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Kommentar

Vier Wochen Begeisterung: Ich bin kein Fußballfan, freue mich aber auf die WM – ob es euch gefällt oder nicht

Darf ich bei der WM in Begeisterungsstürme ausbrechen, obwohl mich Fußball gar nicht interessiert? Unsere Autorin sagt: Auf jeden Fall! Und gegrölt wird auch.

Deutschland-Fans beim Public-Viewing zur WM

Ob diese Fans große Fußball-Expertise haben? Ist doch egal – Hauptsache voll dabei!

Picture Alliance

Deutschland gegen Argentinien im WM-Finale. Irgendwann im Juli 2014. Wenn ich mich darin erinnere, denke ich an die leicht schief hängende Leinwand. Und die Bierbänke, sorgfältig aufgereiht. Vielleicht 200 Menschen auf engstem Raum, in der dunklen Studentenkneipe im Olympiadorf in München. Und natürlich . Eins nach dem anderen. Und das billige Podolski-Trikot. Inzwischen völlig durchgeschwitzt. Es riecht nach Rausch und Angstschweiß. Spannung liegt in der Luft. Spannung bis zu diesem einen Moment der Erlösung, als Mario Götze sich unsterblich macht – und Deutschland Weltmeister wird. Diese betrunkene Euphorie, die dazu führt, dass Fremde Freunde werden. Grenzenloser Jubel. So wunderbar, dass mir nicht einmal Andreas Bouranis "Ein Hoch auf uns" die Laune verderben kann. Kurz darauf der einzige Moment in meinem Leben, in dem eine komplett mit hüpfenden Fußballfans überfüllte U-Bahn Spaß macht. 

Ich werde diesen Abend nie vergessen – und dabei bin ich kein Fußballfan.

Ich liebe Fußball – vier Wochen lang

Ich unterstütze keinen bestimmten Verein, ich verfolge die Bundesliga nicht und bin dafür bekannt, in diesem Bereich mit Nicht-Wissen und Desinteresse zu glänzen.

Und trotzdem freue ich mich auf die WM. Alle vier Jahre, oder auch alle zwei Jahre, wenn man die EM in meine zyklisch wiederkehrende Fußballbegeisterung einrechnet.

Fan für vier Wochen? Ich bin mir im Klaren darüber, dass diese Einstellung bei eingefleischten in meinem Bekanntenkreis die Augen rollen lässt.

Ich werde nicht jeden Spieler jeder Nationalmannschaft kennen. Nach dem Spiel werde ich auch nicht darüber fachsimpeln, ob der Elfmeter gerechtfertigt oder dieser eine Fallrückzieher genial war. Außerdem werde ich ohne jegliches Grundwissen aus einer wahllosen Sympathie heraus den Underdog des Turniers für mich ausfindig machen und für nur wenige Tage sein treuester Fan sein. Ich werde mitgrölen und mich mit mindestens drei Bier im Blut über Schiedsrichterentscheidungen aufregen – und ich werde gar nicht verstehen, worüber ich mich eigentlich gerade echauffiere. Und ja, ich werde jedes Mal wieder fragen, wer denn da in welcher Gruppe spielt und was das bedeutet und wer dann gegen wen im Achtelfinale spielt.

Das Seltsame ist: Uns unbeschwerten Gelegenheitsfans wird oft unsere auf vier Wochen begrenzte Begeisterung für das Spiel nicht gegönnt.

Für Begeisterung brauche ich kein Fachwissen

Warum eigentlich? Ich brauche doch kein Fachwissen, um mir Spiele der -WM anzuschauen! Und vor allem brauche ich kein Fachwissen, um von dieser Stimmung mitgerissen zu werden. Ist diese Faszination irgendwo zwischen Bier, Jubel und Herzrasen nicht auch das Schöne an Fußball? Dieser Sport begeistert Menschen überall auf der Welt. Für diese vier Wochen eben auch mich.

Weil ich während der WM mitfiebere, muss ich doch nicht zwangsläufig danach weiter regelmäßig Fußball verfolgen. Ich kann ja auch einmal in vier Jahren in die Oper gehen, die restliche Zeit aber Indie Rock hören. Stört doch auch niemanden.

Ich gebe zu, es wäre es mir fulltime auch viel zu viel: Ich sehe ja, wie Fußballfans im Freundeskreis jedes Wochenende aufs Neue leiden (HSV) oder wütend sind (HSV) oder verzweifeln (HSV). Dieses Auf und Ab der Gefühle will ich mir nicht antun. Dafür ist Fußball für mich doch zu banal. Oder vielleicht bin ich zu banal für Fußball.

Obwohl ich zugeben muss, dass ich die Faszination, die davon ausgeht, auf einer emotionalen Ebene nachvollziehen kann. Doch für mich dominiert nach den 90 Minuten die Gewissheit, dass alles nur ein Spiel ist. (Auch wenn das der Satz ist, den die wahren Fußballfans so sehr hassen.) Etwas, worüber ich mich aufregen darf, bis abgepfiffen wird. Danach verschwindet der Spielverlauf zusammen mit der ganzen Aufregung einfach in der Versenkung des Alltags.

Amateurhaft – aber leidenschaftlich!

Ich gebe es gerne zu: Ja, ich bin ein Trend-Fan. Ich begeistere mich für das globale Großevent; mag es, dass dieser Sport plötzlich fast alle mitreißt; kann aber nicht nachvollziehen, warum sich jemand an einem Samstag im November Hoffenheim gegen Wolfsburg anschaut. Ich bin jemand, der das Ziel verfolgt, aus diesen vier WM-Wochen hauptsächlich Spaß und Leichtigkeit und gute Laune mitzunehmen. Was heißt, dass wir alle zusammen das Beste aus diesen vier Wochen Fußball-Wahnsinn mitnehmen können. Eingefleischte Fans und Leute ohne Ahnung. Gemeinsam.

Und dabei dürft ihr Hardcore-Fans uns ahnungslose Gelegenheitsschauer gern belächeln. Aber Fakt ist: Wir werden einen tollen Sommer haben und wir werden diesen mit euch feiern – auf unsere ganz eigene amateurhafte, aber nicht weniger leidenschaftliche Art und Weise.