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Musikvideo "Deutschland": Rammstein-Kontroverse: Die Provokation war billig – aber das Video ist eine Sensation

Rammstein sind zurück mit dem ersten neuen Song seit 2011: Das Video zu "Deutschland" bricht alle Klickrekorde und wird heftig diskutiert. Was steckt hinter dem Hype?

Rammstein-Video provoziert mit Band als KZ-Insassen

"Wenn die Leute einem zuhören sollen, reicht es nicht, ihnen einfach auf die Schulter zu tippen", hat Kevin Spacey als diabolischer John Doe im Serienkillerthriller "Sieben" gesagt. "Man muss sie mit einem Vorschlaghammer treffen, erst dann können sie sich ihrer Aufmerksamkeit gewiss sein."

Das war 1995, jenem Jahr, in dem Rammstein ihr erstes Album "Herzeleid" veröffentlichten – um fortan eine ganze Karriere auf Does Motto zu bauen. Und seit gestern ist die Geschichte der Berliner Band um ein spektakuläres Kapitel reicher. "Deutschland" heißt der erste neue Song seit 2011 und ist der Vorbote zu einer unbetitelten Platte, die im Mai erscheinen soll und nicht nur von Hardcore-Fans mit Spannung erwartet wird.

Aber, wie so oft bei Rammstein, reden erst mal alle nur über das Video zum Song:

Rammstein und die kalkulierte Hysterie

In den ersten 16 Stunden seit Veröffentlichung des Clips wurde er bereits sechs Millionen Mal angesehen, was einerseits schlicht am schnöden Comeback einer der größten Rockbands der Welt liegt, andererseits vor allem an einem zweifelhaften Teaser, in dem die Bandmitglieder in Uniform von KZ-Insassen mit Strick um den Hals auf ihre Hinrichtung warten.

Der Ambition des Endprodukts wird dieser 35-sekündige Vorbote natürlich nicht gerecht. Er dient ausschließlich dazu, maximale Aufmerksamkeit zu generieren. In Anbetracht der aus dem Zusammenhang des knapp neuneinhalbminütigen Musikvideos gerissenen Symbolik eine billige Provokation – aber für die waren sich Rammstein zeit ihres Schaffens noch nie zu schade, wenn es darum ging, ihre eigentlich deutlich differenziertere Kunst zu bewerben.

Die kalkulierten Reaktionen: Hysterische Medienberichte, die der Band "diesmal aber wirklich" die Überschreitung "einer roten Linie" vorwerfen; empörte Politiker, die ihren Senf längst unreflektiert zu jeder viralen Sau, die durchs Dorf getrieben wird, dazugeben; aber auch kluge Bemerkungen wie jene der Sprecherin der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Iris Rosenberg.

Wie ist es denn nun eigentlich, das Video?

"Yad Vashem kritisiert nicht generell künstlerische Arbeiten, die an Holocaust-Bilder erinnern", so Rosenberg. "Wir glauben, dass eine respektvolle künstlerische Darstellung des Subjekts legitim sein kann, solange es die Erinnerung an den Holocaust keinesfalls beleidigt, herabsetzt oder schändet. Und nicht nur als bloßes Werkzeug dient, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu gewinnen."

Ohne diese Prämisse wären schließlich in der Vergangenheit auch Filme wie "Der Pianist" oder "Inglorious Basterds" nicht möglich gewesen. Am Ende ist die Debatte also auch im Fall des Rammstein-Videos müßig. Aber ganz abgesehen von der erwartbaren Empörung: Wie ist es denn nun eigentlich, das Video? 

Künstlerisch ist es, kurz gesagt, eine Sensation. Inszeniert von Regisseur Specter Berlin, ist "Deutschland" eine Tour de Force durch die teutonische Geschichte, ein postmodernes Feuerwerk (pop-)kultureller Zitate und eine ironisch gebrochene Geschichtsstunde – und zusammen mit dem Brimborium drumherum künftiger Stoff für medienwissenschaftliche Seminare.

"Meine Liebe kann ich dir nicht geben"

Musikalisch ist der Song klassisches Rammstein-Einmaleins, textlich eine hadernde Hymne über die gebrochene Beziehung zu einem Land mit der denkbar schlimmsten Geschichte, wie sie in unseligen Zeiten eines wiedererstarkten und immer weiter erstarkenden Nationalismus dringlicher nicht sein könnte: "Meine Liebe kann ich dir nicht geben", lautet dabei ein Fazit, mit dem eigentlich alles gesagt ist.

Manchmal möchte man sich ärgern, dass Rammstein immer noch gerne auf den billigsten Effekt setzen, aber am Ende ärgert man sich trotzdem am meisten über jene, die immer noch darauf hereinfallen. Eins ist klar: Die Reduzierung auf den Holocaust-Hinweis im Teaser hätten sie angesichts des Endprodukts nicht nötig gehabt. Denn die beteiligten Künstler, von der Band bis zum Regisseur, sind sehr viel klüger als diese Provokation. Aber sie können es halt nicht lassen. Sie leben die Lehre des John Doe. Bis zum bitteren Ende.

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