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Band aus Hamburg Wie kann man klimafreundlich auf Tournee gehen? Philipp Grütering von Deichkind im Gespräch

Deichkind-Auftritt bei eine FFF-Demo
Remmidemmi for Future: Deichkind 2019 bei einem Auftritt in Hamburg
© picture alliance/dpa
Wie cool ist ein Rap-Song übers Radfahren? Was verbindet Deickind mit Fridays For Future? Interview mit Philipp Grütering von der Band Deichkind.
Von Hannes Roß

Herr Grütering, taugt das Thema Klimaschutz, um daraus gute Popsongs zu machen?

Meine Band Deichkind kann darauf aufmerksam machen, aber es ist verdammt schwer, einen sexy Popsong über Klimaschutz zu schreiben. Schauen Sie sich die großen Hits der Beatles an: Das ist nicht „Mother Nature’s Son“, sondern eher Songs wie „Baby, You Can Drive My Car“. Der deutsche Rapper Juicy Gay hat neulich einen lässigen Song gemacht, der „AMG“ heißt. Darin singt er über die Coolness des Radfahrens. Das hat mir sehr gefallen. Nur befürchte ich, dass es noch ein langer Weg ist, bis solche Songs zu Mainstream-Hits werden, solange es für viele junge Menschen immer noch cooler erscheint, im getunten Mercedes herumzufahren.

Was verbindet Deichkind mit der Fridays-for-Future-Bewegung?

Wir von Deichkind finden die Fridays- for-Future-Bewegung wichtig. Ich glaube, dass junge Menschen die Einzigen sind, die den Klimaschutz mit dieser Radikalität anpacken können. Viele Menschen in meinem Alter – ich bin jetzt 45 – stecken viel zu sehr in wirtschaftlichen Zwängen fest, in einem eingefahrenen System. Junge Menschen sind davon noch frei, die können ohne Wenn und Aber sagen: So geht das nicht weiter.

Wie kam es dazu, dass Deichkind bei einer Demonstration von Fridays for Future aufgetreten ist?

Philipp Grütering
Halbwegs unmaskiert: Philipp Grütering gründete Deichkind 1997 in Hamburg. Größte Hits seitdem: „Leider geil“ und „Bück dich hoch“
© Alena Schmick

Die Organisator*innen von Fridays for ­Future haben gefragt, ob wir sie unterstützen können. Wir haben gesagt, okay, wir treten auf. Als Band haben wir eine gewisse Größe und Reichweite, mit der wir vielleicht auch ein paar andere Leute erreichen können.

Sie sind Familienvater. Interessiert sich Ihr ältester Sohn schon für Klimaschutz?

Ich glaube, der Klimawandel ist noch ein sehr abstraktes Thema für ihn. Er ist elf und fängt gerade an, Popmusik zu hören. Neulich dröhnte der Song „In meinem Benz“ von Bonez MC aus seinem Kinderzimmer. Da dachte ich: Oh, krass, das ist ein super populärer Song unter Jugendlichen, aber da wird das komplette Gegenteil von dem gepredigt, wofür die Fridays-for-Future- Bewegung steht. Das zeigt mir, wie zerrissen diese junge Generation immer noch ist.

Wie meinen Sie das?

Ich sehe das bei meinem Sohn. Der wird vollgeballert mit all den Leckereien des Kapitalismus aus dem Internet. Cola oder McDonald’s sind da nur die kleinsten Herausforderungen. Nur glaube ich, dass es nichts bringt, mit erhobenem Zeigefinger zu kommen und Verbote auszusprechen. Meine Motivation ist es, meinen Sohn angstfrei an das Thema Klimaschutz heranzuführen. Das ist ein Prozess. Wer da mit der Brechstange vorgeht, erzeugt nur Ablehnung. Oder noch schlimmer: Menschen, die den menschengemachten Klimawandel leugnen.

Pflanzen Sie einen Baum!

Die Klimakrise geht uns alle an. Zeit etwas dagegen zu tun. Pflanzen Sie Bäume mit dem stern. Das mag nicht direkt die Welt retten. Aber es ist ein Beitrag. Unsere Partner von Plant-for-the-Planet sind Experten auf dem Gebiet. Seit 2007 pflanzt die Stiftung Bäume auf der ganzen Welt. Hier können Sie unterstützen.

Die Generation Z, die Jahrgänge ab den 90er Jahren, steht in dem Ruf, politisch wenig engagiert und stattdessen mehr an Selfies interessiert zu sein. Hat Sie die politische Ernsthaftigkeit und die glo­bale Wirkung der Fridays-for-Future- Bewegung überrascht?

Ja, im positiven Sinne. Unsere Gesellschaft war sehr darauf ausgerichtet, dass sich jeder selbst verwirklichen will. Beim Yogakurs, Thaiboxen, auf Weltreise. Das Gemeinschaftsgefühl ist ein bisschen abhandengekommen. Die Fridays-for-Future- Bewegung verfolgt nicht ihre eigenen Interessen, sondern stellt die Bedeutung der Gemeinschaft und die Verantwortung füreinander in den Mittelpunkt. Das ist toll und wichtig. Dabei ist es nur wichtig, den Leuten, die anders leben wollen, die auch mal gern Fleisch essen oder in Urlaub fliegen, nicht die Schuld zuzuschieben, sondern sie mitzunehmen und zu überzeugen.

Das neue Klimabewusstsein verändert auch die Musikbranche. Die Band Coldplay hat angekündigt, nicht mehr auf Tournee zu gehen, bevor sie nicht klimaneutral auftreten kann.

Das ist sehr löblich von Chris Martin. Nur darf man nicht vergessen, dass dadurch auch eine Menge Mitarbeitende ihre Jobs verlieren werden, die bisher Coldplay auf Tournee unterstützt haben. Ich glaube nicht, dass das die Lösung sein kann, gar nicht mehr live zu spielen. Denn die Konzerte sind für die ­allermeisten Bands die Haupteinnahmequelle. Trotzdem machen wir uns ­Gedanken darüber, wie wir unsere Tournee klimafreundlicher organisieren können. Man muss aber immer wieder auch Kom­promisse eingehen.

Können Sie uns ein Beispiel geben?

Auf der letzten Tournee wollten wir ausschließlich vegetarisches und veganes Catering anbieten, aber es gab zu viel Widerstand in der Crew, weshalb wir Kompromisse eingegangen sind, um den Hausfrieden zu wahren. Wir haben unser Merchandising auf Fair Trade umgestellt, und wir fliegen auch nicht von einer Stadt zur nächsten, wenn wir auf Tour sind. Dafür sind wir aber mit Nightlinern mit Dieselmotor unterwegs. Es gibt zwar schon Modelle mit Elektromotor, aber die sind noch so teuer, dass man denkt: Okay, wenn wir das machen, brauchen wir gar nicht mehr auf Tournee zu gehen. Wir bemühen uns, die Strecken so kurz und effektiv wie möglich zu halten. Dafür benutzen wir eine ­sogenannte Routing-Software, die ähnlich auch in der Logistikbranche eingesetzt wird. Aber auch dabei stößt man immer wieder an Grenzen. Wir können unseren Beitrag leisten, indem wir Fridays for ­Future unterstützen, aber es kann für Deichkind nicht die Lösung sein, nun nur noch in Theatern aufzutreten.

Ihre Tournee im Frühjahr konnten Sie gerade noch vor dem Lockdown zu Ende bringen. Wann rechnen Sie damit, wieder live spielen zu können?

Das ist eine schwierige Frage, weil es noch keine tragfähigen Hygienekonzepte für Konzerte unserer Art gibt. Zum anderen fragen wir uns aber auch: Wenn es sie geben würde, würden die Fans ohne Weiteres auf unsere Konzerte zurückkehren, oder bleiben sie im Zweifel doch lieber zu Hause? Wir tasten uns da langsam ran und hoffen, dass wir 2021 wieder live spielen können.

In Ihrem Hit „Leider geil“ heißt es: „‚Weg mit dem Atom!‘, hörst du sie schreien und ich lade mein Smartphone (leider geil).“ Wie schauen Sie heute auf solche Zeilen?

Der Song ist eine ironische Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus und acht Jahre alt. Aber ich finde, dass dieser Song aktueller denn je ist. Es ist nun mal so, dass die Produkte des Kapitalismus auch Spaß machen. Ein neues iPhone gibt auch mir einen Kick. Das ist kein nachhaltiges Gefühl, aber ich wäre nicht ehrlich, wenn ich es nicht so beschreiben würde. An der Konsumgeilheit im Allgemeinen können Deichkind nichts ändern. Wir bilden ab, was da draußen los ist. Aber wir können darauf hinweisen, dass selbst kreierte Dinge mindestens genauso glücklich machen können.

Deichkind war immer auch ein Do-it-yourself-Projekt.

Genauso ist es. Unsere ersten Bühnenkostüme bestanden aus dem Zeug, was im Backstage-Bereich herumlag. Es gab eine Zeit, da standen wir in Müllsäcken auf der Bühne. Heute helfen uns Handwerker*innen und Schneider*innen dabei, unsere Bühnenshow in einer Werkstatt selbst zu gestalten. Das meiste davon landet danach wieder in unserem Lager, denn irgendwann könnte man es doch noch mal gebrauchen. Wenn wir uns ein paar LED-Schirme auf die Bühne klatschen wollen, denken wir natürlich dreimal darüber nach, ob das nachhaltig oder nicht auch zu kostspielig ist.

Früher haben Sie bei Ihren Konzerten auch mal palettenweise Dosenbier im Publikum verteilt. Wäre eine solche Aktion heute noch vertretbar?

Das waren Pfanddosen. Aber heute würden wir das nicht mehr machen, weil wir viel erwachsener geworden sind und keine Lust haben, die Schweinerei danach aufzuräumen.

Erschienen in stern 40/2020

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