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Meinung

Nach ESC-Auftritt: Der Fall Madonna und die völlig überdrehte Lust an der medialen Hinrichtung

Madonna hat ihren Auftritt beim Eurovision Song Contest gründlich vergeigt. Die Wucht von Spott und Häme, die sich seitdem kübelweise über die Pop-Queen ergießen, macht allerdings noch viel sprachloser. Klingt pathetisch, aber: Die hasserfüllten Reaktionen erzählen viel über unsere Zeit.

Madonna

Madonna beim ESC: "Endpunkt" einer Jahrhundertkarriere?

Das Internet ist ein Dorf, in dem nur Richter und Henker wohnen. Jeden Tag jagen sie ein anderes Opfer mit Fackeln und Mistgabeln über den Marktplatz. Wer für den Geschmack des Pöbels nicht krass genug abliefert, wer hochtrabende Moralvorstellungen unterläuft oder wer einfach nur eine andere Meinung hat, der befindet sich in akuter Gefahr, ruckzuck verurteilt zu werden.

Das ist nix Neues. Schon vor anderthalb Jahren wurde an dieser Stelle beklagt, dass der erhobene Zeigefinger das am häufigsten entblößte Körperteil einer ganzen Generation ist. Allein: Es wird immer schlimmer. In jeder Hinsicht.

Madonna: Auftritt vergeigt – und sonst so?

Aktuellstes Beispiel ist die Reaktion auf Madonnas Auftritt beim Eurovision Song Contest. Den hat die Pop-Queen, zugegebenermaßen, gründlich vergeigt. Sie hat im Vorfeld ein bisschen viel Brimborium veranstaltet, um anschließend die Töne nicht zu treffen. Es war alles ein bisschen peinlich.

Im Video: Madonnas Auftritt am Samstag in Tel Aviv sorgt für Kopfschütteln. Bei der Performance von "Like a Prayer" traf die 60-Jährige keinen Ton und verpasste Einsätze. 

Madonna

In keinem Verhältnis zu diesem Flop steht aber die Wucht von Spott und Häme, die sich seitdem über die 60-Jährige in Kübeln ergießen. "Wenn Du die Queen of Pop bist, bei einem Live-Auftritt keinen einzigen Ton triffst und Dich bewegst als ob Dein Orthopädieschuhmeister Mist gebaut hat, solltest Du Dich schämen", schreibt zum Beispiel ein Twitter-User mit dem bezeichnenden Namen @saftmoppel. Die weiteren Reaktionen sind unzählig und reichen von "peinlich" über "grottenschlecht" bis "Desaster" und "Katastrophe".

So weit, so gewöhnlich. Vom Social-Media-Mob, der bräsig auf der Couch gammelt, sind wir das schnelle Urteil gewohnt – irgendwo muss die Energie schließlich hin, wenn Blutdruck und Zuckerspiegel von Chips und Cola in die Höhe getrieben werden. Einfach schnell 'nen Kommi ins Netz rauskotzen, das tut dann einfach gut.

Und während wir uns noch fragen, woher dieser Hass und diese Hysterie immer wieder kommen, lesen wir die Kritiken der großen Zeitungen und Magazine. "Dieser Auftritt hat Madonnas Karriere ruiniert", ätzt "Die Welt", während "Spiegel Online" über den möglichen "Endpunkt" ihrer Laufbahn spekuliert. "Das hätte man auch nicht gedacht, dass die Karriere von Madonna so enden würde", kommentiert der freie Medienjournalist und Blogger Stefan Niggemeier bei Twitter.

Es liest sich amüsant, wenn Journalisten eine bald vier Jahrzehnte andauernde Weltkarriere mit ein paar polemischen Schnellschüssen zu beenden versuchen, wenn sie sich ernsthaft diese Urteilsmacht und Expertise zutrauen. Sie reden damit dem Social-Media-Mob nach dem Mund, unbewusst oder bewusst. Substanz? Egal. Wer differenziert, verliert.

Früher hieß es: Wer keine Ahnung hat, sollte öfter mal die Klappe halten. Heute gilt gerne: Von nix 'ne Ahnung, aber zu allem 'ne (krasse) Meinung. Denn klar ist auch, dass Madonnas Auftritt zwar missraten war, es dafür aber Gründe gibt. 

Abgesehen davon, dass Madonna nie eine große Sängerin war, sondern vor allem immer Meisterin der (Selbst-)Inszenierung: Sie habe die Töne nicht vergeigt, erklärt Tenor Björn Casapietra dem Portal "Ruhrbarone", vielmehr seien sie alle einen Hauch zu tief gewesen. Das wiederum habe daran gelegen, dass Madonnas "Stütze" (Atemtechnik beim Gesang – Anm. d. Red.) zu schwach gewesen sei: "Und wenn die müde ist, wenn der Körper müde ist, dann funktioniert er nicht von null auf 100. Dann braucht er Zeit um langsam in Gang zu kommen. Ähnlich, wie ein kalter Motor."

Rasende Respektlosigkeit vor Kunst und Künstler

Dieses Problem werde im zunehmenden Alter nicht kleiner und gestalte einen Auftritt mit nur zwei Songs – im Gegensatz zu einem Konzert – umso schwieriger. Zudem sei die Reihenfolge der Songs – erst den anspruchsvollen, weil "permanent in einer relativ hohen Tessitura" zu singenden Hit "Like A Prayer", dann das neue leichter zu handelnde "Future" – laut Casapietra nicht ratsam gewesen.

Das alles kann natürlich niemand nachvollziehen, der nicht schon einmal auf irgendeiner Bühne stand. Vor allem aber interessiert es die Leute nicht. Sie wollen nur schnell verurteilen und scharf richten. Eine Haltung, die von einer rasenden Respektlosigkeit vor Kunst, Künstlern und deren Lebenswerk zeugt – völlig unabhängig vom persönlichen Geschmack (der Autor dieser Zeilen konnte mit Madonna zum Beispiel noch nie etwas anfangen).

Klingt pathetisch, aber diese Haltung erzählt viel über unsere Zeit. Eine Zeit, in der irgendwelche "Fans" in Petitionen allen Ernstes Staffel-Remakes ihrer Lieblingsserie fordern, weil sie sich diesen und jenen Handlungsstrang anders vorgestellt haben. Und eine Zeit, in der Weltstars mit einem einzigen Auftritt ihre Karriere "ruinieren". Woher auch immer diese völlig überdrehte Lust an der medialen Hinrichtung kommt: Sie entlarvt vor allem jene, die sie befeuern.