zu bringen, ist eigentlich die konsequente Fortführung des Hässlich-Hypes. "Seitdem Sneaker salonfähig sind, ist für mich jeden Tag Halloween!", seufzte einst ein, zugegeben leicht snobistischer, Verflossener von mir. Vom Zehenschuhtrend war damals noch keine Spur – doch bei der Aussicht, diese gummigewordenen Latschenfolter selbst tragen zu müssen, würde er sich vermutlich an seinem Seidenschlips erhängen. 

In den Schockminuten, nachdem mein Nachbar mit den Hobbit-Schuhen den Aufzug verlassen hatte, hoffte ich noch, das Grauen wäre einzudämmen. Ein fehlgeleiteter, experimentierfreudiger Fashionfan macht noch keinen Trend. Doch dann sah ich die Zehenschuhe plötzlich überall: In neongrüner Ausführung in einem Studentencafé der Humboldt-Universität; mit Leggins kombiniert am Tresen eines angesagten Asia-Restaurants; an den Füßen einer befreundeten Designerin aus Hamburg, samt goldener Schnürsenkel, in der Schlange vor einem Nachtclub, in dem man beinahe alles abseits der Schuhe auszieht.

Seit 2005, dem Erfindungsjahr dieser ästhetischen Zumutung, ist bekannt, dass es naturliebhabende Anhänger des Zehenschuhs gibt, die darauf schwören, die Berglandschaft unter ihren Füßen in diesem Schuhwerk noch intensiver zu erleben. Doch bisher gehörte das sportive Modell eben dorthin: In dunkle Wälder oder entlegene Gipfel, getragen von Menschen, die sich außerhalb der Zivilisation mit schweißtreibenden Outdoor-Aktivitäten bei Laune halten. Dass Romantik und Barfußgefühl in idyllischer Feld- und Wiesenlandschaft zusammenpassen, lasse ich mir ja noch erzählen. Aber warum rennen auf einmal Kreuzberger Modemenschen damit durch den Dreck der Hauptstadt? Welchen Sinn hat es, dass Zehen, diese plumpen Möchtegern-Finger, die stets nur eine Sohle breit vom Morast der Großstadt entfernt sind, nun so eine urbane Akzeptanz genießen?

Um die Antwort zu finden, suchte ich einen Laden auf, der die FiveFingers von Vibran verkauft. Ich hatte mir extra das Paar regenbogenfarbiger Zehensocken angezogen, dass mir einst als Wichtelgeschenk überlassen wurde und seitdem in meinem Schrank verstaubte. Ich machte Anstalten, in die Probierphase überzugehen, als der bemühte Käufer höflich fragte, welches Modell mir denn am besten gefalle. Ich hustete ein leises "Pest oder Cholera" und sortierte meine Zehen in die Kautschukkammern. 

"Mein Freund ist Fußfetischist"

Man könnte meinen, nachdem ich jedem Morgen mit dem Blick auf meine Füße aus dem Bett steige, sollte ich mich irgendwann an die Form des menschlichen Fußes gewöhnt haben. Doch stattdessen überkam mich ein Schaudern, als ich an mir herunterblickte: Platt wie eine Flunder standen meine Füße von mir ab und ich hatte den Eindruck, besonders hässliche Handschuhe an der falschen Stelle zu tragen. Unbequem war der Horror mit fünf Zehen zwar nicht – doch der Komfort konnte meine Sehnsucht nach Schönheit nicht stillen. 

Erst Wochen später sollte ich einen triftigen Grund dafür erfahren, darauf abzufahren. In einem stadtbekannten Technoclub mit Darkroom fragte mich ein Mann in Zehenschuhen nach Feuer und ich fragte ihn nach seiner Motivation: "Mein Freund ist Fußfetischist", sagte er enthusiastisch. "Es macht ihn geil zu sehen, wie sich meine Füße darin über Zebrastreifen oder Kanaldeckel bewegen." Na, da ist einer wirklich von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt.

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