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"Ich wollte aufhören": Wie Trettmann zur größten Cinderella-Story der deutschen Rap-Geschichte wurde

Vor drei Jahren kannten Trettmann nur absolute Musik-Nerds. Jetzt steht er in Chemnitz beim "Wir sind mehr"-Konzert mit den Toten Hosen auf der Bühne – und setzt sich gegen Fremdenfeindlichkeit ein. Seine Cinderella-Story.

Trettmann beim Konzert

Trettmann stand beim "Wir sind mehr"-Konzert in Chemnitz auf der Bühne. Vor drei Jahren wäre das bei so einer Veranstaltung unwahrscheinlich gewesen.

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Chemnitz am Montag, den 3. September – kurz nach 17 Uhr: Zehntausende feiern beim "Wir sind mehr"-Konzert auf dem Parkplatz vor der Johanneskirche. Es soll ein Zeichen gegen Rechts gesetzt werden. Zu schlimm waren die Ereignisse der vergangenen Tage, als Neonazis und Hooligans die Tötung eines Deutschen instrumentalisierten, um Jagd auf Ausländer zu machen. Dass es so viele sind, ist auch dem Mann zu verdanken, der sich auf der Bühne unter einer schwarzen Sonnenbrille und weißen Cap versteckt: Trettmann.

"Liebe ist immer größer als Hass", sagt er den Zuschauern, bevor er anfängt, zu singen. Es dauert nicht lang, bis es aus tausenden Kehlen "Weiße Sneaker/Mehr wert als Millionen" tönt. Gänsehaut  bei den Zuschauern - und zugleich wirkt es skurril. Denn da steht ein 44-jähriger Mann, den vor zwei Jahren nur Experten kannten. Nun sind es vor allem die jungen Leute, die seine Songs feiern. Die Karriere von Stefan Richter, wie Trettmann mit bürgerlichem Namen heißt, ist vielleicht die außergewöhnlichste der deutschen Hip-Hop-Welt: vom Nobody, der kurz davor war, seine Karriere hinzuschmeißen, zum Liebling der Fachpresse – und das mit Mitte 40. Doch wie kam es zur wohl größten Cinderella-Story der deutschen Rap-Geschichte?

Klamauk folgt Ernsthaftigkeit folgt Erfolg

Es ist schon ein paar Monate her, als NEON den gebürtigen Sachsen vor seinem Tour-Start in Hamburg trifft. Im Backstage-Bereich. Ganz privat. Ganz ohne Sonnenbrille und Cap. "Mittlerweile erkennen mich einige gar nicht mehr, wenn ich die Sonnenbrille mal nicht trage", gesteht er. "Sonnenbrille und Cap sind schon zu meiner Trademark geworden." Sie stehen sinnbildlich für seinen musikalischen Erfolg.

Trotzdem sei das alles irgendwie beängstigend, so Trettmann. "Es bestätigt mich zwar in der Hinsicht, dass ich jahrelang drangeblieben bin – auch als es nicht so lief. Aber es ist irgendwie komisch." Wenn man sich den Verlauf seiner Musikkarriere anguckt, wird schnell klar, was er damit meint. 2006 landet Trettmann noch als Ronny Trettmann mit seiner ersten Single "Der Sommer ist für alle da" einen Hit auf Youtube. Der Song hält sich vier Wochen in den Charts. Der Style ist unique. Sächsischer Dialekt auf Reggae/Dancehall-Beats. Trotzdem gelingt der Durchbruch nicht. 2013 sammelt er im Internet sogar Spenden, um sein Album "Tanz auf dem Vulkan" zu finanzieren. Er ist kurz davor, seine Karriere hinzuschmeißen. "Ich wollte aufhören. Es gab den Moment, wo ich alles angezweifelt habe. Letztendlich entschied ich mich dagegen. Denn es gab nichts Beständigeres in meinem Leben als die ", so Trettmann. Deshalb habe er weitergemacht. Trotzdem verändert er sich. Der Dialekt verschwindet. Ronny wird gestrichen. Er schließt sich dem kreativen Kollektiv Kitschkrieg an. Plötzlich kommt alles ins Rollen.

"Sie sind der Schlüssel meines Erfolges. Es passt einfach. Ich kann durch sie auch mal loslassen", so Trettmann. In der Tat: Kitschkrieg und er – das ist eine Symbiose. Ein Produzententeam und ein Künstler, die sich gesucht und gefunden haben. Mit jeder neuen Veröffentlichung, mit jedem neuen Song steigt der Bekanntheitsgrad. Nach vier EPs folgt dann auch noch die Zusammenarbeit mit Bonez MC und RAF Camora. Plötzlich kennt auch der Mainstream seine Musik. Doch statt das für sich zu nutzen, fährt er mit seinem Album "DIY" (Do it yourself, Deutsch: Mach es selbst, Anm. d. Red.) seine ganz eigene Schiene. Der Sound. Die Texte. Die Themen. Das Storytelling. Alles neu. "Er ist ein Beweis dafür, dass auch Deutschrap erwachsen werden kann", schreibt die "FAZ".

Trettmann: "Ich wollte nie Sänger werden"

Auch Trettmann selbst ist stolz auf sein Werk. "Für mich fühlt es sich wie mein erstes Album an – auch wenn es das nicht ist", sagt er und scheint endlich angekommen zu sein. "Ich bin sowieso ein Spätzünder. Ich wollte nie Sänger oder Rapper werden. Musik war für mich so ein spontan lustiges Ding." Aus Berufung ist nun sein Beruf geworden. Wie singt er in seinem Song "Knöcheltief? "Gar nicht lange her / Noch vor paar Jahren / Flogen wir noch unter dem Radar / Jetzt stehen wir knöcheltief im Wasser in den West Indies". Es trifft den Nagel auf dem Kopf. Trettmann ist oben angekommen. Zwar spät. Aber besser spät als nie.

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