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Neues Album "Zores": So uncool, dass es wieder cool ist – Drangsal ist die neue Pop-Sensation

Zwischen Luther-Bibel und Nena-Erinnerungen: Drangsal holt die Stilformen der Vergangenheit in die Gegenwart. Damit mischt er den deutschen Pop gerade gehörig auf.

Drangsal in schwarzer Kleidung lässig auf einem Stuhl sitzend

Max Gruber alias Drangsal macht aus dem Sound der Achtziger hochmodernen Pop

Man muss noch nicht einmal seine Musik gehört haben, um zu wissen, dass bei Max Gruber irgendwas anders ist. Da ist zunächst einmal der Künstlername, den der 24-Jährige gewählt hat: Drangsal – ein Wort, das man eher in der Luther-Bibel erwartet als in den Pop-Charts. Sein erstes Album nannte er "Harieschaim", nach dem altertümlichen Namen seiner Heimatstadt Herxheim in Rheinland-Pfalz. Die zweite Platte, die Ende April erschien, heißt "Zores". Was das ist? Ein altes Wort für Streit.

Dass dieser Musiker irgendwie aus der Zeit gefallen scheint, wird noch deutlicher, wenn man sich seine Musik tatsächlich anhört. Sounds aus den Achtzigern, Synthie-Pop mit Gitarren, vieles erinnert an die Neue Deutsche Welle. Damit mischt Drangsal gerade den deutschen Markt kräftig auf. Der junge Pfälzer wird momentan als eine der interessantesten Pop-Sensationen hierzulande gefeiert.

Drangsal – ein langweiliger Freak

Dabei ist das Sensationelle an Drangsal eigentlich, wie wenig an diesem kommenden Star wirklich sensationell ist. Im Grunde ist Max Gruber nämlich so uncool, dass er schon wieder cool ist. Ein Langweiler und gerade dadurch ein Freak im exzentrischen Business: "Natürlich gehe ich auch mal zu einem Konzert, aber ich habe niemals das Bedürfnis, feiern zu gehen, nie. Warum auch, ich kann doch zuhause bleiben und zehn Bücher lesen, während andere Leute 80 Euro ausgeben."

Er nimmt keine Drogen, trinkt kaum Alkohol und Kaffee, sogar mit dem Rauchen hat Gruber aufgehört. Auch wenn er mittlerweile seit einigen Jahren in Berlin lebt, verewigt er immer wieder in zahlreichen Referenzen seine provinzielle Heimat in seiner Musik. Ein Popstar, der kaum ins Jahr 2018 passt und der auch selbst mit seiner späten Geburt hadert: "Ich war nie gern jung, allein schon wegen meines Musikgeschmacks", gestand er in einem Interview mit der dpa.

Drangsal

Der Sound der Achtziger

Dennoch zählt Drangsal zu den spannendsten Musikern im Lande. "Harieschaim" wurde von Kritikern schon zum "perfekten Pop-Album" hochgeschrieben, nun muss Drangsal diesem Anspruch gerecht werden. Zwei Jahre hatte er sich für den Nachfolger Zeit genommen, zwischendurch gemeinsam mit dem Rapper Casper einen der prägenden Songs des vergangenen Jahres ("Keine Angst") abgeliefert – und dann die Prüfung mit Bravour bestanden.

"Zores" lehnt sich noch stärker als der Vorgänger an die NDW-, Postpunk- und Wave-Klänge der Achtziger an – ach was, es umarmt sie förmlich. Während Drangsal auf "Harieschaim" noch zwischen Deutsch und (sehr intelligentem) Englisch wechselte, konzentriert er sich nun größtenteils auf seine Muttersprache. Und auch da ist er immer wieder für Überraschungen zu haben.

"Alles in Ordnung, denn ich lieb dich so, ich lieb dich so", säuselt Drangsal scheinbar naiv im Refrain von "Turmbau zu Babel", den er nach eigener Aussage schon vor zehn Jahren schrieb und der beim Hörer fast vergessene Erinnerungen an Nena weckt, nur um in der nächsten Zeile eine freche erotische Andeutung hinterherzuschieben. Nicht von der Hand zu weisen sind auch die Bezüge zu The Smiths, wie Drangsal auch gerne zugibt – deren selbstmitleidige Texte passten auch oft nicht direkt zum Sound, auf den sie gesungen wurden. Und aus einer Zeile wie "Gegen die Wände deines Herzens halten hundert junge Jungs heiße Kerzen" tropft das Schlagerhafte geradezu heraus. So etwas auf unpeinliche Art und Weise zu singen, ist schon eine Leistung für sich.

Deutschlands große Pop-Hoffnung

Kein Wunder also, dass Drangsal am liebsten in die Achtziger Jahre zurückreisen würde: "Ich würde mir gerne anschauen, wie die Einstürzenden Neubauten einen Molotowcocktail ins Publikum geworfen haben." Das wird wohl nicht mehr klappen. Also holt Max Gruber die Musik der Vergangenheit einfach selbst in die Gegenwart. Mit Erfolg: In die Album-Charts ist er mit seiner neuen Platte auf Platz zwölf eingestiegen.

Und was ist mit der Zukunft? Da könnte der Pfälzer vielleicht Deutschlands nächster größer Pop-Export werden. Wenn er es denn möchte – der Höhenflieger leidet unter extremer Flugangst.

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