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Start-up "1NiteTent": Couchsurfing für draußen: Wie dieses Paar Urlaub in Deutschland attraktiver machen will

Warum in Deutschland Urlaub machen, wenn das Wochenende in Malle genauso viel kostet? Dieses Pärchen hatte eine Idee, wie sie Ferien im eigenen Land attraktiver machen können: eine Art Couchsurfing, nur fürs Zelten. NEON hat mit den Beiden über ihr Start-up "1NiteTent" gesprochen.

Anne-Sophie Hußler und Patrick Pirl

Anne-Sophie Hußler und Patrick Pirl gründeten die Plattform "1NiteTent"

Anne-Sophie Hußler und Patrick Pirl sind keine Outdoor-Freaks oder Camping-Fans, doch in ihrem aller ersten Zelt-Urlaub in Schweden fiel ihnen etwas auf: In vielen skandinavischen Ländern gilt das Jedermannsrecht. Dies besagt, dass die Natur von jedem genutzt werden kann und dadurch mit Einschränkungen auch überall unabhängig von Grundbesitzrechten gezeltet werden darf. In Deutschland ist dies allerdings verboten.

Geflasht von ihrer Freiheit in Schweden begannen sie ihre Mission: ein Stück Jedermannsrecht nach Deutschland bringen. So entstand die Plattform "1NiteTent" – eine Art Couchsurfen für Camper. Auf Anne-Sophies und Patricks Website können können Wanderer, Radler und Camper auf einer Landkarte Grundstücke finden, auf denen sie ihr Zelt kostenlos für eine Nacht aufstellen können. Wie ihre Idee Reisen nachhaltiger machen soll und was sie aus ihrem Start-Up gelernt haben, erzählen sie im NEON-Interview.

Welche Grundstücke bzw. Gärten werden bei "1NiteTent" angeboten? Stehen da auch immer Häuser drauf - und soll man mit den Gastgebern ins Gespräch kommen?

Patrick: Eigentlich ist das vollkommen egal, da setzen wir keine Grenzen. Grundsätzlich muss es Grund und Boden sein, über den die Anbieter auch selbst verfügen. Ob das jetzt ein Stück Wald, eine Feldfläche oder ein Vorgarten ist. Wir freuen uns natürlich, wenn Gastgeber und Gäste aufeinander treffen und ins Gespräch kommen.

Anne-Sophie: Aber meistens sind es Gärten - außer in Schleswig Holstein, da gibt es auch einige öffentliche Plätze, die angeboten werden.

Und man darf nur eine Nacht bleiben?

Anne-Sophie: Auch im Jedermannsrecht ist festgelegt, dass man nach einer Nacht den Zeltplatz wechseln sollte, zumindest um einige 100 Meter. Daran ist auch unser Konzept angelegt. Es geht uns ums Wandern, ums Reisen.

Patrick: Das kommt aber auch auf die Platzanbieter an. Wenn die sich super gut verstehen, kann jeder Gastgeber selbst entscheiden, wie lange er den Platz zur Verfügung stellt.

Ihr sagt, mit eurer Idee wollt ihr Urlaub nachhaltiger machen. Wie soll das funktionieren?

Patrick: Wir wollen Bewusstsein schaffen für die Art, wie wir reisen. Wir wollen Slow Traveling fördern. Wir sprechen Menschen an, die sich für nachhaltigere Fortbewegungsarten entscheiden, mit dem Fahrrad, zu Fuß oder mit der Bahn reisen.

Anne-Sophie: Wir wollen auch Reisen in Deutschland attraktiver machen. Wenn ein Flug nach Mallorca billiger ist als die Ferienwohnung in Deutschland, dann fliegt man natürlich weg. Durch unsere kostenfreie Variante wollen wir Menschen motivieren, auch Deutschland zu entdecken.

Patrick: Was uns in Skandinavien auch aufgefallen ist, ist, dass die Wälder dort beispielsweise viel sauberer sind. Die Menschen dort haben ein ganz anderes Bewusstsein für die Natur. Wir wollen mit "1NiteTent" dazu beitragen, dass wir einen neuen Umgang mit der Natur erlernen.

Gibt es eine Geschichte von Nutzern, die euch zum Schmunzeln gebracht hat?

Patrick: Ein ehemaliger Nachbar von mir macht gerade eine Fahrradrundreise um die Ostsee, durch Skandinavien. Und plötzlich ist ein Zeltplatz in Weißrussland auf unserer Karte aufgeploppt. Wir waren natürlich super verwundert. Es stellte sich dann heraus, dass dieser frühere Nachbar dort couchgesurft ist und die Familie, bei der er war, von unserer Idee total begeistert war und sich direkt angemeldet hat.

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Gibt es Regeln, damit die Gärten der Menschen nicht im schlimmsten Fall verwüstet hinterlassen werden? Und wer haftet, wenn etwas schief läuft?

Anne-Sophie: Das hat uns wirklich schlaflose Nächte verschafft. Wir haben uns dazu entschieden, dass jeder Gastgeber selbst Regeln aufstellt und auch Haftungsfragen mit den Gästen selbst klären muss. So als hätte man Freunde zu Gast, dann klärt man das ja auch untereinander. Wir sind quasi nur die Plattform, die Informationen zur Verfügung stellt.

Patrick: Auf unserer Seite haben wir eine Art Kodex: Uns ist wichtig, dass jeder willkommen sein muss unabhängig von Herkunft. Der Platz muss so hinterlassen werden, wie er vorgefunden wurde. Und man darf nichts von den Zeltplätzen mitnehmen als Erinnerung.

Habt ihr eure eigene Idee auch selbst ausprobiert?

Anne-Sophie: Am 6. Juli vor einem Jahr ging die Seite online, und dann haben wir gleich unsere Sachen gepackt und sind drei Orte weiter von unserem Heimatort in Sachsen gewandert. Die Familie war so nett, wir wurden direkt zum Abendbrot eingeladen. Freunde der Familie und viele Kinder waren auch da. Und die Natur und Idylle war einfach toll.

Ursprünglich wolltet ihr alles mit Crowdfunding finanzieren, das hat aber nicht geklappt ...

Anne-Sophie: Wir hatten einfach noch keine Crowd. Und es ist super schwer, jemanden nur von einer Idee zu überzeugen. Aber durch das Crowdfunding hat sich dann die Idee verbreitet. Und nachdem die Zeit abgelaufen war und wir es nicht geschafft hatten, wussten wir auch nicht so richtig, was wir machen sollten. Wir hatten ja so viel Energie da rein gesteckt. Dann hat sich zum Glück ein befreundeter Programmierer dazu entschlossen, uns eine Webseite zu bauen und das ohne Bezahlung. Bis er damit fertig war, hat es noch zwei Jahre gedauert. Gerade haben wir unseren hundertsten Platz verzeichnet. Da hat sich unsere Mühe doch gelohnt.

Was könnt ihr anderen raten, die auch so eine innovative Idee umsetzen wollen? Was habt ihr gelernt?

Anne-Sophie: Zuerst: dranbleiben und jeden Tag einen Schritt in die richtige Richtung machen, sei er noch so klein. Was die Finanzierung angeht, hätten wir auch Fördermöglichkeiten wahrnehmen können. Das haben wir erst jetzt im Nachhinein festgestellt. 

Patrick: Es gibt auch viele Ideenwettbewerbe mit Preisgeldern, bei denen man sich beteiligen kann. Und immer darüber reden! Erzählt es euren Freunden, reicht es bei Wettbewerben ein, das spricht sich dann rum.

Verdient ihr mit "1NiteTent" Geld?

Anne-Sophie: Im Moment noch nicht, und dafür wurde uns auch schon bei Workshops der Kopf gewaschen. Wir würden da etwas blauäugig rangehen und nicht wirtschaftlich genug denken. Zum einen ist es ja unsere eigene Arbeitsleistung, die bezahlt werden sollte, und zum anderen entstehen auch Kosten. Da sind wir gerade dran, ein Konzept zu entwickeln. Aber für uns ist besonders wichtig, dass "1NiteTent" für die Nutzer kostenfrei bleibt.

Unter www.1nitetent.com könnt ihr euch Gastgeber registrieren und einen Zeltplatz finden.