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Neues Album "Wer sagt denn das": Mehr als Party-Prolls: Warum es sich lohnt, Deichkind auch mal nüchtern zu hören

Deichkind-Hits sind der Klassiker auf Partys quer durch die Republik. Die Band pflegt auch auf dem neuen Album ihr Proll-Image – doch hinter dieser Fassade verbirgt sich knallharte Gesellschaftskritik.

Deichkind

Die Kostüme sind bei Deichkind immer eine Kategorie für sich

Wenn die Beatabfolge durchdringend aus den Boxen wabert, spätestens aber bei der Zeile "Deine Eltern sind auf einem Tennisturnier" füllt sich der Dancefloor auf jeder Party – egal ob in der WG oder im Club. "Remmi Demmi", der größte Hit von Deichkind, ist ein Song, auf den sich alle einigen können. Da geht es um wilde Partys, Exzesse in der sturmfreien Bude und impulsive Menschen, die keine Grenzen kennen. Proll pur – ein Image, das Deichkind auch in ihren anderen bekannten Stücken, die auf den Partys der Republik laufen, gern pflegen. Und eine Attitüde, mit der sich viele im Partyrausch identifizieren können, die aber dazu führt, dass diese Band immer noch von vielen nicht richtig für voll genommen wird.

Der natürliche Lebensraum von Deichkind-Songs wie "Remmi Demmi", "Bon Voyage" oder "Leider Geil" liegt zwischen nicht mehr ganz zurechnungsfähigen Party-People, das intellektuelle Potenzial der Texte scheint ebenso beschränkt wie das des Publikums. Das ist aber ein Täuschungsmanöver: Es lohnt sich, sich Deichkind auch mal in nüchternem Zustand zu Gemüte zu führen. Hinter der Party-Proll-Fassade der Techno-Rapper aus Hamburg steckt nämlich ein nachdenklicher Kern – nicht erst auf ihrem neuen Album "Wer sagt denn das", aber besonders dort.

Deichkind-Album "Wer sagt denn das": Fake News und Rechtspopulismus

Ihrer siebten Platte hat die Gruppe den sozialkritischen Inhalt quasi auf die Stirn – beziehungsweise den Titel – geschrieben. Der Titelsong "Wer sagt denn das" beschäftigt sich kritisch mit dem Zeitalter der alternativen Fakten, mit Fake News und "Lügenpresse"-Vorwürfen aus der rechten Ecke. "Ich würde sagen, dass "Wer sagt denn das" der wichtigste Song auf dem Album ist", sagt Bandmitglied Henning Besser alias La Perla über das Stück. "Er versucht sich einem zentralen Themenkomplex der aktuellen Zeit zu nähern. Es geht um die Spaltung der Gesellschaft, Rechtspopulismus, einen durch verschiedene Länder ziehenden Rechtsruck."

Man muss natürlich schon ein wenig genauer hinhören, um die sozialkritischen Töne in Deichkinds Musik ausmachen zu können – und sich manchmal auch die eine oder andere Bedeutungsebene selbst erschließen. Einfach haben es Deichkind sich und ihren Hörern schließlich immer nur auf den ersten Blick gemacht. Natürlich wären Deichkind nicht Deichkind, gäbe es nicht auch auf der neuen Platte stumpfen Saufpop wie "1000 Jahre Bier", in dem sich die Band zusammen mit Gaststar Till Lindemann wünscht: "Muttermilch sollte aus Alkohol sein." 

Till Lindemann, Jan Böhmermann und Olli Schulz als Gäste

Eigentlich kein Wunder, dass sich da das Bild der arg limitierten Studentenparty-Band bei vielen verfestigt. Zumal Deichkind-Konzerte dieses Image sorgsam pflegen: Die Shows sind perfekt durchgeplante Anarchie. Die Musiker kleiden sich in bunte Anoraks, alles leuchtet und blinkt, typisch ist der Hut in Form eines Tetraeders, das Markenzeichen der Band. Auf der Bühne fließt der Alkohol in Strömen, das Publikum steht darin in nichts nach, viele kommen in einem aus Müllsäcken gebastelten Outfit zu den Konzerten. Kann man das ernstnehmen?

Sollte man sogar unbedingt. Nicht nur, weil man das wohl mit jeder Gruppe tun sollte, der es gelingt, neben Till Lindemann auch noch Jan Böhmermann, Olli Schulz und Bela B aufs Album zu kriegen. Sondern auch, weil Deichkind meisterhafte Beobachter der kleinen und großen Verwerfungen sind und diese auf ihre typisch ironische Art und Weise aufdecken. Von manchen Bands kann man lernen, wie die Welt funktionieren sollte – Deichkind dagegen überzeichnen Phänomene so stark, dass sie dadurch ihre Absurdität aufdecken.

Powerbanks und Autonarren – die kleinen und großen Absurditäten des Lebens

Warum wollen wir eigentlich ständig online sein? "Bei mir kommt erst der Akku und dann später die Moral" heißt es in "Powerbank", in dem der Akkustand zum neuen Statussymbol wird. Wie will Deutschland das Klima schützen, wenn wir nicht von unserer Auto-Obsession ablassen? "Die Welt geht vor die Hunde, der Weg war nie das Ziel, komm wir drehen noch eine Runde im Automobil", meinen Deichkind. Und für alle, die sich mit dem Anglizismus "Binge-Watching" für exzessives Seriengucken noch nie anfreunden konnte, haben Deichkind auch noch einen Alternativvorschlag: Sagen wir doch einfach "Staffellauf im Sitzen". 

"Wer sagt denn das" von Deichkind erscheint am 27. September.