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Interview

Nachhaltig reisen: Dieser 24-Jährige reist zwei Jahre um die Welt, ohne ein Flugzeug zu benutzen

Mit dem Schiff, dem Zug oder einfach zu Fuß – seit 19 Monaten reist Alessandro um die Welt. Wie ihn die Reise nachhaltig gemacht hat und wovor er wirklich Angst hatte, erzählt er im NEON-Interview.

Nachhaltigkeit Reisen

Der 24-Jährige Alessandro reist unter anderem auf Containerschiffen, um nicht das Flugzeug zu benutzen

Alessandro lebt in einer kleinen Stadt bei Bologna, arbeitet seit seinem 16. Lebensjahr als Automechaniker – und will raus in die Welt. Doch statt in ein anderes Land in Europa zu ziehen, packt der 24-Jährige seine Sachen und reist mit seinem Ersparten zwei Jahre lang um die Welt; und fliegt dabei nicht ein einziges Mal. Auf seinem Instagram-Channel "Journey 24" dokumentiert Alessandro seine Erfahrungen. NEON erreicht ihn in Kolumbien und spricht mit dem Weltenbummler über nachhaltiges Reisen und sein Budget.

Alessandro, wie kamst du auf die Idee, diese Reise zu machen?

Ein Freund hat mich zu der Reise inspiriert: Er empfahl mir zwei Bücher von Italienern, die um die Welt gereist sind ohne zu fliegen. Das Buch "Ohne Geld um die Welt. 100 Tage unterwegs. Das große Reiseabenteuer", von Matteo Pennacchi hat mich dazu inspiriert, dass alles möglich ist. Das andere ist die Geschichte von Claudio Pelizzeni, der in 1000 Tagen um die Welt gereist ist. Die Idee, so eine Reise zu machen, schien mir perfekt – ich wollte weg aus meinem kleinen Heimatdorf in Italien, aber wusste nie so richtig wohin. Bei einer Weltreise kannst du alles sehen – und Reisen ohne zu fliegen war die große Herausforderung dabei. Auf den Wegen zwischen Städten und Ländern erlebst du viel mehr vom Land und den Menschen, als wenn du einfach nur von Hauptstadt zu Hauptstadt fliegst.

Diese Art des Reisens wird immer beliebter, weil es wesentlich umweltfreundlicher ist. Hast du schon vor deiner Reise nachhaltig gelebt?

Ehrlich gesagt habe ich vorher nicht wirklich darauf geachtet. Als Mechaniker hatte ich in Italien auch ein eigenes Auto. Ich habe in der Reise vor allem die Herausforderung gesehen, ohne Flugzeug alle Orte zu erreichen und viel von den Ländern zu sehen. Aber durch die Reise bin ich viel sensibilisierter für das Thema Nachhaltigkeit geworden. Wenn du nicht fliegst, sondern ständig auf dem Landweg unterwegs bist, nimmst du die Luftverschmutzung und den ganzen Müll viel bewusster wahr. Daher versuche ich mittlerweile, ganz bewusst auf mein Verhalten während der Reise zu achten.

Wie setzt du das dann um?

Abgesehen davon, dass ich kein Flugzeug benutze, habe ich meinen Fleischkonsum drastisch eingeschränkt und versuche, möglichst wenig Müll zu produzieren – dabei  konzentriere ich mich besonders darauf, Plastik einzusparen. Ich denke, dass es wichtig ist, in jedem Bereich möglichst viel für den Umweltschutz zu tun, aber um wirklich etwas zu verändern, versuche ich, mich auf einen Bereich mehr zu konzentrieren. Daher benutze ich wiederverwendbare Flaschen oder fülle Plastikflaschen solange nach, wie es geht.

Ist Reisen ohne Flugzeug denn kostengünstiger?

Leider ist es tatsächlich teurer als zu fliegen. Es ist zwar romantisch, ein Boot zu nehmen, aber die gesamte Reise dauert viel länger. Zudem gibt es nicht immer feste Routen und man muss als Reisender auf Containerschiffe umsteigen. Für einzelne Reisende berechnen sie jedoch oft hohe Preise. Aber es hat auch unglaubliche Vorteile so zu reisen: Du lernst zum ersten Mal Distanzen zu schätzen, und merkst, wie lange es wirklich dauert, von einem Punkt zum nächsten zu kommen.

Wie hast du deine Reise finanziert?

Ich habe in den letzten sechs Jahren Geld gespart und die Reise davon finanziert. Mein Plan ist, 15-25 Euro am Tag auszugeben. Aber an manchen Tagen musst du auch gar nichts zahlen, da die meisten Menschen sehr hilfsbereit und gastfreundlich sind. Oft habe ich Essen oder Unterkünfte umsonst bekommen. Arbeiten konnte ich in den meisten Ländern nicht, weil ich kein Arbeitsvisum hatte – aber teilweise habe ich ausgeholfen und dafür eben einen Schlafplatz oder eine Mahlzeit erhalten. Bisher habe ich jedenfalls weniger ausgegeben, als mein Leben in den 19 Monaten zu Hause gekostet hätte.

Was war deine größte Herausforderung bisher?

Als ich im letzten Jahr in Myanmar unterwegs war, habe ich plötzlich Probleme mit dem Magen bekommen. Nachdem die Schmerzen nicht weggingen, dachte ich, dass ich vielleicht eine Blinddarmentzündung habe. Aber ich war ganz allein irgendwo im Nirgendwo. Schließlich habe ich noch ein Taxi gefunden, mit dem ich in die Hauptstadt fahren und ins Krankenhaus gehen konnte. Es war zum Glück nichts Ernstes und nach drei Tagen Antibiotikum ging es mir wieder gut. Aber in dem Moment hatte ich wirklich Angst – denn du triffst zwar im Hostel und auf Reisen viele Menschen, aber gerade in solchen Situationen bist du meistens ganz auf dich allein gestellt.

Wird sich das Reisen ohne Flugzeug in Zukunft durchsetzen?

Zurzeit ist es wirklich kompliziert, teuer und zeitaufwendig, ohne Flugzeug zu reisen. Und für Geschäftsreisen und Städtetrips wird das Flugzeug für lange Distanzen auch in Zukunft das Fortbewegungsmittel der Wahl sein, denke ich. Aber in vielen Ländern wäre es schon ein guter Anfang, das Fernbussystem und die Bahnstrecken auszubauen. Außer in Russland, den USA und China bekommt man außerdem als Europäer in den meisten Ländern ein Visum direkt am Flughafen oder der Grenze – auch das macht das Reisen einfacher. Zudem glaube ich, dass jeder ein Stück zur Veränderung in der Welt betragen kann, zum Beispiel indem er auf Plastik verzichtet – dafür muss man nicht zwingend komplett das Fliegen einstellen, denn schon eine kleine Veränderung im Verhalten kann die Welt positiv verändern.

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