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Albumkritik

Letzte Platte?: Neues Rammstein-Album: ein Meisterwerk – und viel Belanglosigkeit

Darauf hatten Fans lange gewartet: Nach zehn Jahren Pause veröffentlichten Rammstein wieder ein neues Album. Da ist es wenig verwunderlich, dass die Band die hoch gesteckten Erwartungen nicht erfüllen kann.

Rammstein-Sänger Till Lindemann

Rammstein gehen ab dem 27. Mai auf Tour

DPA

Als sich Rammstein mit ihrem ersten neuen Song nach zehn Jahren zurückmeldeten, da war alles wieder ein bisschen so wie früher. Über alle Kanäle wurde ein Hype aufgebaut, bevor überhaupt irgendwas über die erste Single des neuen Albums bekannt war, es folgte ein Video-Ausschnitt, in dem die Bandmitglieder als KZ-Häftlinge am Galgen stehen. Ein typischer Rammstein-Move, maximale Provokation, maximaler Effekt, maximale Empörung, maximale Öffentlichkeit. Als der Song "Deutschland" dann schließlich mit opulentem Video erschien, war alles doch anders als es sich viele in ihrer ersten Erregung zurechtgedacht hatten – aber Rammstein hatten die Erwartungen, die sie selbst hochgeschraubt hatten, erfüllt.

Mit ihrem neuen selbstbetitelten Album, dem ersten seit zehn Jahren, gelingt ihnen das leider nicht. Das meiste, was die Rocker nach der langen Pause auftischen, wirkt eher halbgar. 

"Deutschland" ist ein Meisterwerk – und dann?

Dabei schien es im Fall "Deutschland" keineswegs so, als wären Till Lindemann und Kollegen die Ideen ausgegangen. Mit der ersten Single zeigten sich Rammstein politisch wie nie und auf der Höhe einer Zeit, die ganz anders ist als noch beim letzten Album "Liebe ist für alle da". "Deutschland" ist textlich, musikalisch und mit seinem Video, das den Zuschauer in neun Minuten durch tausende Jahre deutsche Geschichte führt, ein Meisterwerk. Das Problem ist nur: Auf dem Album reicht nichts anderes auch nur annähernd daran heran. Was nach dem Opener folgt, ist größtenteils Belanglosigkeit.

Auch die zweite Single "Radio" hatte zwar poppig, aber dennoch einigermaßen verheißungvoll geklungen: Auf die große Geschichtsstunde folgt eine persönliche Erinnerung der Band an ihre DDR-Jugend. Wer allerdings hofft, dass es in diesem Stil weitergeht, liegt falsch. Relevanz entwickelt höchstens noch der Song "Zeig dich", eine Anklage an Geistliche, die "aus Versehen sich an Kindern vergehen". "Puppe" ist bei vielen Fans beliebt, weil es einen Überraschungseffekt hat: Das Stück beginnt langsam, dann fängt Lindemann wie von Sinnen an zu schreien. "Dann beiß ich der Puppe den Hals ab / es geht mir nicht gut."

Rammstein: Grundsolide, aber mehr auch nicht

Dieses Unerwartete ist es, was der neuen Rammstein-Platte an vielen Stellen fehlt. Man hat sich eben an vieles gewöhnt: Den Lindemann-Gesang in Frakturschrift, die Riffs, die Sprachbilder. So ist zum Beispiel ein Song wie "Sex" so platt wie sich der Titel anhört. Und die Zeilen "Wir leben nur einmal / Wir lieben das Leben / Wir lieben die Liebe" wären sicher auch im Musikantenstadl nicht fehl am Platz oder bei Roland Kaiser, für den Lindemann den Text zu dessen Lied "Ich weiß alles" geschrieben hat.

Das heißt nicht, dass Rammstein nach all der Zeit ein schlechtes Album gemacht haben, nur eben eines, das nicht mehr ist als grundsolide. Man könnte auch sagen: langweilig. Bekannt sind Rammstein für die Stücke, bei denen dem Zuhörer kurz der Atem stehen bleibt und er denkt: Hat er das gerade wirklich gesungen? Die Themen, die nun einmal existieren, über die aber keiner spricht – außer Rammstein: Sadomaso, Kannibalismus, Sextourismus, Inzest.

Das letzte Rammstein-Album?

Diesen "Darf man das?"-Moment gab es beim ersten Videoschnipsel zu "Deutschland". Das scheint dann aber auch erst einmal genug Provokation gewesen zu sein. Lediglich bei "Hallomann", in dem Lindemann sein lyrisches Ich zum pädophilen Kindesentführer macht, breitet sich beim Zuhören kurz dieses Unwohlsein aus.

Fast scheint es, als habe sich die Masche Rammstein abgenutzt. Auf das nächste Album wird man womöglich nicht nur zehn Jahre warten müssen. Gut möglich, dass es die letzte Rammstein-Platte war.

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