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Selbstversuch: Mit fast 30 im Freizeitpark: Wenn die Angst vorm öffentlichen Erbrechen überhandnimmt

Als Kind gab es wohl nichts Aufregenderes als einen Tag im Freizeitpark. Ob Achterbahn und Co. mit fast 30 Jahren immer noch den gleichen Effekt haben, wollte unsere Autorin herausfinden.

Freizeitpark

Höhenangst habe ich nicht. Über Kopf muss ich trotzdem nicht allzu viel Zeit verbringen.

Wer erinnert sich nicht an die Aufregung, die verheißungsvolle Spannung, die man als Kind verspürt, wenn man in der Ferne die ersten Umrisse von Achterbahnen, Riesenrädern und Loopings erspäht. Beinahe unmöglich schien es damals, in der Nacht vor einem Ausflug in einen Freizeitpark schlafen zu können.

Die Zeiten der kaum auszuhaltenden Aufregung vor Geburtstagen oder Ausflügen derart ist mittlerweile leider vorbei. Trotzdem wollte ich herausfinden, ob nicht ein bisschen was von der Faszination Freizeitpark übrig geblieben ist. Also plante ich einen Besuch in den Heide Park Soltau.

Selbstversuch im Freizeitpark

Und es begann gleich ganz anders, als ich es von früher in Erinnerung hatte. Statt mit schweißnassen Händen und klopfendem Herz auf das erste Fahrgeschäft zu zu rennen, wollte ich erstmal eines: einen extra-großen Kaffee. Schließlich war Montag. Es war Mittag. Erstmal wach werden. Als das Koffein dann endlich seine Wirkung zeigte, hätte es eigentlich losgehen können. Aber nee, noch war ein Rest brauner Plörre im Kaffeebecher. Und sowieso, war doch so schönes Wetter. Statt direkt zum ersten Looping zu laufen, gingen wir gemächlich in Richtung Panoramabahn, die mit gefühlten zwei Stundenkilometern durch den Park zuckelt. Irgendwie gemütlich, und so leer. "Den Kaffeebecher aber nicht in den Park schmeißen", ermahnte uns die Angestellte an der Bahn. "Wer macht denn sowas?" wollten wir wissen. "Na ja, die Jugendlichen natürlich", antwortete sie. Zu dieser Gruppe gehörten wir ganz offensichtlich nicht mehr: Wir entsorgten unsere To-Go-Becher ordnungsgemäß, ist ja klar.

Mit dem Kaffee intus und nach unserer "wir verschaffen uns erstmal einen Überblick"-Fahrt in der Panoramabahn gingen uns dann tatsächlich die Ausreden aus. Jetzt mussten wir aber wirklich mal die erste Achterbahn ansteuern – es führte kein Weg dran vorbei. Unser Ziel war "Limit", die ich noch von früher in Erinnerung hatte und in der die Beine frei nach unten baumeln und man die Hälfte der Zeit über Kopf in der Luft hängt. Vor einigen Jahren hätte ich gedacht: Mega geil, hoffentlich ist die Schlange nicht so lang, damit ich gleich nochmal rein kann. Jetzt dachte ich: Nicht, dass der Kaffee direkt wieder hochkommt.

Dass die Gurte irgendwie so ruckeln und ich noch verdächtig viel Platz zwischen Sicherheitsbalken und Körper hatte, wäre mir als Kind nie aufgefallen. Jetzt bat ich den Mann, der die Dinger bevor es losgeht noch mal checkt, lieber noch mal genauer zu prüfen.

Und obwohl ich im Kopf in diesem Moment ungefähr 85 Jahre alt und nicht 29 war, erwies sich die Fahrt an sich als eigentlich ziemlich cool. Und der Kaffee blieb auch drin, ein Glück.

Lieblingsziel: Das Park-Restaurant

Solider Anfang also, ganz wie früher. Eigentlich hätte ich in diesem Moment zufrieden sein und das erste Restaurant ansteuern können. Aber meine Kollegin Jule, mit der ich im Park war, hatte andere Pläne. Sie wollte in absolut JEDE Bahn rein. Kopfüber ins Verderben? Ja, bitte, gerne. Baumelnde Beine und Geschwindigkeiten von 100 km h? Unbedingt! Nur beim Freefall-Turm hat sie gekniffen: "Höhenangst". 

Während mir Schnelligkeit und schwindelerregende Höhen in der Regel wenig ausmachen, drehte sich mir der Magen vor allem in den Fahrgeschäften mit Loopings, Schrauben und fiesen Drehungen. Zu meiner Überraschung blieben Kaffee und Frühstück aber zum Glück da, wo sie hingehörten. Trotzdem fragte ich mich nach jeder Fahrt aufs Neue: Warum tue ich mir das überhaupt an? Warum freiwillig der Angst aussetzen, man könnte sich vor versammelter Mannschaft in einem überfüllten Park übergeben und komplett zum Affen machen? Oder, noch schlimmer: Warum freiwillig das Leben riskieren, wenn bei einer der Bahnen vielleicht doch - auch wenn das höchst unwahrscheinlich ist - eine Schraube locker sein könnte? Ich habe da eine Theorie: Weil das Gefühl so großartig ist, wenn man es überstanden hat - schön, wenn der Schmerz nachlässt.

Nach "Limit" der "Bobbahn", "Desert Race" und noch einigen anderen Bahnen, konnte ich endlich mein Lieblingsziel in jedem Freizeitpark ansteuern: das Restaurant. Denn eine Sache hat sich seit der Kindheit nicht verändert: Pommes mit Mayo und Ketchup, dazu eine Spezi - schmecken heute genauso gut wie damals und gehören genauso dazu wie Loopings und km/h. 

Am Ende konnte ich feststellen, dass mein Körper den Adrenalinkick von Achterbahn und Co. noch immer ganz gut verträgt. Bei keinem Fahrgeschäft habe ich gepasst (im Gegensatz zu Jule übrigens) - die Blöße wollte ich mir schlichtweg nicht geben. Wenn aber die Nahrungsaufnahme in einer der wenigen Pausen das größte Lächeln aufs Gesicht zaubert, muss man sich eingestehen: Die Kindheit ist wirklich vorbei. Aber hey, das ist nicht schlimm: In der Panoramabahn ist es auch ganz nett! Und da darf man sogar seinen Kaffee mitnehmen. 

Megan Connolly auf der Achterbahn