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Reportage der Woche

#wirsindmehr: Mehr Festival als Protest? Ein Ortsbesuch zwischen Alkopops und Wut

Knapp 65.000 Menschen kamen in Chemnitz zum "Wir sind mehr"-Konzert zusammen. Die Zuschauer feierten, tanzten und riefen "Nazis raus". Doch war es am Ende mehr Festival als Protest? Darauf gibt es eine klare Antwort.

Von René-Pascal Weiß, Chemnitz

Chemnitz – #wirsindmehr: Ein Protest oder nur ein kostenloses Konzert?

War das "Wir sind mehr"-Konzert in Chemnitz mehr ein Protest oder nur ein kostenloses Konzert?

Es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich das Wort Randale ausgelegt werden kann. Vergangene Woche tobte der Nazi-Mob in Chemnitz und nun steht Kraftklub auf der Bühne und singt: "Hey, Randale, hey hey, Randale, hey, Randale, hey hey, Randale". Wer sich umschaut an diesem friedlichen Montag in Chemnitz, der merkt: Die Zuschauer leben die "Randale" singend und tanzend aus – und nicht mit Gewalt und Nazi-Sprüchen. Sie alle sind zum #wirsindmehr-Konzert gekommen, um zu zeigen, dass es der großen Mehrheit der Bevölkerung eben nicht egal ist, wenn irgendwelche Nazis auf vermeintlichen Trauermärschen den Hitlergruß zeigen. Friedliche Randale gegen Rechts.

Mittags im Regionalzug nach Chemnitz herrscht Festivalatmosphäre. Die Leute wollen feiern. Es ist eng und voll. Wer keinen Platz gefunden hat, sitzt auf dem Fußboden des schmalen Ganges neben den Sechserabteilen. Durch eine Bluetooth-Box schallt ein Lied der Rap-Gruppe "K.I.Z.": "Und wir singen im Atomschutzbunker: 'Hurra, diese Welt geht unter!'" Die Leute im Zug sind meist jung, sie grölen lautstark mit. Dazu werden Bier und Alkopops getrunken. Sieht auf den ersten Blick nicht so aus, als seien alle unterwegs, um ein politisches Statement zu setzen. 

Julia, 19, feiert nicht. Sie fährt zwar auch der Musik wegen in die 250.000-Einwohner-Stadt im Südwesten Sachsens. Doch die Politikwissenschaftsstudentin ist wütend. Ihr sei es wichtiger, ein Zeichen gegen Rechts zu setzen: "Ich habe keinen Bock mehr auf diesen verdammten rechten Mob." Klar, der nette Nebeneffekt: Beim #wirsindmehr-Konzert treten Künstler wie Casper, Marteria, Kraftklub, Trettmann, Feine Sahne Fischfilet und Die Toten Hosen auf – und zwar kostenlos. Acts, die normalerweise Headliner bei fast jedem Festival in Deutschland sind.

Marteria ist sichtlich gerührt

Julia ärgert sich aber vor allem über die gewaltbereiten Hooligans und Neonazis, die vergangene Woche für zwei Tage die Chemnitzer Innenstadt unsicher machten – indem sie den gewaltsamen Tod von Daniel H. instrumentalisierten. Der 35-jährige Deutsche wurde bei einem Stadtfest erstochen. Ein Iraker und ein Syrer gelten als tatverdächtig. Wind in den Segeln Rechter.

"Auch in meiner Familie gibt es Verwandte mit rechtem Gedankengut. Meistens sind es die DDR-Nostalgiker", erzählt Julia. "Ältere Leute, die ohne Ausländer aufgewachsen sind." Davon gäbe es besonders in den neuen Bundesländern reichlich, so die gebürtige Dresdenerin. Sie glaube aber nicht, dass davon heute welche da sein werden. In der Tat: Am Hauptbahnhof von Chemnitz ist es ruhig, als der Zug eintrifft. An jeder Straßenecke stehen bewaffnete Polizisten. Die Hauptstraßen der Innenstadt sind gesperrt. Es fährt kein Auto. Kein Bus. Keine Straßenbahn. Es wirkt, als sei die Stadt ins künstliche Koma versetzt worden. Nur die Konzertbesucher hauchen Chemnitz Leben ein. Viel Leben. Denn es sind Tausende, die gekommen sind.

Auf der Pressekonferenz zeigt sich der Frontmann von Kraftklub, Felix Brummer, sichtlich gerührt. Er sagt: "Wir werden die Welt nicht mit einem Konzert retten. Aber manchmal ist es wichtig, dass man sich nicht alleine fühlt." Auch Rapper Marteria wird persönlich. Er erinnert an die Ereignisse in Rostock-Lichtenhagen: "Ich habe das damals 1992 miterlebt. Das hat klein angefangen und dann standen irgendwann Tausende vor dem Sonnenblumenhaus und haben angefangen, Molotowcocktails zu werfen. Schlimm, dass hier nun ein Mord benutzt wurde."

"Es geht nicht um Partystimmung"

Der Ort, um den es seit einer Woche in der Stadt geht, ist zu einer Art Mahnmal geworden. Blumen, Kerzen und Sprüche zieren die Stelle, an der Daniel H. erstochen wurde. Drumherum spielt sich ab, was ein Karikaturist sich nicht besser hätte ausdenken können: Nazis, Polizisten, neutrale Beobachter, Freunde des Verstorbenen und Punks nehmen die Stelle für sich ein. Kurzzeitig kommt es zu einer verbalen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Chemnitzern: "Die Chemnitzer haben Angst vor den Nazis", ruft ein größerer Mann einem Freund von Daniel zu, der am Tatort trauert. Die Polizei schreitet klärend ein. Die Lage beruhigt sich schnell wieder.

Wenig später geht das Konzert los. Es beginnt mit einer Schweigeminute für Daniel H. und für alle Opfer von rechter Gewalt. Anschließend klärt eine Sprecherin von "Chemnitz nazifrei" die Frage, warum das Konzert stattfindet. "Es geht nicht um Partystimmung, sondern darum, dass ein Verbrechen von rechten politischen Gruppen vereinnahmt wurde." Währenddessen schleppen zwei Typen ihren Bierkasten über die vierspurige Kreuzung, an der das Konzert stattfindet. Party und Protest gehen eben doch Hand in Hand. 

Es gibt auch diejenigen, denen die Musik völlig egal ist. Oliver, 28, ist einer davon. Er kommt aus der Nähe von Chemnitz. "Es geht hier heute um etwas ganz Wichtiges – und zwar die Grundfeste der Demokratie. Die wurden in den vergangenen Tagen infrage gestellt. Die Aufgabe des Bürgers ist nun, dagegen vorzugehen. Ob man das wegen der Musik macht, ist scheißegal. Hauptsache, man macht es."

Der Politikwissenschaftsstudent hat selbst Erfahrung mit rechter Gewalt gemacht. Er erzählt von einem Vorfall, der sich vor fünf Jahren ereignete. "Damals habe ich mit anderen von den Grünen mit Kreide auf die Straße 'Demokratie fetzt' geschrieben. Dafür wurden wir dann von Neonazis verprügelt." Seitdem habe sich im Kampf gegen Rechts nicht viel geändert. "Es ist traurig, aber es ist schon ein großer Fortschritt, dass wir inzwischen sächsische Ministerpräsidenten haben, die zugeben, dass wir Rechtsextremismus haben." Das sei vor einigen Jahren noch anders gewesen, so Oliver.

Chemnitz zeigt #Wirsindmehr

Von Rechtsextremismus ist an diesem Abend nichts zu spüren. Was vor wenigen Tagen noch kaum vorstellbar war, ist nun Realität: Chemnitz hat Weltstadt-Charakter. Alles ist bunt: von jungen Frauen mit Kopftuch bis zu Männern mit rosa Haaren und Rentnern, die gemeinsam mit Jugendlichen feiern. Auf 40.000 Menschen werden sie anfangs geschätzt. Mit jedem Tweet der Polizei werden es mehr. Am Ende sollen es laut der Stadt Chemnitz 65.000 gewesen sein. "Ohne Scheiß, hier werden montagabends normalerweise die Bordsteine hochgeklappt", sagt eine Chemnitzerin.

Was sagte Campino noch auf die Frage, wann die Veranstaltung ein Erfolg sei? "Wenn eine Riesenzahl von Menschen kommt und wenn alles gewaltfrei bleibt." Zu Gewalt sei es nicht gekommen, bestätigt die Bundespolizei bei Twitter, und die Zahl der Zuschauer war riesig. War die Veranstaltung jetzt mehr Party als Protest? Der Tag in Chemnitz hat gezeigt: Das ist völlig egal. Denn wir sind mehr. Und genau darum ging es bei dieser Aktion.

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